Mrs. America

Drama | USA 2020 | 458 Minuten

Regie: Anna Boden

Eine Mini-Dramaserie über die Geschichte des „Equal Rights Amendment“ (ERA), eines Verfassungszusatzes, der die Gleichstellung von Mann und Frau sichern sollte. Das Ringen um die Ratifizierung dieses Verfassungszusatzes, der 1972 von Kongress und Senat angenommen wurde, wird anhand zentraler Protagonistinnen entfaltet, die in den 1970er-Jahren für und gegen ERA kämpften, etwa die konservative Politaktivistin Phyllis Schlafly oder die Feministinnen Gloria Steinem, Betty Friedan und Shirley Chisholm. Dabei liefert die Serie nicht nur ein detailliert-spannendes Porträt der politischen Auseinandersetzungen, sondern darüber hinaus ein ungemein facettenreiches Panorama weiblicher Identitäten, wobei die Vertreterinnen beider Lager respektvoll-vielschichtig ausgelotet werden. Brillant besetzt, geschrieben und inszeniert. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MRS. AMERICA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Anna Boden · Ryan Fleck · Amma Asante · Laure de Clermont-Tonnerre · Janicza Bravo
Buch
Dahvi Waller · Joshua Allen Griffith · April Shih · Micah Schraft · Tanya Barfield
Kamera
Jessica Lee Gagné · Chris Teague · Pepe Avila del Pino
Musik
Kris Bowers
Schnitt
Todd Downing · Emily Greene · Robert Komatsu
Darsteller
Cate Blanchett (Phyllis Schlafly) · Rose Byrne (Gloria Steinem) · Uzo Aduba (Shirley Chisholm) · Elizabeth Banks (Jill Ruckelshaus) · Kayli Carter (Pamela Whalen)
Länge
458 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Serie

Eine Miniserie rund um den Kampf um die Ratifizierung des „Equal Rights Amendment“ in den 1970er-Jahren, jenes US-amerikanischen Verfassungszusatzes, der die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen garantieren sollte.

Diskussion

„Männer und Frauen sollen in den Vereinigten Staaten und überall, wo US-Recht gilt, gleiche Rechte haben.“ Man mag nicht glauben, wie lange es gedauert hat, bis dieser Verfassungszusatz seinen Weg durch die US-Institutionen geschafft hat! Dabei wurde er bereits in den 1920er-Jahren von der Frauenrechtlerin Alice Paul geschrieben und eingereicht. Damals hatten Paul und ihre Mitstreiterinnen schon durchgesetzt, dass Frauen in den USA wählen durften; bis Kongress und Senat jedoch dem „Equal Rights Amendment“ (ERA) zustimmten, dauerte es noch Jahrzehnte: bis 1972. Das Inkrafttreten erlebte Alice Paul, die 1977 verstarb, nicht mehr; es dauerte bis ins Frühjahr 2020 (!), ehe genügend US-Bundesstaaten, nämlich 38, den Verfassungszusatz ratifiziert hatten; und selbst jetzt ist umstritten, ob er aufgrund der Verzögerung, die die ursprüngliche Ratifizierungsfrist um Jahrzehnte überschritten hat, tatsächlich juristisch gültig werden kann.

Fesselndes Panorama weiblicher Identitäten

Da passt es, dass der Kampf um den Verfassungszusatz in „Mrs. America“ noch einmal aufgerollt wird – in einer durch brillante Darstellerinnen, aber mehr noch durch ihre ungemein facettenreiche Herangehensweise beeindruckende Miniserie aus der Feder der kanadischen Showrunnerin Dahvi Waller. „Mrs. America“ fokussiert auf eine Reihe von Frauen, die im Zuge des „Women’s Liberation Movement“ in den 1970er-Jahren für ERA kämpften, aber auch auf Gegnerinnen, die sich in einer „Stop ERA“-Kampagne gegen die Ratifizierung starkmachten, nachdem ERA von Kongress und Senat angenommen worden war.

In der Serie geht es um den politischen Kampf; es geht aber auch facettenreich-spannend um weibliche Identität, wobei Themen wie Ehe und Mutterschaft, die Haltung zu Sexualität, Homosexualität und Abtreibung sowie die Bedeutung von sozialer Herkunft und Rasse eine Rolle spielen. Die Sollbruchstellen, die dabei herausgearbeitet werden, wirken trotz des 1970er-Zeitkolorits, das die Serie in Ausstattung und Soundtrack lustvoll zelebriert, alles andere als historisch; schließlich ist nicht nur ERA, sondern die ganze Neudefinition der Rolle der Frau in der Gesellschaft, um die es bei der Emanzipationsbewegung ging, ein längst nicht abgeschlossenes Kapitel.

