The Devil All The Time

Drama | USA 2020 | 138 Minuten

Regie: Antonio Campos

Der Sohn eines Kriegsveteranen versucht in einem von evangelikalem Fundamentalismus und Barbarei geprägtem Landstrich des mittleren Westens ein Leben aufzubauen. Doch die Tragödien, die bereits das Leben seiner Eltern prägten, suchen auch ihn und seine Generation heim. Die Romanadaption greift die religiösen Motive und den kulturpessimistischen Grundton der Vorlage auf, kann diese aber in nichts umsetzen, was über Bilder der unmittelbaren Grausamkeit hinausgeht. Die Brutalität bleibt vordergründig und wird nie aus den Figuren erklärbar, die sämtlich austauschbar erscheinen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE DEVIL ALL THE TIME
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Antonio Campos
Buch
Antonio Campos · Paulo Campos
Kamera
Lol Crawley
Musik
Danny Bensi · Saunder Jurriaans
Schnitt
Sofía Subercaseaux
Darsteller
Tom Holland (Arvin Russell) · Robert Pattinson (Preston Teagardin) · Haley Bennett (Charlotte Russell) · Bill Skarsgård (Willard Russell) · Sebastian Stan (Lee Bodecker)
Länge
138 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller

Eine Verfilmung von Donald Ray Pollocks Roman "Das Handwerk des Teufels": Der Sohn eines Kriegsveteranen versucht in einem von evangelikalem Fundamentalismus und Barbarei geprägtem Landstrich des mittleren Westens ein Leben aufzubauen.

Diskussion

„Ich habe wieder das Bedürfnis zu beten“, schreibt Willard Russell (Bill Skarsgård) seiner Mutter. An dem eigens dafür errichteten Kreuz wird Willard für seine neu gegründete Familie, seine Frau Charlotte (Haley Bennett) und seinen Sohn Arvin beten. Erst routiniert, dann verzweifelt: Charlotte erkrankt an Krebs, die Ärzte haben sie bereits aufgegeben. Willard fleht Gott an, das Leben seiner Frau zu retten, brüllt seine Gebete gegen das hölzerne Kreuz und zwingt seinen Sohn das gleiche zu tun. Gott hört Willards Gebete nicht. Charlotte stirbt.

Arvin (Tom Holland) wächst bei seiner Großmutter auf, zusammen mit seiner Stiefschwester Lenora (Eliza Scanlen), einem anderen Waisenkind, aus einer Familie, die Gott gesucht und den Tod gefunden hat. Die evangelikale Hölle, in die beide geboren werden, geht nicht mit dem Leben ihrer Eltern zu Ende, sie lastet auf ihnen wie eine Erbkrankheit. Sie ist das Zentrum, um das „The Devil All the Time“ seine Kreise zieht. Das ist durchaus buchstäblich gemeint. Wie Donald Ray Pollocks Romanvorlage, die von der Literaturkritik irgendwo zwischen den Southern-Gothic-Größen William Faulkner, Flannery O’Connor und Cormac McCarthy verortet wird, zeichnet der Film einen Kreislauf der Gewalt durch die archaischen Gebirgswälder des mittleren Westens der USA.

Gott dient nur als Strohmann

Lustvoll und blutig findet in diesem Kreislauf ein Leben nach dem anderen sein Ende. Gott ist hier omnipräsent, dient aber immer nur als Strohmann. Die, die sein Wort verkünden, sind Raubtiere. Die, die an diese Worte glauben, sind ihre Beute. Die, die weder beten noch predigen, folgen dem Recht des Stärkeren. „The Devil All the Time“ ist ein Film der Sünde. Die Geschichte beginnt mit einer Erbsünde, die der Film nicht im Garten Eden, sondern im Pazifikkrieg findet. Hier wird Willard seinen Glauben verlieren. Er wird seiner Mutter sagen, der Krieg sei nicht so schlimm gewesen. Den Marine, den er inmitten eines Schlachtfelds mit abgezogener Haut gekreuzigt vorfand, wird er nicht erwähnen.

Von diesem kleinen Splitter des Zweiten Weltkriegs ausgehend, folgt der Film den diversen Lebenslinien, die schließlich blutig und tragisch im „Bible Belt“ von Ohio und West Virginia zusammenlaufen. Eine mit Talent und Stars übersprudelnde Besetzung verkörpert die evangelikalen Barbaren und ihre Opfer. Harry Melling und Robert Pattinson treten als Priester auf, die in ihrem religiösen Wahn beziehungsweise ihrer irdischen Verdorbenheit die Gläubigen heimsuchen. Jason Clarke folgt als gut getarnter Serienmörder seiner eigenen, grausamen und grotesken Religion. Im Mittelpunkt dieser Bedrohungen steht Arvin, der die von seinem Vater gelernte Wehrhaftigkeit mit brutaler Selbstverständlichkeit einsetzt, um die kleine Familie zu beschützen, die ihm geblieben ist. Tatsächlich ist das, was hinter den Gesichtern und Gräueln des Films steht, weitgehend unsichtbar. Die offenkundig werkgetreue Adaption von Donald Ray Pollocks Roman bringt zwar dessen Unerbittlichkeit und die Stimme des Autoren selbst mit – Pollock ist der Erzähler des Films, der viele der grausamen Schicksale vorwegnimmt oder den Todgeweihten noch voller Zynismus eine letzte Wunschvorstellung mit auf den Weg gibt –, blickt aber nie hinter die Maske der Brutalität.

Austauschbare Sünder und Opfer

Die Stimme des Autors mag im Film zu hören sein, mit der Stimme des Romans scheint der Film aber trotzdem nie zu sprechen. Die Figuren bleiben austauschbare Sünder und Opfer, taugen weder als Archetypen noch als tatsächliche Figuren. „Das Handwerk des Teufels“ ist die Adaption als Illustration, die einen Plot und eine Erzählstruktur übersetzt, Bilder für die zirkuläre Gewalt findet, dabei aber so beziehungslos bleibt wie ein Gebet, das von einem Atheisten rezitiert wird. Arvins Reise durch das menschliche Brachland inmitten der ursprünglichen Natur reflektiert nicht die großen Fragen des Glaubens und der Menschlichkeit, denkt nicht über Sünde oder Vergebung nach, sondern begnügt sich mit der Erkenntnis, dass die Landschaft des Mittelwesten weit und unerschlossen genug ist, um einen Haufen Leichen zu verschlucken.

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