Drama | USA/GB 2017 | 220 (vier Episoden) Minuten

Regie: Hettie MacDonald

Anfang des 20. Jahrhunderts machen zwei emanzipierte deutsch-britische Schwestern die Bekanntschaft einer konservativen englischen Fabrikantenfamilie. Durch Freundschaft und Heirat werden die beiden Familien weiter miteinander verstrickt, stehen sich jedoch in zahllosen Fragen konträr gegenüber. Als die jüngere Schwester sich mit einem Mann aus der Arbeiterklasse einlässt, treibt dieses „soziale Experiment“ auf eine Katastrophe zu. Gediegene Adaption des 1910 erschienenen Gesellschaftsromans von E.M. Forster als vierteilige Miniserie, die weitgehend auf ihre aufwändige Ausstattung und gute Darsteller setzt. Dabei gelingt es ihr freilich auch mit bemühten Aktualisierungen nicht, die dahinplätschernde Story zu verdichten. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HOWARDS END
Produktionsland
USA/GB
Produktionsjahr
2017
Regie
Hettie MacDonald
Buch
Kenneth Lonergan
Kamera
Wojciech Szepel
Musik
Nico Muhly
Schnitt
Stephen O'Connell
Darsteller
Hayley Atwell (Margaret Schlegel) · Matthew MacFadyen (Henry Wilcox) · Philippa Coulthard (Helen Schlegel) · Alex Lawther (Tibby Schlegel) · Joseph Quinn (Leonard Bast)
Länge
220 (vier Episoden) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Serie

Vierteilige Adaption des Gesellschaftsromans von E.M. Forster über britische Familien aus unterschiedlichen Klassen, deren Wege sich Anfang des 20. Jahrhunderts kreuzen.

Diskussion

„Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod“, weiß ein altes orientalisches Sprichwort. Thomas Mann, Experte in solchen Fragen häuslicher Dekadenz, ergänzt in „Buddenbrooks“: „Nun, es braucht noch nicht grade der Tod zu sein. Aber der Rückgang ... der Abstieg ... der Anfang vom Ende …“ So ist es unweigerlich auch in „Howards End“ zu erleben, der filmischen Neufassung des Romans von E.M. Forster als BBC-Miniserie, der ersten Fernsehadaption nach James Ivorys klassischem Film von 1992.

Das erzählerische Erfolgsrezept, die Geschicke einer Familie und ihrer Freunde sowie auch ihr soziales und ökonomisches Auf und Ab symbolisch in Gestalt ihres Hauses zu fassen, bewährt sich auch hier, wie bereits etwa bei „Brideshead Revisited“ (1981) oder auch Downton Abbey. Die üppigen Landsitze entfalten dabei beinahe ein Eigenleben, halten auch in „Zeiten des Sturmes und der Bewegung“ (noch einmal Thomas Mann) stand, gewähren Zuflucht und sind ihren Bewohnern seelische Heimat.

Auf Howards End, der Villa im Besitz von Ruth Wilcox (Julia Ormond), scheint jedoch zusätzlich ein Fluch zu lasten, der „Irrtümer seit 50 Jahren“ bis in gegenwärtige Tage verschuldet, wie es die treue Hausverwalterin zu Ende der Erzählung vermutet.

Schöne Sommertage und Liebeleien

Die charmanten, bohèmehaften und etwas zu redseligen, halb deutschstämmigen Schlegel-Schwestern Margaret (Hayley Atwell) und Helen (Philippa Coulthard) treffen auf Reisen auf dem Kontinent die Familie Wilcox; man stellt gesellschaftlichen Kontakt her, und später, wieder in England (hier setzt die Serienhandlung ein), besucht Helen die Wilcox’ auf Howards End, verlebt daselbst schöne Sommertage sowie eine nicht ganz ernstzunehmende Liebelei mit dem jüngeren Wilcox, Paul (Jonah Hauer-King). Dazu sendet sie in ihrem zergliedernden Stil kleine, halbgetreue Porträts der Familie W. nach London, wo ihr spleeniger Bruder Tibby (Alex Lawther) und eine alte Tante (Tracey Ullman) durchaus begierig nach diesen Nachrichten sind.

Als Mrs. Wilcox kurz darauf schwer erkrankt und in der Stadt behandelt werden muss, ist es vor allem die lebenspraktische Margaret, die sich um sie bekümmert. Nach Ruths Tode, das erfährt man alsbald, findet sich eine handschriftliche Notiz, die Howards End an Margaret Schlegel vererbt. Der sehr erfolgreiche, doch prosaisch gesinnte Geschäftsmann Henry Wilcox (Matthew Macfadyen), assistiert von seinem älteren Sohn Charles (Joe Bannister), vernichtet diesen letzten Willen seiner Frau ‒ rechnet jedoch nicht mit der Hand des Schicksals (und der Hartnäckigkeit der Schlegels), die es dahin bringen, dass Margaret und Henry Interesse und Gefallen aneinander finden.

