Mein Name ist Klitoris

Dokumentarfilm | Belgien 2019 | 80 Minuten

Regie: Daphné Leblond

Zwölf junge Frauen Anfang bis Mitte zwanzig geben Auskunft über ihre Sexualität und welche Erfahrungen sie damit gemacht haben. Im lockeren Gespräch mit den beiden Filmemacherinnen erzählen sie allein oder zu zweit ungezwungen und jugendfrei über die erste Periode und den ersten Sex, aber auch über Lust und sexuelles Erleben im weiteren Sinne bis zur mangelnden Aufklärung in Elternhaus und Schule. Gelegentliche Animationsclips und anderen kurze Bildfolgen lockern die Interviews auf. Zielgruppe des informativen Films sind vor allem Jugendliche inklusive Schulklassen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MON NOM EST CLITORIS
Produktionsland
Belgien
Produktionsjahr
2019
Regie
Daphné Leblond · Lisa Billuart-Monet
Buch
Daphné Leblond · Lisa Billuart-Monet
Kamera
Lisa Billuart-Monet
Musik
Thibaud Lalanne
Schnitt
Lydie Wisshaupt-Claudel · Daphné Leblond
Länge
80 Minuten
Kinostart
16.09.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Ein lockerer Interviewfilm zum Thema weibliche Sexualität aus der Sicht von zwölf jungen Frauen. Im Schnelldurchlauf werden sämtliche Frauenthemen aus der Sexabteilung behandelt.

Diskussion

Gleich zu Beginn malen Frauen und Mädchen eine Klitoris. Zumindest versuchen sie es, denn die Unwissenheit ist groß und die Überraschung noch größer, als sie mehr darüber erfahren. Der Start in ihr Sexleben liegt bei allen schon eine Weile zurück. Die jungen Frauen lassen die wichtigen „ersten Male“ Revue passieren: die erste Periode, der erste Sex, der erste Orgasmus – alles wichtige Ereignisse im Leben einer Frau. Nur wenige konnten sich in der Pubertät auf ihre Mütter verlassen. Wer Glück hatte, erfuhr rechtzeitig etwas über die Menstruation.

Der Bio-Unterricht zur Sexualaufklärung rangierte irgendwo zwischen Lachnummer und Spießrutenlauf. In den Erinnerungen entpuppt er sich als wenig geeignet, um den Mädchen die Unsicherheit zu nehmen. Nach ihrer Ansicht wäre es besser, diese Themen im Unterricht nach Geschlechtern getrennt zu besprechen, damit alle über ihre Fragen und Ängste reden können und niemandem etwas peinlich ist.

Im Gespräch mit den Eltern oder in der Schule geht es meist nie um Lust und Sinnlichkeit und am allerwenigsten um das weibliche Begehren. Damit bleiben Mädchen auch heute oft allein. Wenn über Masturbation gesprochen wird, dann meist über die des Mannes.

Wann ist es endlich so weit?

Überhaupt: die Jungs! Sie sind oft ausschlaggebend dafür, dass Mädchen sich mehr Gedanken über ihren Körper machen. Männer werden schnell zur Projektionsfläche, auf der sich die Mädchen, auch untereinander, spiegeln und betrachten. So wird ein erheblicher Druck aufgebaut. Wann ist es endlich so weit? Wer hat schon, und wer kommt als nächstes dran? Der erste Sex, der erste Orgasmus – vaginal, klitoral, mit einem Jungen, mit einem Mädchen, allein. Dabei spielt auch die Erwartungshaltung eine wichtige Rolle.

Alle zwölf jungen Frauen zwischen Anfang und Mitte zwanzig verbinden ihre ersten sexuellen Erfahrungen oft mit witzigen oder rührenden Erlebnissen, manche weniger mit Lust als mit einem schlechten Gewissen oder mit Reue.

