Serie | Deutschland 2020 | 162 (vier Folgen) Minuten

Regie: Sophie Linnenbaum

Nach dem Wahlsieg einer rechtspopulistischen Partei verändert sich das Verhältnis zweier benachbarter Familien grundlegend, da die eine triumphiert, während die andere angesichts der neuen Verhältnisse in eine Schockstarre verfällt. Bald aber verstärken sich latente Spannungen, die weitere Zuspitzung nach sich ziehen. Die vierteilige Miniserie verzichtet auf explosive Eskalationen, sondern zeichnet mit psychologischer Einfühlung den schleichenden moralischen und gesellschaftlichen Verfall nach. Deutlich wird, wie Opportunismus und Passivität zur Zerrüttung sozialer Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenlebens führen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Sophie Linnenbaum · Simon Ostermann
Buch
Stefan Rogall
Kamera
Claire Jahn · Tom Holzhauser
Musik
Leonard Petersen
Schnitt
Martin Wunschick · Ramin Sabeti
Darsteller
Milena Dreißig (Ulrike Pielcke) · Thorsten Merten (Frank Pielcke) · Johannes Geller (Marvin Pielcke) · Meike Droste (Eva Schneider) · Felix Knopp (Christoph Schneider)
Länge
162 (vier Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Serie

Vierteilige Miniserie über zwei benachbarte Familien in einer deutschen Vorortsiedlung, die sich nach dem Wahlsieg einer rechtspopulistischen Partei entgegengesetzt verhalten.

Diskussion

Die einen triumphieren, die anderen ziehen bittere Mienen: Bei der Bundestagswahl hat eine rechtspopulistische Partei die absolute Mehrheit errungen. Das Ehepaar Pielcke jubelt, die Schneiders von nebenan sind besorgt. Die Familien leben in einem ruhigen Vorort einer ungenannten deutschen Großstadt Seite an Seite in fast identischen Vorstadthäusern. Nur die Fassadenfarben unterscheiden sich. Schneiders wählten rot, die Pielckes hellblau. Das darf man symbolisch verstehen.

Bisher kamen die Pielckes und die Schneiders gut miteinander aus und leisteten sich gegenseitig Nachbarschaftshilfe. So werden die etwa gleich alten Söhne David Schneider (Paul Sundheim) und Marvin Pielcke (Johannes Geller) morgens von Christoph Schneider (Felix Knopp) zu ihrer Schule kutschiert, wo er als Lehrer tätig ist. David hat eine Freundin, Cansu (Lara Aylin Winkler), eine deutsche Mitschülerin mit türkischen Vorfahren; Marvin beneidet den Freund, von David unbemerkt.

Gesinnungswandel & Diskriminierungen

Doch schon kurz nach der Wahl ändert sich die Stimmung im Land. Immer häufiger sind ausländerfeindliche Parolen zu hören. So auch in der Apotheke, in der Eva Schneider (Meike Droste) neben dem Kollegen Burak Derzidan (Atheer Adel) als Pharmazeutin arbeitet. Das Kollegium an Christoph Schneiders Schule erhält derweil neue Richtlinien. Die verlangen einen „selbstbewussten Umgang“ mit der deutschen Geschichte. Ein Teil der Lehrerschaft begrüßt den revisionistischen Maßnahmenkatalog, andere, auch Christoph Schneider, reagieren empört. Bald fügt sich die Mehrheit, darunter auch die Direktorin, den Populisten.

Frank Pielcke (Thorsten Merten) wiederum führt von zu Hause aus einen kleinen Sanitärbetrieb. Günter Kellenburg (Michael Lott), der Vater seines Auszubildenden, rät ihm zur Anmietung eines Ladenlokals, um sein Geschäft zu erweitern. Er will sowohl bei der Erteilung des nötigen Kredits wie auch bei der Kundenakquise behilflich sein. Kellenburg hat eine bestimmte Immobilie im Auge. Für die gibt es eigentlich einen Vorvertrag mit Bilal Oktay (Erdal Gürcü), Cansus Vater, der ein Burger-Lokal betreibt und eine Filiale eröffnen möchte. Aber der ideologisch weit rechts stehende Kellenburg hätte lieber einen Mieter gleicher Couleur.

Latente Spannungen sind in der Figurenkonstellation des Vierteilers „Deutscher“ von Anfang an gegeben; sie verstärken sich angesichts der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse. Die einen verharmlosen ausländerfeindliche Beleidigungen und Übergriffe oder heißen sie sogar gut, die anderen leisten noch ideellen Widerstand. Zunehmend hilflos. Die Ereignisse spitzen sich zu.

Wie sieht der Rechtsruck im deutschen Alltag aus?

Drehbuchautor Stefan Rogall wählt einen interessanten Ansatz für das Thema einer rechtspopulistischen Regierungsübernahme: Das Geschehen siedelt nicht auf der großen politischen Bühne in Berlin, sondern in zwei typisch deutschen, beinahe zwillingshaften Einfamilienhäusern, die von der Kamera (Tom Holzhauser, Claire Jahn) immer wieder in symmetrischer Perspektive in den Blick genommen werden. Auf den ersten Blick gleiche Lebensumstände – dennoch hegen die Bewohner konträre politische Ansichten.

Bei den Pielckes wirken die Erfahrung wirtschaftlicher Unsicherheit und das Gefühl von Benachteiligung. Im Umfeld der Schneiders regieren Gruppenverhalten und Eigennutz. Forderungen nach Meinungsfreiheit und Weltoffenheit verkommen schnell zu Lippenbekenntnissen. Man passt sich an, sobald das bequeme Leben bedroht scheint.

Schleichender moralischer und kultureller Verfall

Stefan Rogall und die Regisseure Simon Ostermann und Sophie Linnenbaum verzichten auf explosive Eskalationen. Sie widmen sich intensiv und mit psychologischer Einfühlung, bildnerisch in subtiler Symbolik, dem schleichenden moralischen und kulturellen Verfall, aber auch der wachsenden Beunruhigung und Verunsicherung. Sie zeigen auf, wie Opportunismus und Passivität zur Zerrüttung sozialer Beziehungen und des bürgerlichen Zusammenlebens beitragen. Die Perspektive bleibt dabei durchweg lebensweltlich: Hier wird niemand denunziert und ebenso wenig idealisiert. Die Palette menschlicher Eigenschaften ist bunt, unabhängig von Kultur, Herkunft, Religion.

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