Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | Minuten

Regie: Jan Peter

In vier Folgen rekapituliert die dokumentarische Mini-Serie die Umstände und Motive des Mordes am damaligen Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, der am 1. April 1991 im Arbeitszimmer seiner Düsseldorfer Wohnung erschossen wurde. Mit den konfektionierten Stilelementen effekthascherischer „True Crime“-Reportage werden verschiedene Mutmaßungen über den bis heute nicht aufgeklärten Mord nacheinander aufgerollt, ohne sie zu gewichten oder zu werten. Deutlich wird allerdings der politische Umschwung jener Zeit, als die Wende-Euphorie mit den Defiziten einer unproduktiven Wirtschaft kollidierte. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Jan Peter · Torsten Striegnitz
Buch
Christian Beetz · Georg Tschurtschenthaler
Kamera
Jürgen Rehberg
Musik
Nils Kacirek · Milan Meyer-Kaya
Schnitt
David Gesslbauer · Philipp Gromov · André Nier · Carsten Piefke
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm | Serie

In vier Folgen rekapituliert die dokumentarische Mini-Serie den Mord am damaligen Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, der am 1. April 1991 von Unbekannten erschossen wurde. Die RAF reklamierte die Tat für sich, doch die Täter wurde nie ermittelt.

Diskussion

Am Ostermontag, den 1. April 1991, werden vor Mitternacht drei Schüsse auf das hell erleuchtete Arbeitszimmer im ersten Stock einer Düsseldorfer Villa gefeuert. Aus 60 Meter Distanz wurde Detlev Karsten Rohwedder, Chef der Treuhand, erschossen. Verletzt wurde dabei auch seine Ehefrau Hergard. Am Tatort fand man nicht nur Geschosshülsen, Zigarettenkippen und ein Handtuch, sondern auch ein Haar und ein Bekennerschreiben der RAF, unterschrieben vom „Kommando Ulrich Wessels“.

Bis heute ist nicht bekannt, wer seinerzeit die Bekennerschreiben der 3. Generation der RAF formulierte; selbst ältere Kader wie Lutz Taufer und Silke Maier-Witt waren von der analytischen Qualität des Bekennerschreibens beeindruckt, das eine konzise Einschätzung der politischen und sozialen Verwerfungen der Abwicklung der DDR nach 1990 enthält.

Ein Kommentar deutete seinerzeit den Mordanschlag so: die RAF unternehme den durchsichtigen Versuch, sich den verzweifelten Menschen in den sozialen Krisengebieten Ostdeutschlands direkt anzubiedern. Der Mord an Detlev Karsten Rohwedder gilt bis heute als ungeklärt. Beim Staatsakt für Rohwedder wählte Bundespräsident von Weizsäcker die Formel, dass Rohwedder dem Volk gedient habe. Das hatte sich die RAF auch einmal auf die Fahnen geschrieben.

Der Fantasie freien Lauf lassen

Wo nichts geklärt ist, kann man ja mal der Fantasie die Zügel schießen lassen, mögen sich die Autoren Christian Beetz und Georg Tschurtschenthaler gesagt haben. Produziert wurde die vierteilige Doku-Serie „Rohwedder“ von der Firma Gebrüder Beetz, für die Regie zeichnet neben Tschurtschenthaler auch Jan Peter verantwortlich. „Rohwedder“ bietet konfektionierte Standardware mit Cliffhangern, effekthascherischer Musik, Re-Enactment in Edgar-Wallace-Manier, einer kruden Timeline („6 Tage bis zum Mord“, „4 Monate bis zum Mord“, „Mordnacht“), einer Handvoll (zumeist männlichen) Wichtigtuern wie dem kettenrauchenden Kriminalreporter Günther Classen, Treuhand-Mitarbeitern, „Rammstein“-Keyboardern und Zeitzeugen wie Theo Waigel, Rainer Hofmeyer (BKA), Winfried Ridder, Willi Fundermann, Thilo Sarrazin, die alles immer schon vermutet haben und es bei Gelegenheit gerne noch einmal vermuten, dazu allerlei geloopten Bildern, damit die Länge passt.