Unterhaltsames, doch absehbar verderbliches Treiben

Nachdem Helen ihre Zufallsbekanntschaft Leonard Bast (Joseph Quinn) zu ihrem persönlichen „sozialen Experiment“ erkoren hat, entwickelt sich in der Folge ein durchaus unterhaltsames, doch absehbar verderbliches Treiben zwischen den drei Familien aus so unterschiedlichen Schichten der kurz vor dem Ersten Weltkrieg bereits erodierenden britischen Gesellschaft. Es wird vor allem viel diskutiert (letztlich stets Fragen sozialer Gerechtigkeit, zwischen den Völkern und Rassen „zuhause“ und im weiten Kolonialreich, zwischen Mann und Frau), und man sieht viele edle Profile über fadenscheinigem Hemdkragen sich recken. Oft muss nach guter Sitte die Musik (die höchste aller deutschen Künste) als Katalysator und Kompensation der verwirrten Gefühlswelt aller drei Schlegels herhalten. Auch sind es vor allem die in Dingen der Welt unerfahrenen, schöngeistigen Damen, die mit deutlicher Abwertung über Henry Wilcox’ Vermögen „in Gummiaktien“ sprechen, ohne dass in der Serie so recht klar würde, auf welcher Grundlage das Geld erworben wurde, von dessen Erträgen sie immerhin auch mit viel Tagesfreizeit in schöner Innenstadtlage hausen.

Ebenso zweifelhaft erscheint der gut gemeinte Versuch des Drehbuchs, dem Reden über den Kolonialismus während seiner Hochphase gelebte Schicksale anschaulich gegenüberzustellen, durch die Integration zweier schwarzer Nebenrollen in die Handlung, die deren Glaubwürdigkeit auf eine arge Probe stellen. Mag das schwarze Dienstmädchen der Schlegels (immer in blütenweißem Schürzchen!) noch angehen, so strapaziert die Rolle der kranken Ehefrau und Geliebten Jacky Bast (Rosalind Eleazar), insbesondere in ihrem betrunkenen Auftritt während einer Hochzeit der Wilcox’, das Gefüge von Forsters Geschichte in ihrem historischen Kontext doch zu sehr.

Überhaupt: die guten Absichten! Sie sind letztlich schuld, dass die lange Zeit allzu ruhig dahinplätschernde Story doch noch dramatischen Drive entwickelt und eine Wendung zum Tragischen nimmt. Beide Schlegels können von ihren sozialen Experimenten nicht lassen und versuchen vergeblich, eine Versöhnung der Klassen im Handstreich zu erpressen; den höchsten Preis dafür muss der aufrechte Arbeiter Bast zahlen, der von Henrys stets im Schatten stehendem Sohn Charles erschlagen wird ‒ im Glauben, damit könne er die stark ramponierte Familienehre wiederherstellen.

Das Drama der Dilettanten

So ist diese neue Version einer klassisch britischen Erzählung vor allem das Drama der Dilettanten ‒ der künstlerischen, die darob ein fundamental unerfülltes Leben führen, und der im weitesten Sinne gesellschaftlichen, die seelisches Leid noch auf soziales Elend häufen, alles mit besten Absichten. Bezeichnend, doch kaum entschuldbar, dass das Drehbuch die schwarze Jacky sofort vergisst und ihr weiteres Schicksal nicht einmal skizziert, nachdem mit Leonards Tod dieser Handlungsstrang (her-)ausgeschrieben ist: Diversität im Casting ist erkennbar noch lange kein Grund, den Plot zu erweitern!

Wären nicht die solide Ausstattung und einige überdurchschnittliche schauspielerische Leistungen ‒ die auch in ihrer Interaktion stimmigen Hauptdarsteller Atwell und Macfadyen sowie der stets amüsante Alex Lawther ‒, verfiele die Serie trotz aller Anstrengungen der Belanglosigkeit und mangelnden Relevanz. So bleibt der Eindruck eines gediegen ausgeführten Gesellschaftsgemäldes einer untergegangenen Epoche, dessen Finale vor Goldgrund so fantastisch anmutet, dass man es um der künstlerischen Glaubwürdigkeit willen besser bei dem dramatischen Schlussakkord belassen hätte ‒ in der Halle von Howards End, wo alles seinen Anfang nahm.

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