Das Setting des Films erinnert manchmal an eine Pyjama-Party oder einen Mädchenabend, was offenbar beabsichtigt ist. Die Mädchen sitzen auf ihren Betten, allein oder zu zweit, und sie schwatzen in erfreulicher Offenheit einfach drauflos. Daraus ergibt sich eine lockere Atmosphäre, in der sich ganz ungezwungen über Sex und alles, was damit verbunden ist, reden lässt. Gegenüber den belgischen Filmemacherinnen Daphné Leblond und Lisa Billuart-Monet gibt es keine Hemmungen und keine Scham – Gedanken, Erlebnisse und intime Details werden ganz selbstverständlich preisgegeben. Anders als der provokative Titel glauben lässt, geht es hier nicht spektakulär zu. Alles, was mit Sex zu tun hat, bleibt in einem nahezu jugendfreien Rahmen.

So unglaublich es ist, dass es immer noch Mädchen zu geben scheint, die von ihrer ersten Periode überrascht werden und nicht wissen, was sie tun sollen, so logisch scheint es auch zu sein, dass sie hier nicht ihre größten Reinfälle und Niederlagen beschreiben oder ihre geheimsten Gefühle, sondern dass sie mit den Regisseurinnen genauso über Sex reden wie mit ihren Freundinnen.

Lediglich das erste Drittel des Films beschäftigt sich tatsächlich mit der Klitoris. Ansonsten werden zahlreiche weitere Themen behandelt, die im engeren oder weiteren Sinne mit Lust und sexuellem Erleben zu tun haben: von der Intimrasur über das Pro und Contra zu Pornos, von der ersten lesbischen Erfahrung bis zur mangelhaften Aufklärung durch Elternhaus und Schule, vom vorgetäuschten Orgasmus bis zum Body Shaming.

Ein Organ der Lust

Am Ende geht es wieder zurück an den Anfang und zum ursprünglichen Ausgangspunkt. Jedes Mädchen hat eine selbst erstellte Schablone in Form einer Klitoris. Gemeinsam besprühen sie freudvoll ein paar Wände und hinterlassen überall ihre Abbildnisse als Bekenntnis zu ihrer Weiblichkeit und als Zeichen, das vor allem Eingeweihte erkennen: Die Bilder stellen jeweils eine komplette Klitoris dar, einschließlich der verborgenen Teile unter der Haut – ein komplexes Organ von erheblichem Umfang, das nur einen einzigen Zweck erfüllt: Lust zu bereiten.

Der Film dient vor allem Informationszwecken. Manchmal wirkt er wie ein etwas aufgepeppter moderner Aufklärungsfilm. Die beiden jungen Filmemacherinnen Lisa Billuart-Monet und Daphné Leblond bleiben zu Beginn im Hintergrund. Doch nach etwa 30 Minuten zeigen sie sich: Sie sitzen, liegen, kauern mit ihrer minimalistischen Kamera- und Tonausrüstung direkt neben ihren Interviewpartnerinnen und unterscheiden sich in Alter und Aufmachung kaum von ihnen. Die Vertrauensbasis stimmt von Anfang an. Nur selten werden die Interviews unterbrochen; es gibt ein paar Animationsclips und andere kurze Bildfolgen, die vermutlich aus Aufklärungsfilmen oder Fernsehsendungen stammen. Sie bringen etwas Abwechslung in den Mädchenreigen.

Die jungen Frauen agieren allesamt sehr natürlich. Viele berichten lustig und engagiert oder auch mal ganz nüchtern von ihren Erlebnissen oder Wünschen. Dabei herrscht stets ein angenehm lockerer Tonfall. Diese lässige und selbstverständliche Atmosphäre ist einer der großen Pluspunkte des Films, der zeigt, dass sich trotz aller Fortschritte in den letzten Jahrzehnten erschütternd wenig geändert zu haben scheint, zumindest was die Beziehungen zwischen Mädchen, Eltern, Schule und Jungs in der schwierigen Phase der sexuellen Entwicklung betrifft.

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