May, die dritte Frau

Drama | Vietnam 2018 | 96 Minuten

Regie: Ash Mayfair

Eine Heranwachsende aus Vietnam wird im 19. Jahrhundert zur dritten Ehefrau eines deutlich älteren Besitzers einer Seidenplantage erkoren und in das Leben der Farm integriert. Das in schmerzhaft schönen Bildern fotografierte und von meditativ dahinfließenden Klängen umspielte Drama erzählt auf verstörend lakonische Weise von Glück, Leid und Tod. Ein kraftvoll poetischer Film, der sich scheinbar affirmativ auf die schicksalhafte Gleichförmigkeit von Unterdrückung und Gewalt im Leben der Frauen einlässt, aber gleichzeitig eine schlafwandlerische Distanz dazu hält. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE THIRD WIFE
Produktionsland
Vietnam
Produktionsjahr
2018
Regie
Ash Mayfair
Buch
Ash Mayfair
Kamera
Chananun Chotrungroj
Musik
An Ton That
Schnitt
Julie Béziau
Darsteller
Phuong Tra My Nguyen (May) · Hong Chuong Ngyuen (Ong Ba) · Long Le Vu (Hung) · Nguyen Nhu Quynh (Ba Lao) · Tran Nu Yên-Khê (Ha)
Länge
96 Minuten
Kinostart
10.06.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Ein in melancholischen Bildern entfaltetes Drama von somnambuler Schönheit um ein 14-jähriges Mädchen, das im 19. Jahrhundert zur dritten Ehefrau eines Seidenplantagenbesitzers erkoren wird und daran zu zerbrechen droht.

Diskussion

Vietnam im 19. Jahrhundert. Die Sonne steht noch tief, als die rotgeschmückten Ruderboote sich behutsam über den ruhigen Fluss nähern. Die junge, festlich gekleidete Braut, die zu einem viel älteren Mann gebracht wird, den sie noch nie zuvor gesehen hat, lässt ihre Finger schweigend durch das Wasser streifen. May ist erst 14 Jahre alt. Sie soll die dritte Frau eines reichen Seidenplantagenbesitzers werden. Als sie auf dem Landgut ankommt, beginnt ein heiteres Fest mit gedämpfter Fröhlichkeit und stillem Ernst. Alles folgt festgelegten Ritualen, auch die Hochzeitsnacht. May lässt es duldsam über sich ergehen.

Zum Alltag auf der Plantage, in den May in den nächsten Tagen von Lao, der ersten Frau, und Xuan, der zweiten Frau ihres gemeinsamen Ehemannes, sanft und nachsichtig eingeführt wird, heißt es im Presseheft: „Auch wenn die beiden anderen Ehefrauen sie schwesterlich aufnehmen, erkennt May doch bald, dass nur ein Mann etwas wert ist.“ Am Ende, so schließt die Synopsis, muss sie sich „entscheiden, ob sie entweder still duldend und geborgen weiterleben will oder versucht, sich ihre persönliche Freiheit zu erkämpfen“.

Ein kluges, poetisches (Film-)Kunstwerk

Diese Zusammenfassung beschreibt auf pointierte Weise den Grundkonflikt, den die Drehbuchautorin und Regisseurin Ash Mayfair mit ihrem Spielfilmdebüt, das von Erzählungen ihrer Großmutter und Urgroßmutter inspiriert ist, ins Visier genommen hat. Dennoch klingt es nach einem anderen Film als nach dem, den Mayfair gedreht hat. Denn die Regisseurin vermeidet gerade einen anachronistisch abwertenden Blick auf die patriarchale vietnamesische Gesellschaft. Und das sogar mit einer mitunter irritierenden Konsequenz, die sich am Ende jedoch auszahlt, weil sie der Preis ist für ein kluges, poetisches Kunstwerk, das selbst dem Entsetzlichen noch eine betäubende Schönheit abzugewinnen vermag, ohne zu beschönigen.

Mayfair gelingt dies, indem sie nicht von heute auf die Welt von damals hinabsieht, sondern gewissermaßen in die Vergangenheit hineinschlüpft und doch zugleich eine geisterhafte, fast schlafwandlerische Distanz dazu behält. Es ist, als versänken wir alle zusammen mit der jungen, hilflosen May in einen wattig paralysierenden Traum, aus dem es kein Erwachen gibt. Alles, was mit ihr und um sie herum geschieht, treibt wie in einer gleichmäßigen, unaufhaltsamen Strömung über sie hinweg: das Zärtliche und Leidenschaftliche, die Liebe ebenso wie der Schmerz, der Tod, ihre eigene Verlorenheit.

Ein Junge soll es sein

Zögerlich erforscht May ihre Sexualität, fasziniert beobachtet sie das heimliche Verhältnis zwischen Xuan und Hungs ältestem Sohn Son. Sie verliebt sich in Xuan, die ihre Liebe jedoch nur „wie eine Mutter“ erwidert. Als May schwanger wird, wünscht sie sich einen Jungen, wie alle Frauen. Es ist ihre einzige Chance, an Ansehen zu gewinnen und ihre Stellung zu verbessern. May erlebt mit, wie Lao eine Fehlgeburt erleidet, wie Son verzweifelt, als auch er mit einer jungen Braut zwangsverheiratet werden soll, und wie sich die Kindbraut erhängt, als Son sie zurückweist und ihr Vater ihr dafür die Schuld gibt.

Das Leben auf der Seidenfarm entspinnt sich in cineastischen Gemälden von narkotisierender Schönheit, untermalt von meditativ dahinfließenden Klängen und dargeboten von drei grandiosen, charismatischen Schauspielerinnen in den Rollen der Ehefrauen. Unterdrückung, Gewalt und Tod werden auf verstörend lakonische Weise miteinander verwoben. Im Vorbeigehen streift die Kamera einen auf dem Boden knienden Diener, der von Hung persönlich mit Stockhieben auf den entblößten Rücken für eine uneheliche Beziehung bestraft wird. Seine schwangere Geliebte wird mit kurzgeschorenen Haaren durch das Tor hinaus und zum Kloster geführt. All das vollzieht sich mit der gleichen ritualisierten sinnlichen Anmut wie das Kämmen von Mays Haaren oder das Einölen ihres Babybauchs. Eine Aufnahme aus der Ferne zeigt Sons unerwünschte Braut, die sich mit einem weißen Seidenschal an einem Baum erhängt hat, wie ein schrecklich-schönes Gespenst in einer pittoresken Landschaft.

Glück und Leid und Unrecht werden gleichsam zu einem Seidenkokon verwoben, unterschiedslos und schicksalhaft, sodass wohl nur die Wahl bleibt, sich dem hinzugeben, daran zu ersticken oder aber den Kokon zu zerreißen.

Der Fluss trägt sie mit sich fort

Der Film endet wortlos, schweigend, den Kamerablick auf ein kleines, trotziges Mädchen gerichtet, das in der Filmhandlung bislang nichts weiter darstellte als eine scheinbar unbedeutende, niedliche Nebenfigur. Mit einem leichten, zögerlichen Lächeln blickt das Mädchen in die Linse, nachdem es sich zuvor mit einer großen Schere die langen Haare abgeschnitten hat. Der Fluss trägt sie büschelweise davon.

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