Action | Südkorea 2019 | 123 Minuten

Regie: Kim Byung-seo

Der Ausbruch des Vulkans Paektusan droht das Leben auf der koreanischen Halbinsel zu vernichten. Eine südkoreanische Spezialeinheit dringt in das bereits schwer verwüstete Nordkorea vor, um mit Hilfe eines entwendeten Atomsprengkopfs eine zweite Eruption des Vulkans zu verhindern. Der Katastrophenfilm verbindet das Spektakel mit koreanischer Verbrüderungssymbolik. Das Pathos und die Zankereien zwischen den zu Nord- und Südkorea loyalen Mitgliedern fügen sich in einer Reihe leichtfüßiger, symbolischer Actionszenen zu einer stimmigen Balance zusammen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ASHFALL
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2019
Regie
Kim Byung-seo · Lee Hae-jun
Buch
Kim Byung-seo · Lee Hae-jun
Kamera
Kim Ji-Yong
Musik
Bang Jun Suk
Schnitt
Kim Hye-jin · Kim Zin-o
Darsteller
Lee Byung-hun (Lee Joon-Pyeong) · Ha Jung-woo (Jo In-Chang) · Jeon Hye-Jin (Jeon Yoo-Kyung) · Dong-seok Ma (Kang Bong-Rae) · Suzy Bae (Choi Ji-Young)
Länge
123 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Action | Katastrophenfilm

Heimkino

Als DVD, BD und als DVD/BD-Mediabook mit einem reich bebilderten Booklet, das Cast und Crew sowie zentrale Figuren vorstellt. Bonusmaterial: Making-of, ein Feature zum Cast, Kinotrailer.

Verleih DVD
Capelight
Verleih Blu-ray
Capelight
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Geeint durch die Gefahr? Eine fatale Naturkatastrophe gefährdet in dem Actionfilm sowohl Nord- als auch Südkorea und zwingt zu einer gefährlichen Offensive.

Diskussion

Grenzen zerschneiden die koreanische Halbinsel. Nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft war es der 38. Breitengrad, der das Land in Nord- und Südkorea teilte, nach Ende des Koreakriegs die Demarkationslinie, die sich an ihm entlang schlängelt und die schließlich zur noch immer bestehenden demilitarisierten Zone wurde. Seit fast 75 Jahren teilen diese Grenzen das koreanische Volk. „Ashfall“ braucht keine fünf Minuten, um sie zu sprengen. Der Ausbruch des Paektusan und das nachfolgende Erdbeben erschüttern die gesamte Halbinsel. Der sagenumwobene Vulkan, der dem Dangun-Mythos nach die Gründungsstätte des koreanischen Volkes ist, droht das in zwei Nationen geteilte Volk unter der Gewalt seiner Eruption und einer Wolke aus Asche zu begraben.

Mit einer Atombombe gegen den Vulkan

Die symbolisch aufgeladene Katastrophe bricht dazu noch zu einem auf mehreren Ebenen brisanten Zeitpunkt herein. Nord- und Südkorea haben soeben ein Abkommen zur nuklearen Abrüstung unterschrieben, während Jo In-Chang (Ha Jung-woo) und seine Frau Choi Ji-Young (Suzy Bae) ihr erstes Kind erwarten. Der Spezialist für Bombenentschärfung beobachtet den letzten symbolischen Akt der friedlichen Annäherung auf dem riesigen LED-Bildschirm an einem Wolkenkratzer, als die erste Erschütterung Seoul trifft. Während der Boden unter ihm wackelt, zeigt der Großbildschirm, wie das nordkoreanische Kulturzentrum zu Staub zerfällt. Das Katastrophenszenario von Roland-Emmerich'sch-Ausmaß, das zunächst nur auf der LED-Leinwand stattfindet, greift bald auf Seoul über.

Noch bevor Jo In-Chang seine Frau erreichen kann, wird er in das Krisenteam der Regierung berufen. Auf Basis der Forschung des Geologen Kang Bong-Rae (Ma Dong-seok) fasst man den Plan, das Vulkanbecken vor einer potenziell tödlichen zweiten Eruption mit Hilfe einer unterirdisch platzierten Atombombe aufzusprengen. Eine klassische Katastrophenfilm-Prämisse also: so haarsträubend, wie es im Genre üblich ist, und so brisant, wie es in der dafür geschaffenen Welt nötig ist. Das Team muss dafür nicht nur nach Nordkorea vordringen, dort den übergelaufenen Spion Lee Joon-Pyeong (Lee Byung-hun) befreien, mit seiner Hilfe einen Nuklearsprengkopf entwenden (sprich: den gerade unterzeichneten Vertrag aufkündigen), sondern die Bombe auch noch in einem Minenschacht nahe des Paektusan platzieren.

