Action | Großbritannien/Deutschland/Neuseeland 2019 | 98 Minuten

Regie: Jason Lei Howden

Ein nerdiger Entwickler von Computerspielen wird zur Teilnahme an einer Reality-Show gezwungen, in der er in Bademantel und Tigerkrallen-Hausschuhen gegen Killer aus dem Darknet antreten muss. Der satirisch gemeinte Film erzeugt einen verführerischen Rausch aus grellbunten Actionszenen mit viel Blut und einer glänzenden Computerspiel-Ästhetik, frönt dabei aber mehr der Lust an der Gewalt, als dass er sie kritisiert. Der Versuch, Internet-Trolle mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, wirkt wie eine als Rock-Oper verkleidete Gewaltorgie, deren verschlungene Metaebenen vielleicht ironisch gemeint, aber doch ziemlich aufgesetzt sind.

Filmdaten

Originaltitel
GUNS AKIMBO
Produktionsland
Großbritannien/Deutschland/Neuseeland
Produktionsjahr
2019
Regie
Jason Lei Howden
Buch
Jason Lei Howden
Kamera
Stefan Ciupek
Musik
Enis Rotthoff
Schnitt
Luke Haigh · Zaz Montana
Darsteller
Daniel Radcliffe (Miles) · Samara Weaving (Nix) · Rhys Darby (Glenjamin) · Mark Rowley (Dane) · Natasha Liu Bordizzo (Nova)
Länge
98 Minuten
Kinostart
25.06.2020
Fsk
ab 16; f
Genre
Action | Komödie

Als Rock-Oper verkleidete Gewaltorgie, in der ein nerdiger Programmierer zur Teilnahme an einer Reality-Show gezwungen wird, in der er gegen Killer aus dem Darknet antreten muss.

Diskussion

Manchmal holt die analoge Welt die digitale Realität doch noch ein, ob man will oder nicht. Dann müssen Internet-Trolle für Maulheldentum oder unflätige Beschimpfungen geradestehen, mit denen in Online-Foren auf großen Macker gemacht wurde. Wer auch nur kurz in die Kommentarspalten der sozialen Medien geschielt hat, wird den Impuls verstehen, die grässlichen Störenfriede mit ihren eigenen Waffen schlagen zu wollen.

Diesen Wunsch nimmt der neuseeländische Regisseur Jason Lei Howden in „Guns Akimbo“ wortwörtlich und setzt ihn auf gleiche Weise in Bilder um. Daniel Radcliffe spielt den Verlierer Miles, einen erfolglosen Programmierer von sinnlosen Handyspielen für Kinder. Nur abends auf der Couch blüht Miles auf, wenn er sich in seiner mit Film- und Computerspiel-Memorabilia vollgestellten Wohnung mit anderen Usern einen Schlagabtausch liefert. Als er im Darknet jedoch an Riktor gerät, den Drahtzieher der live gestreamten Reality-Spielshow „Skizm“, ist er schnell den Schutz seines digitalen Avatars los. Denn Riktor schlägt Miles kurzerhand im realen Leben k.o. und verwandelt ihn in einen Kämpfer seiner Show.

Zwei Knarren an den Händen

Als Miles erwacht, sind in seine Hände Schusswaffen verschraubt, und er ist zur beidseitig schießenden Karikatur einer Computerspielfigur geworden: ein Schwächling in Bademantel und Tigerkrallen-Hausschuhen, für den in Folge seiner Knarrenhände jeder Türknauf zum Hindernis und jeder Toilettengang zur Gefahr wird. Sein Auftrag und Schicksal ist es, gegen die führende Skizm-Killerin Nix zu kämpfen. Der Nervenkitzel liegt darin, wer am Ende auf spektakuläre, weil ultrabrutal-stilisierte Art und Weise von seinem Gegenüber umgebracht wird. Eine weltweite Fanbase fiebert bei diesem Live-Action-Gewaltcartoon freudig mit.

