Spuk in Bly Manor

Horror | USA 2020 | Minuten

Regie: Mike Flanagan

Eine Horrorserie, die als zweite Staffel die Netflix-Serie "Spuk in Hill House" (2018) zur Anthologie-Serie ausbaut. Lose auf Henry James' Grusel-Novelle „Drehung der Schreibe“ basierend, erzählt die Staffel von einer jungen US-Amerikanerin, die in den 1980er Jahren als Nanny auf einem abgelegenen englischen Landsitz arbeitet. Dabei kommt sie den anderen Angestellten näher und wird durch Geistererscheinungen mit der Vergangenheit des Hauses konfrontiert. Statt einer bedrohlichen Atmosphäre steht zunächst eine empathische Figurenpsychologie im Vordergrund, was der Spannung eher abträglich ist und manchmal ins Sentimentale abgleitet. Je mehr sich die Serie jedoch mit dem Übersinnlichen beschäftigt, desto erzählerisch wagemutiger wird sie auch und entwickelt aus Versatzstücken von Horrorfilm und Liebesdrama eine eigene düster romantische Poesie. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE HAUNTING OF BLY MANOR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Mike Flanagan · Ciarán Foy
Buch
Mike Flanagan
Kamera
Maxime Alexandre
Musik
The Newton Brothers
Darsteller
Victoria Pedretti (Dani Clayton) · Henry Thomas (Henry Wingrave) · Benjamin Evan Ainsworth (Miles) · Amelie Bea Smith (Flora) · Tahirah Sharif (Mrs. Jessel)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Serie

Eine Horrorserie, die als zweite Staffel die Netflix-Serie "Spuk in Hill House" (2018) zur Anthologie-Serie ausbaut: Lose auf Henry James' „Drehung der Schreibe“ basierend, geht es um eine junge US-Amerikanerin, die in den 1980er Jahren als Nanny auf einen englischen Landsitz kommt, wo nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Diskussion

Wie viele Gruselgeschichten beginnt auch „Spuk in Bly Manor“ mit einem dubiosen Jobangebot. Im London der späten 1980er Jahre sucht Henry Wingrave (Henry Thomas) eine Nanny, die sich um seine Nichte Flora (Amelie Bea Smith) und seinen Neffen Miles (Bejamin Evan Ainsworth) kümmern soll. Seit dem Tod der Eltern leben die Kinder mit der langjährigen Haushälterin Mrs. Goose (T'Nia Miller) auf einem Landsitz in der Grafschaft Essex. Dass die Stelle nicht so leicht zu besetzen ist, dürfte mit dem von der Außenwelt völlig isolierten Arbeitsplatz ebenso zu tun haben wie mit dem mysteriösen Ableben der früheren Nanny Miss Jessel (Tahirah Sharif). Deshalb ist Henry auch skeptisch, als die junge US-Amerikanerin Dani (Victoria Pedretti) diesen Job unbedingt haben will. „Wo ist der Haken?“ fragt er sie herausfordernd – worauf Dani von ihm genau das gleiche wissen will. Es dauert noch ein paar Folgen, bis die inhaltlich eigenständige Fortsetzung der Netflix-Serie „Spuk in Hill House“ diese beiden Fragen mit dunklen Offenbarungen beantwortet.

Creator und Showrunner Mike Flanagan wagt sich in der 2. Staffel der Horror-Anthologie an eine freie Bearbeitung von Henry James' 1898 veröffentlichter Novelle „Die Drehung der Schraube“. Diese handelt von einer Gouvernante, die auf einem unheimlichen Anwesen mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert wird. Bereits mehrfach wurde der Stoff schon verfilmt – am wohl bekanntesten als „Schloß des Schreckens“ (1961) von Jack Clayton und zuletzt als „Die Besessenen“ (2020) von Floria Sigismondi. Zunächst scheint es in Flanagans Neuinterpretation, als wäre die Vorlage einfach durch mehr Figuren sowie überraschende Wendungen und Cliffhanger in eine moderne Seriendramaturgie überführt worden. Doch die Erzählung setzt nicht nur thematisch unterschiedliche Schwerpunkte, sondern entwickelt sich schließlich auch in eine andere Richtung.