Es gibt nichts Neues zu erzählen, zumal ja auch noch der Doku-Fiction-Zweiteiler „Der Mordanschlag“ (2018) von Miguel Alexandre in Erinnerung ist, in dem ebenfalls allerlei Verschwörungstheoretisches zusammengeraunt wurde. „Rohwedder“ macht im Prinzip nichts Anderes, nur dass in diesem Falle die unterschiedlichen Theorien hübsch und letztlich wertungsfrei nebeneinandergestellt werden. Die Perspektiven werden durch die Titel der Einzelfolgen profiliert. Rohwedder ist mal „Märtyrer“, mal „Kapitalist“, mal „Besatzer“ und mal „Opfer“. Ins Kriminalistische übersetzt, heißt das: der „Kapitalist“ wurde von der RAF ermordet, der „Besatzer“ aus Rache von irgendwelchen Stasi-Seilschaften getötet, die angeblich viel besser ausgebildet waren als die RAF-Leute, oder Rohwedder wurde vom „Deep State“ geopfert, von westlichen Kapital- und Polit-Interessen oder der erstarkten Bürger- Protestbewegung im sogenannten „Beitrittsgebiet“ der Garaus gemacht. Mal fahren die Mörder auf einem Motorrad, mal kommen sie mit dem Boot den Rhein herunter, mal könnten sie Angestellte von Sicherheitsdiensten gewesen sein, die seinerzeit freigestellte MfS-Mitarbeiter rekrutierte.

Viele Motive für einen Mord

Das Interessante an „Rohwedder“ ist indes, dass der Film sich gar nicht so sehr für das „True Crime“ interessiert, sondern vielmehr die Motive für den Mord sichtet und sortiert. Und zwar vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Eskalation der Jahre 1990/91, die es 30 Jahre später durchaus zu erinnern gilt. Was der Film sehr schön einfängt, ist der Umschwung von der ausgelassenen „Die Mauer ist offen“-Euphorie zur anschließenden Katerstimmung, als „Wir sind das Volk!“ begreifen lernt, was es konkret bedeutet, wenn Rohwedder davon spricht, man müsse jetzt „den Sozialismus ausschwitzen“.

Der daraus resultierenden Protestbewegung, die auf die Ausplünderung und die radikale Zerstörung durchaus funktionstüchtiger Strukturen durch die Treuhand und der damit einhergehenden Massenarbeitslosigkeit durchaus machtvoll reagierte, wird durch die Ermordung buchstäblich der Wind aus den Segeln genommen. Eine Woche nach dem Mord beginnt eine Großdemonstration in Leipzig mit einer Schweigeminute im Gedenken an Rohwedder; danach löst sich die Demonstration auf. Die Bürgerbewegung geht nach Hause. Rohwedders Nachfolgerin Birgit Breuel setzt im Gegensatz zum „Sanierer“ Rohwedder dann auf radikale Privatisierung.

10 Jahre nach dem Mord findet auch noch das am Tatort gefundene Haar seinen Ex-Besitzer: Wolfgang Grams, der im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen beim Versuch, ihn zu verhaften, unter etwas dubiosen Umständen ums Leben kommt. Hier hatte ein V-Mann des Verfassungsschutzes seine Finger im Spiel. Das Haar von Wolfgang Grams authentifiziert also mit Verspätung das RAF-Bekennerschreiben vom 1. April 1991.

Oliver Stone, übernehmen Sie!

In der Episode „Opfer“ ist zu sehen, wie sich der Täter nach dem Schuss entfernt und plötzlich eine Gruppe von Tatortreinigern erscheint, die den Tatort mit Spuren ausstatten. Es werde im Mordfall Rohwedder in alle Richtungen ermittelt, so die Staatsanwaltschaft. Kriminalreporter Classen ist sich sicher: „Wer so etwas erklärt, hat etwas zu verbergen. Er ist im Besitz einer Lösung und möchte sie nicht sagen, weil die Lösung etwas offenlegen könnte, dass die Grundfesten dieser Republik erschüttern würde.“ Reichlich Stoff für einen Thriller. Oliver Stone, übernehmen Sie!

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