Cate Blanchett als „Stop Era“-Frontfrau Phyllis Schlafly

Die erste Folge widmet sich vornehmlich der Gründerin von „Stop ERA“, der konservativen Politaktivistin Phyllis Schlafly; dabei wird klar, dass das Drehbuch keine simple „Heldengeschichte“ des Women’s Lib und eine dementsprechende Schmähung der Gegner(innen) vorschwebt. Für die Schauspielerin Cate Blanchett, die das Fach der eleganten Schurkin schon öfters mit Bravour verkörpert hat, wäre es ein Leichtes gewesen, Schlafly als Feindbild anzulegen, an dem allenfalls die Hardcore-Hausfrauen von der #Tradwives-Bewegung heute noch ein gutes Haar finden könnten. Doch „Mrs. America“ zeichnet Schlafly, die sich selbst als „Frauenrechtlerin“ verstand – für das Recht der Frauen, von Männern beschützt und finanziell versorgt zu werden – indes als faszinierend widersprüchliche Figur, deren Willenskraft und politischer Ehrgeiz in einem dauernden Spannungsverhältnis zu ihren eigenen Thesen über die Rolle der Frau stehen.

Blanchetts Darstellung und die Schlaglichter, die die Serie auf Schlaflys Kampagne und ihr Privatleben wirft, zeigen eine Frau, deren perfekt zurechtgemachte Perlenketten-und-Kostüm-Fassade der konservativen Muster-Ehefrau und Mutter von sechs Kindern immer wieder zarte Risse bekommt. Wenn sie trotz ihrer lautstark vertretenen Ansicht, Frauen seien in den USA nicht diskriminiert und hätten ERA gar nicht nötig, bei der Verfolgung ihrer politischen Ambitionen doch immer wieder mit der Geringschätzung von Männern konfrontiert wird, erstarrt ihr strahlendes Lächeln in kristallener Härte. In dem Umstand, dass Schlafly ihren gesunden Appetit auf politischen Einfluss ausgerechnet auf so widersinnige Weise auf dem Feld der „Frauenfrage“ zu stillen trachtete, macht die Serie eine große Tragik aus, die Cate Blanchett fulminant herausarbeitet.

Die inneren Spannungen des „Pro ERA“-Lager

Während die Serie rund um Schlafly einige weitere „Stop ERA“-Gegnerinnen als fiktionale Figuren hinzuerfindet, wird das Lager der „Pro-ERA“-Anhängerinnen über reale Aktivistinnen der Epoche beleuchtet: Rose Byrne verkörpert (mit verblüffender Ähnlichkeit) die Journalistin und „Ms“-Herausgeberin Gloria Steinem, Elizabeth Banks die republikanische Politikerin Jill Ruckelshaus, Margo Martindale die Demokratin Bella Abzug, Tracy Ullman die Publizistin Betty Friedan (deren Buch „The Feminine Mystique“ großen Einfluss auf die Frauenbewegung hatte), Ari Graynor die Juristin Brenda Feigen.

Dabei werden immer wieder auch Spannungen und interne Brüche thematisiert. So entfaltet sich in einer der besten Folgen rund um Shirley Chisholm (Uzo Aduba), die ersten afroamerikanische Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus, sehr fesselnd das komplexe Verhältnis der Frauen zur „Black Power“-Bewegung, während auf der anderen Seite der Flirt von „Stop ERA“ mit rassistischen Tendenzen ebenfalls sichtbar wird.

Jenseits der Hass-Rhetorik

Die unter anderem von Anna Boden, Ryan Fleck und Amma Asante inszenierte Serie entfaltet am Beispiel des Kampfs um ERA jenseits des Frauenrechts-Themas auch, wie in den USA Politik gemacht wird. Und greift dabei Problemlagen auf, die erstaunlich aktuell wirken. So macht etwa die „Pro ERA“-Kampagne mit ihrem hetzerischen Feindbild vom Feminismus als antiamerikanischer, lesbisch-kommunistischer Weltverschwörung und ihren paranoiden Parolen von der drohenden Abschaffung der amerikanischen Familie deutlich, dass „alternative Fakten“ und eine hassschürende Rhetorik keine Erfindung des Social-Media-Zeitalters sind. Umso beachtlicher ist, dass „Mrs. America“ selbst gänzlich ohne agitatorische Rhetorik und polemische Zuspitzungen auskommt, sondern sämtliche Figuren respektvoll als vielschichtige Menschen ausleuchtet.

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