Wiedervereinigungspathos trifft auf humorvolle Actionszenen

Dass bei der Mission nur mit Gummipatronen aufeinander geschossen wird, ist kein Zufall. Ohne die Absurdität des Plots in Frage zu stellen, entwickelt das Regie-Duo Kim Byung-seo und Lee Hae-jun eine erstaunlich ausgewogene Mischung aus Wiedervereinigungspathos und humorvollen Actionszenen. Allein die Reise des Atomsprengkopfes zeigt, mit wie wenig Absicherung sich „Ashfall“ in die Tiefen der gesamtkoreanischen Katastrophe stürzt. Die Bombe nähert sich ihrem Ziel, indem sie wahlweise in einem Einkaufswagen über eine einstürzende Brücke gezogen oder im Kofferraum eines Taxis auf den Feuerball-werfenden Vulkan zugesteuert wird.

Die Spannungen vor Ort, sprich: in Nordkorea, werden von allerlei menschlichen Dramen in Südkorea begleitet. Während die Hochschwangere Choi Ji-Young die Evakuierung Seouls zu überstehen versucht, muss die von der Politikerin Jeon Yoo-Kyung (Jeon Hye-jin) und dem Geologen Kang Bong-Rae geleitete Task Force zusehen, wie sich die Großmächte in den Konflikt einmischen. US-Bodentruppen sind bald ebenso in den Konflikt verwickelt wie deren Gegenspieler auf chinesischer Seite.

„Ashfall“ entwirft das Bild eines Landes, das von den Interessen der Großmächte zerrissen wird und dabei selbst versucht, die drohende Katastrophe abzuwenden. Es liegt dementsprechend viel Pathos in der Luft. Dabei findet der Film gerade dort, wo beiden Parteien aller Kraftanstrengung zum Trotz auf die gemeinsame Identität zurückgeworfen werden, immer wieder eine erstaunliche Balance. Wieder und wieder müssen Joon-Pyeong, In-Chang und die anderen Mitglieder der Einheit feststellen, dass man nicht nur die gleiche Sprache spricht, sondern auch die gleichen Serien schaut und eine sozialistische Cola eben auch nach Cola schmeckt.

Nord- und Südkorea: Das ungleiche Brüderpaar

Das Tauziehen zwischen Joon-Pyeong und In-Chang, das sinnbildlich Nord gegen Süd bzw. maximal beschleunigten Kapitalismus gegen autoritäre Eigenversion von Sozialismus repräsentiert, stützt sich dabei auf die in jedem Sinne brüderliche Beziehung, die sich zwischen beiden entwickelt. Die Schauspieler Ha Jung-woo und Lee Byung-hun haben sichtlich Spaß dabei, sich als ungleiches Brüderpaar kleine Spitzen unterzuschieben oder sich raufend auf dem Boden zu wälzen. Was im geopolitischen Gesamtgefüge oft mit dem Pathos einer melodramatischen UN-Sondersitzung aufgeladen wird, wirkt im brüderlichen Zweikampf so stimmig wie leichtfüßig. Die Bildsprache schleust die Zankerei elegant in das Actionspektakel ein und arbeitet sich dabei, ähnlich wie Park Chan-wooks „Joint Security Area“ von der Grenz- und Trennungs- zur Verbrüderungssymbolik vor.

So kämpfen Joon-Pyeong und In-Chang auf der Flucht vor einer US-Spezialeinheit mit aller Gewalt um das Lenkrad ihres Fahrzeugs, müssen dabei aber immer wieder kurz zusammenarbeiten, um nicht an den auftauchenden Hindernissen zu zerschellen. Als der Wagen schließlich doch von der Straße abkommt, nutzt Joon-Pyeong die Chance, den anderen mit dem Taser zu lähmen. Kaum wird In-Chang vom Stromstoß erfasst, berührt er einfach seinen Kontrahenten und beide fallen zitternd und ineinander verschlungen in Ohnmacht.

 Es ist nur eine unter vielen tragikomischen Reibereien, die „Ashfall“ zwischen die Bilder von aufgerissenen Straßen, verwaisten Stadtruinen und einstürzenden Neubauten setzt. Die Katastrophe bringt letztlich die gleichen Konsequenzen wie der innerkoreanische Konflikt hervor: Man löffelt die Suppe gemeinsam aus. Auch wenn den nordkoreanischen Nachbarn letztlich keine eigene Stimme gegeben wird, schafft es „Ashfall“, die Grenz-sprengenden Eruption zu einem koreanischen Kollektiveinsatz umzuformen.

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