Drama | USA 2019 | 103 Minuten

Regie: Jacob Estes

Ein Polizist verliert seine Nichte bei einem Massaker, für das sein drogensüchtiger Bruder verantwortlich gemacht wird. Als sich die Tote aus der Vergangenheit bei ihm meldet, versucht der Onkel verzweifelt, die Bluttat aufzuklären und seine Nichte davor zu bewahren. Eine Mischung aus Familiendrama, Cop-Thriller und unerklärtem Zeitparadox-Mysterium, ohne dass die Inszenierung allen Genres gewachsen wäre. Die Familienbeziehung wird emotional eindringlich dargestellt, doch die Thriller-Story fällt stark ab. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DON'T LET GO
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Jacob Estes
Buch
Jacob Estes · Drew Daywalt
Kamera
Sharone Meir
Musik
Ethan Gold
Schnitt
Billy Fox · Scott D. Hanson
Darsteller
David Oyelowo (Jack Radcliff) · Storm Reid (Ashley Radcliff) · Mykelti Williamson (Bobby Owens) · Alfred Molina (Howard Keleshian) · Brian Tyree Henry (Garret Radcliff)
Länge
103 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
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Ein Thriller um einen Polizisten, der nach der Ermordung seiner Nichte via Handy mit dieser kommunizieren kann und ihren Tod verhindern will.

Diskussion

Ashley kann sich auf ihren Onkel Jack mehr verlassen als auf ihren Dad. Dieser hat vergessen, seine Tochter nach dem Kinobesuch vom Bahnhof abzuholen. Dad leidet an einer bipolaren Störung und ist drogenabhängig; wie er sein Geld verdient, weiß Ashley auch nicht so recht. Jack dagegen ist ein zuverlässiger Cop. Er lädt Ashley zum Essen ein und telefoniert regelmäßig mit ihr. Der Gesprächston zwischen den beiden ist vertraut. Sie erzählt ihm, dass ihr Dad und ihre Mutter sich nicht mehr streiten, sondern dass sich die Stimmung zuhause entspannt. Als Ashley wieder anruft, liegt Panik in ihrer Stimme. Jack rast zum Haus seines Bruders und findet dort die Leichen vom Hund, seiner Schwägerin, seinem Bruder und von Ashley.

Das Massaker wird mit der psychischen Krankheit von Jacks Bruder erklärt. Doch dann erhält Jack ein paar Wochen später einen Anruf von der vermeintlich toten Ashley. Wie sich herausstellt, telefoniert Jack mit seiner Nichte aus der Vergangenheit. Der verzweifelte Onkel versucht nun, den Mörder ausfindig zu machen und das Blutbad zu verhindern, wobei er mit Ashley Kontakt über ihr Handy hält und ihr Hinweise gibt, wann sie wo sein soll, um sich zu retten.

Die Möglichkeit der unmöglichen Zeit

Filme können unmögliche Zeiterfahrungen möglich machen. Allerdings ist „Don’t Let Go“ kein klassischer Zeitreisefilm, denn hier reist niemand. Es ist eher eine Zeitmanipulation: Gegenwart und Vergangenheit kommunizieren miteinander, um die Zukunft zu ändern. Es geht um eine Familientragödie in kleineren, aber genauso schmerzlichen Dimensionen.

In einer Szene sitzen Ashley und Jack im selben Diner – aber nicht zur selben Zeit. Die beiden telefonieren miteinander. Sie fragt ihn: „Wie werde ich sterben?“ Er bricht in Tränen aus und bringt kein Wort hervor. David Oyelowo verleiht seiner Figur eine schmerzliche Gebrochenheit, während Storm Reid als Ashley tapfer versucht, gegen ihr Schicksal anzukämpfen. Sie beharrt auf einer Antwort. Er gibt nach. Hier zeigt sich die traurige Absurdität von Filmen über Zeitparadoxen. In Frequency von Gregory Hoblit gibt es eine ähnliche Situation. Dort versucht ein Sohn seinen Vater, einen Feuerwehrmann, in der Vergangenheit vor einem tödlichen Unfall zu retten.

Die Überwindung der Linearität des Lebens

Regisseur Jacob Aaron Estes erklärt in „Don’t Let Go“ nie das temporale Mysterium. Vielmehr muss man die fantastische Verbindung zwischen den Zeitebenen als Prämisse des Films akzeptieren. Nichte und Onkel stehen sich emotional so nah, dass sie die Linearität des Lebens überwinden können.

Das Problem ist, dass sich die Auflösung des Falls im Nirgendwo verläuft. Die Drogengeschäfte des Vaters kommen kurz vor und auch die Korrumpierbarkeit des Police Departments von Los Angeles, aber so richtig bringt Estes die Fäden nicht zusammen. Er wechselt von der Tonlage immer wieder zwischen Familiendrama und Cop-Thriller. Das eine Genre wirkt stark, das andere banal. Die keineswegs inzestuöse, sondern liebevolle Beziehung zwischen Onkel und Nichte wird durch die Schauspieler besonders intensiv vermittelt. Die Ermittlungen, die Jagd, die Schießereien dagegen hinterlassen den Eindruck von einem beliebigen Gangsterfilm. Personen egal, Motive egal.

Eine Stadt aus Straßen und Kreuzungen

Dafür lassen die Bilder an die besten L.A.-Thriller wie Leben und Sterben in L.A. oder Collateral denken, wo in der urbanen Landfläche die Sehenswürdigkeiten verschwinden und wo sich Straßen und Straßenkreuzungen endlos abwechseln. Hier sind Hochhäuser und Palmen in weite Ferne gerückt. Über den Filmbildern liegt ein dreckiger Graufilter. Nicht mal nachts glitzert L.A.

„That was staged“, vermutet Jack über den Tod der Familie. Wäre „Don’t Let Go“ seinerseits weniger „staged“, also die Konstruktion des Films weniger offensichtlich und die Thriller-Story weniger willkürlich, hätte sich vielleicht auch eine kleine Utopie im Entstehen beobachten lassen. Zwei Familienmitglieder retten sich gegenseitig – vor den Schüssen der Waffen und vor der Macht des Schicksals.

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