Totgeschwiegen

Drama | Deutschland 2020 | 89 Minuten

Regie: Franziska Schlotterer

Als sie erfahren, dass ihre jugendlichen Kinder für den Tod eines Obdachlosen verantwortlich sind, geraten die Eltern in eine moralische Krise: Sollen sie reden oder lieber schweigen? In der Meinungsverschiedenheit darüber entwickeln einige von ihnen geradezu kriminelle Energie. Aus der Sicht der Erwachsenen erzählt, fordert der belehrend und wie eine Versuchsanordnung gestaltete Fernsehfilm vor allem sein Publikum zum Nachdenken auf. Durch die stetige Zuspitzung jedoch ist er am Ende eindeutiger, als er es am Anfang sein wollte – und verspielt zudem die Chance, auch den jugendlichen Figuren ein Gesicht zu geben. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Franziska Schlotterer
Buch
Gwendolyn Bellmann · Franziska Schlotterer
Kamera
Bernd Fischer
Musik
Annette Focks
Schnitt
Mona Bräuer
Darsteller
Claudia Michelsen (Esther) · Laura Tonke (Nele) · Katharina Marie Schubert (Brigitte) · Godehard Giese (Volker) · Mehdi Nebbou (Jean)
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Drei Jugendliche haben einen Obdachlosen getötet. Die Eltern kommen den Kids vor der Polizei auf die Schliche und müssen nun entscheiden, wie sie mit der ungeheuerlichen Tat umgehen: Verantwortung übernehmen oder vertuschen?

Diskussion

Die Mutter durchschaut ihren Sohn sofort. Als in den Fernsehnachrichten über den gewaltsamen Tod eines Obdachlosen an einem Berliner U-Bahnhof berichtet wird, fällt ihr ein Schleier von den Augen. Auf dem Bild der Überwachungskamera, das drei flüchtende Jugendliche von hinten zeigt, erkennt sie die Jacke ihres Sohnes. Jene Jacke, die sie am selben Morgen blutverschmiert in der Biotonne versteckt gefunden hatte. Panisch entsorgt sie das kompromittierende Kleidungsstück kurz danach selbst. Anstatt zu reden, entscheidet sie sich für das Vertuschen. Die Einheit der Familie ist wichtiger als die Wahrheit oder gar das Eingestehen eines Fehlverhaltens mit weitreichenden Folgen. Aber gerettet wird dadurch niemand.

Verschiedene Familien, verschiedene Reaktionen

Die Frage, wie Eltern reagieren würden, wenn ihre Kinder zu Tätern werden, hat die Drehbuchautorinnen Gwendolyn Bellmann und Franziska Schlotterer, die auch Regie führte, besonders interessiert. So legen sie ihren Fernsehfilm als Versuchsanordnung an und zeigen drei Familien, die durch die Tat an ihre Grenzen kommen. Einmal ist da die Familie von Fabian – der Vater Patentanwalt, die Mutter überbehütend –, die in einem modernen Berliner Stadthaus lebt. Ähnlich wohlsituiert lebt Mira, deren Mutter eine überarbeitete Ärztin ist und die deshalb eine engere Bindung zum Freund ihrer Mutter hat als zu dieser selbst. Jakob wiederum wächst mit seiner liebevollen Mutter und seiner Halbschwester in einem Mehrfamilienhaus auf.

Als ans Licht kommt, dass ihre Kinder für den Tod des Obdachlosen verantwortlich sind, geraten die Eltern zum ersten Mal aneinander: Sollen die Jugendlichen sich stellen und für ihr Handeln geradestehen, um die Sache nicht schlimmer zu machen? Oder soll alles getan werden, um ihre Schuld zu vertuschen? Obwohl nicht alle einer Meinung sind, wird zunächst geschwiegen. Mit geradezu krimineller Energie versucht vor allem Davids Mutter, Spuren zu verwischen, bis neue Details enthüllt werden. Der betrunkene Obdachlose wurde in einem Streit keineswegs nur geschubst und ist dabei so unglücklich gestürzt, dass er schließlich ums Leben kam, sondern er wurde ermordet. Jemand hat ihm mit einem Messer in den Rücken gestochen.

Im Fokus stehen die Eltern; die Jugendlichen selbst bleiben enigmatisch

Man spürt immerzu, wie der Film sich darum bemüht, keine einfachen Schlüsse zuzulassen. Täter, die so etwas zu verantworten haben, müssen aus zerrütteten Familien und Brennpunkten kommen? Keineswegs. „Totgeschwiegen“ zielt voll und ganz auf die Mittel- und Oberschicht. Jeder der Erwachsenen unterdessen steht für eine andere Möglichkeit, mit der Situation umzugehen. Unsicher sind sie dabei alle, wodurch sie glaubhaft wirken. Aber bemerkenswert und erschreckend sind auch die kriminelle Energie und die intellektuelle Art manch eines Beteiligten, das Verbrechen zu rechtfertigen.

Vor allem zu Beginn ist es interessant, wie der Film sein Publikum dazu auffordert, Stellung zu beziehen und sich mit unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto didaktischer wird er auch. Mit jeder Zuspitzung verliert er an Uneindeutigkeit, und klischeebehaftete Szenen häufen sich.

Als größtes Problem erweist sich in diesem Zusammenhang, dass „Totgeschwiegen“ aus der Sicht der Erwachsenen erzählt wird. Aus ihren Augen betrachtet der Film die Jugendlichen, die allesamt blass und unnahbar bleiben. Sie sind die unbekannten Wesen, die plötzlich noch weniger zu verstehen sind als sonst. Sie sind diejenigen, die beschützt oder bestraft (oder beides) werden müssen, aber kaum etwas zu sagen haben. Sogar das Opfer erhält im Laufe des Films eine Hintergrundgeschichte – die Jugendlichen aber nicht. Während die Eltern über ihr Schicksal entscheiden, dröhnen sie sich zu.

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