Kabul, City in the Wind

Dokumentarfilm | Niederlande 2018 | 93 Minuten

Regie: Aboozar Amini

Impressionistischer Dokumentarfilm über drei Brüder und einen älteren Busfahrer aus Kabul, die über eine längere Zeit in ihrem Alltag begleitet werden. Trotz der unübersehbaren Spuren der jahrzehntelangen Kriege, die sich wie ein melancholischer Schleier über die Stadt und ihre Bewohner gelegt haben, strahlen der Film und seine Protagonisten Lebensfreude und Optimismus aus. Stille Beobachtungen wechseln mit kurzen Interviews; lange Einstellungen verleihen dem Film fast eine meditative Atmosphäre. Eine Hymne aufs Trotzdem, auch wenn der nächste Anschlag nur eine Frage der Zeit ist. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
KABUL, CITY IN THE WIND
Produktionsland
Niederlande
Produktionsjahr
2018
Regie
Aboozar Amini
Buch
Aboozar Amini
Kamera
Aboozar Amini
Schnitt
Barbara Hin
Länge
93 Minuten
Kinostart
18.11.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Impressionistischer Dokumentarfilm über Menschen aus Kabul, die den Schrecken der jahrzehntelangen Kriege mit Würde begegnen.

Diskussion

Am Anfang steht ein Lied. „Oh, Afghanistan, geliebtes Vaterland. Land der Diebe und der Ohnmächtigen.“ Der Busfahrer Abas singt es, einer der Akteure aus dem Dokumentarfilm „Kabul – City in the Wind“ von Aboozar Amini. Er singt gegen die Angst und gegen die Hoffnungslosigkeit an, die ihn immer wieder überfällt: „Ich hatte nur 10 Prozent Frieden in meinem Leben“, sagt er und lächelt dabei fast ein wenig entschuldigend, als ob er etwas dafür könnte, dass er in einer der gefährlichsten Städte der Welt zu Hause ist.

Der Blick auf Kabul zeigt graubeige gefärbten Dunst über beige-grauen Häusern. Sand und Staub, vom ständigen Wind verwirbelt, verdunkeln gelegentlich sogar die Sonne. Die Stadt wirkt selbst von oben wie ein zu groß geratenes Dorf. Hier am Berghang, hoch über den Dächern von Kabul, leben die drei Brüder Afshin, Hussein und Benjamin. Benjamin hängt sehr an seinem ältesten Bruder Afshin, der ihn überall mit hinnimmt, obwohl der Kleine manchmal ganz schön anstrengend ist. Gemeinsam besucht die Familie eine Gedenkstätte für die Opfer eines Selbstmordanschlags, bei dem ein Freund des Vaters getötet wurde.

Spielzeuge aus alten Waffenteilen

Als der Vater die Stadt verlassen muss, übergibt er Afshin die Verantwortung für seine Brüder. Er soll außerdem die Mutter entlasten. Dazu gehört, dass er einkaufen geht und den Garten versorgt. Wenn sie nicht zu Hause helfen, stromern die Jungs durch die Gegend. Sie spielen in und auf einem alten Panzer, werfen mit Steinen und Betonbrocken oder machen Musik mit Metallteilen, zu denen auch Geschosshülsen gehören. Der Weg aus der Stadt ist beschwerlich, zumal Afshin den kleinen Benjamin den steilen Berg hinauftragen muss.

Abas, der Busfahrer, hat immer gearbeitet und ums Überleben gekämpft. Vielleicht habe er noch 10 oder 15 Jahre, sagt er. Trotz seiner Bemühungen gelingt es ihm nicht, im Job Fuß zu fassen. Er hat es mit Ehrlichkeit probiert und weniger ehrlich – doch keiner seiner Pläne und Tricks funktionierte. Als der Winter kommt, hat er seinen Bus und seine Arbeit verloren. Oben am Berg schippt Afshin mit seinen Brüdern Schnee vom Dach. Die Flaggen der Gedenkstätte knattern im Wind.

Der 1985 in Bamiyan-Tal geborene Filmemacher Aboozar Amini verzichtet in „Kabul – City of Wind“ auf eine durchgängige Geschichte, obwohl es eine klare chronologische Struktur und ein dramaturgisches Konzept gibt, das perfekt zum Sujet und zum Inhalt des Films passt. Amini erzählt personengebunden und bleibt durchgängig bei den Protagonisten, bei den Kindern und bei Abas, dem schlitzohrigen Kettenraucher, der von einem besseren Leben träumt und sich von den Anfechtungen des Lebens nicht unterkriegen lassen will. „Kabul – City of Wind“ ist weder sensationsheischend noch elendsverliebt – im Gegenteil. Die Grundstimmung bleibt optimistisch und lebensfreundlich.

Raum für genaue Beobachtungen

Die Kinder und Abas kennen sich nicht, sie begegnen sich nicht einmal. Ihre Geschichten verlaufen parallel, ohne konkrete Bezüge. Beobachtungen wechseln mit kurzen Interviewszenen ab. Lange, ruhige Einstellungen geben dem Film zwischendurch eine beinahe meditative Atmosphäre und schaffen Raum für genaue Betrachtungen. Ungewöhnlich daran ist, dass Amini sehr abwechslungsreich erzählt, obwohl eigentlich nichts passiert; er erschafft eine dichte Atmosphäre, ohne scheinbar mehr zu tun, als die Kamera draufzuhalten; er verzichtet auch auf Musik und jede Form von Erklärung oder Kommentar.

Aminis Geheimnis liegt in der ebenso liebevollen wie distanzierten Beziehung zu den Menschen, die er in ihrem Alltag begleitet. Von der Bedrohung durch Krieg, Terror und Gewalt ist nichts zu hören oder zu sehen. Doch sie bleibt spürbar, was nicht nur an den Kriegsruinen, Panzerwracks oder den aus Waffenteilen improvisierten Shisha-Pfeifen liegt. Amini nimmt, was vorhanden ist, und zeigt es in einer so einfachen Weise, dass Schlichtheit zur Schönheit wird. Die Beobachtungen sind präzise, die Kamera bleibt dicht bei den Protagonisten, ohne ihnen zu nahe zu rücken; auch in den Interviewszenen wahrt der Film eine vornehme Distanz. Dann erzählt der trotz seiner jungen Jahre desillusionierte Abas von seinen Ängsten; Afshin spricht mit der Klarheit und Nüchternheit eines Kindes, für das Angst und Schrecken selbstverständlich sind. Die drei Jungs sind kindlich und erwachsen zugleich. Man sieht sie vor allem auf der Straße; eine Schule scheinen sie nicht zu besuchen. Für sie ist diese Art von Leben Normalität.

Eine Hymne auf das Trotzdem

Von den Frauen im Leben der Protagonisten ist kaum etwas zu sehen. Die Mutter der Jungen ist praktisch unsichtbar, Abas Frau taucht wenigstens einmal kurz auf. Sie sind in „Kabul – City of Wind“ so unwichtig wie die religiösen Auseinandersetzungen, der Terror oder Ursachen und Erklärungen für die Konflikte im Land. Die Afghanen haben sich offenbar an Krisen und Kriege gewöhnt – und entschieden, trotzdem weiterzumachen, und zwar mit Stolz und Würde. Gerade deshalb ist „Kabul – City of Wind“ ein hochpolitischer Appell und eine Hymne an das Trotzdem.

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