Akribisches Eintauchen in Vorgeschichten und Figurenpsychologie

Auffällig ist vor allem, wie wenig die Serie die bedrohliche Stimmung übernatürlicher Phänomene auskostet und sich dafür umso mehr für die Beweggründe und Vorgeschichten seiner Figuren interessiert. Warum Dani ursprünglich nach England gekommen ist, warum Henry nicht selbst auf die Kinder aufpasst oder warum Miles aus dem Internat geflogen ist: all das wird detailliert und gefühlsbetont in seperaten Folgen aufgelöst. Alles was in der Vorlage noch ambivalent und rätselhaft war, leuchtet „Spuk in Bly Manor“ figurenpsychologisch aus. Selbst die geheimnivolle ältere Dame (Carla Gugino), die die Handlung auf einer Hochzeit in der Gegenwart als Rückblende erzählt, hat – anders als der anonyme Erzähler in der Novelle – eine eigene Geschichte.

Diese Tendenz, fast alles offen zu legen, zeichnet sich schon bei Danis Ankunft auf dem nur bedingt schaurigen Landsitz ab. Die Zimmer und Gänge sind lichtdurchflutet und wirken sauber und modern. Zwar gibt es den einst von den Eltern bewohnten Gebäudetrakt, der nicht betreten werden darf, und auch einige gespenstische Erscheinungen wie Henrys verschollenen Assistenten Peter Quint (Oliver Jackson-Cohen), einen Mann mit grell leuchtenden Augen und eine Frau ohne Gesicht, aber das Unheimliche bleibt hier doch meist eine Randnotiz. Auch die Angestellten in Bly sind alles andere als zwielichtig: die manchmal gedankenverlorene, aber immer herzliche Mrs. Goose, der naiv gutmütige Koch Owen (Rahul Kohli) sowie die etwas rauere, aber doch auch liebenswürdige Gärtnerin Jamie (Amelia Eve) sind allesamt ausgesprochen nett – und dabei bleibt es auch.

Erst überwiegt das Melodram, dann wird die Story düsterer und unberechenbarer

In den ersten Folgen spielen sich überwiegend irdische Dramen ab, in denen es um unglückliche Affären, demenzkranke Mütter und die Angst, sich auf eine Liebe einzulassen, geht. Als Horrorgeschichte ist das nur mäßig befriedigend. Das Böse an sich gibt es in dieser Welt nicht, nur Menschen, die zwischen Trauma und Verlust zum Opfer ihrer Umstände werden. Im besten Fall lässt der betont emotionale Zugang der Serie die Figuren greifbar und vielschichtig erscheinen, im schlimmsten wird es tränenselig und banal.

Allerdings nimmt die Serie nach der Hälfte dann doch noch deutlich an Fahrt auf. Man sollte nicht zuviel verraten, aber die Erzählung löst sich stärker von ihrem Realismus, wird düsterer, dichter und unberechenbarer. Auch weiterhin konzentrieren sich die Folgen zwar auf einzelne Figuren, aber plötzlich gerät die Chronologie durcheinander, und die Wirklichkeit lässt sich nicht mehr so leicht von Visionen und Erinnerungen unterscheiden. Besonders gelungen ist etwa eine spätere Folge, in der wir ganz in die finstere, schwarzweiße Welt des 18. Jahrhunderts eintauchen, um den Ursprung des Fluchs von Bly zu erforschen. Hier entwickelt sich aus den Versatzstücken von Horrorfilm und Liebesdrama tatsächlich eine sehr eigene, düster romantische Poesie, die sich bis ins Finale fortsetzt.

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