Die weitere Handlung lässt den Traum jedes Gamer-Nerds wahr werden, wenn der Loser den Helden in sich entdeckt – und Überzeugungen, für die er eintreten kann. Howden macht aus Miles’ Durchschnittsheldenreise eine Satire auf Internettrolle, die endlich bekommen, was sie verdienen – mit durchchoreografiertem Geballere in Computerspieloptik, fließenden Kamerafahrten, die von einem Bullet-Time-Effekt zum nächsten strömen und im Takt pixelig dudelnder Cover-Versionen deskriptiver Rock-Klassiker wie „Ballroom Blitz“ oder „Real Wild Child“ pulsieren.

Wer ist der Troll und wer der Getrollte?

Die Kerben, in die „Guns Akimbo“ schlagen will, sind offensichtlich: Die bunte Computerspielästhetik aus der Comic-Verfilmung „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ (2010) trifft hier auf die Egoshooter-Dramaturgie aus „The Tournament“ (2009) oder „Gamer“ (2009). Die doppelte und dreifache Verschlingung ironischer Metaebenen hatte zuletzt in der Superhelden-Satire „Deadpool“ (2016) für Jauchzen gesorgt. Das braust dann rasant und in knalligen Neonfarben als Bilderrausch vorüber. Man könnte meinen, dass Howden die Trolle mit ihren eigenen Waffen schlagen will: Miles und Riktor verbindet eine Frankenstein-hafte Schöpfer-Kreatur-Beziehung. Doch wer ist hier eigentlich der Troll, und wer der Getrollte? So richtig deutlich wird das nicht.

Auf unangenehme Art hat Jason Lei Howden genau dieses Vorgehen auch in die Realität gespiegelt, als er kurz vor dem US-Kinostart von „Guns Akimbo“ im Februar 2020 der Betreiberin eines Filmblogs zur Seite sprang. Diese wurde auf Twitter zu Recht für die Verwendung eines rassistischen Begriffs gerügt; ihre afroamerikanischen Mitarbeiter verließen daraufhin die Firma. Howden jedoch hatte nichts Besseres zu tun, als die Autoren auf Twitter als „pseudo-woke“ zu beschimpfen und ihre Namen öffentlich zu machen, in der Absicht, ihren Karrieren zu schaden. Auf ähnliche Weise sieht man seine scheinbar aufgesetzte Besorgnis gegenüber Internet-Trollen auch „Guns Akimbo“ an. Darin spritzen Blut, Hirn und Zähne mit so viel Lust am lachenden Haudrauf, dass Zweifel aufkommen, ob Howdens Kommentar auf entwürdigende Reality-Formate wirklich so satirisch überhöht ist, wie er seinem Publikum weismachen will. Immer wieder vergisst der Film, dass er Satire sein möchte, und reproduziert in diesen Momenten auf der Leinwand genau das, was er zu kritisieren vorgibt: nämlich ästhetisierte Gewalt verbaler und physischer Natur, die nur um ihrer selbst willen stattfindet.

Eine Figur allein kann kein wackeliges Narrativ retten

Es wäre aber heuchlerisch, zu behaupten, dass der Schauwert einer solchen als Rock-Oper verkleideten Gewaltorgie keine Faszination ausüben würde. Anders als beim Torture-Porn-Genre steht in „Guns Akimbo“ die scherzhafte Freude über die Diskrepanz zwischen dem Schluffi Miles und der ihm aufgezwungenen Rolle als Actionheld im Vordergrund. Sicherlich kann eine Figur allein kein wackeliges Narrativ im Alleingang retten. Doch Daniel Radcliffe, der seit dem Ende der Harry-Potter-Reihe demonstrativ auf abseitige Rollen setzt, wirft sich mit einer so durchgeknallten Wucht in die teils absurden Szenen, dass man ihm auch durch diese oft holprige Satire meist schmunzelnd folgt.

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