Serie | USA 2020 | 210 Minuten

Regie: Billy Ray

Eine Miniserie nach dem Buch „Größer als das Amt" von Ex-FBI-Direktor James Comey, in dieser nach seiner Entlassung durch US-Präsident Donald Trump im Jahr 2017 von den Turbulenzen rund um die Präsidentschaftswahl 2016 berichtete: den FBI-Ermittlungen bezüglich der E-Mail-Affäre um die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton und der Untersuchung zu Donald Trumps Russland-Verbindungen. Beides steht auch im Fokus des Mehrteilers. Er zeichnet Comey als prinzipientreuen Gesetzeshüter, der im Zuge der Ereignisse in politische Zwickmühlen gerät, und beleuchtet anhand der Ereignisse eine tiefe Krise der US-Institutionen angesichts eines Präsidenten, der die politische Kultur des Landes nachhaltig zerrüttet. In den Hauptrollen fulminant gespielt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE COMEY RULE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Billy Ray
Buch
Billy Ray
Kamera
Elliot Davis
Musik
Henry Jackman
Schnitt
Jeffrey Ford
Darsteller
Jeff Daniels (James Comey) · Brendan Gleeson (Donald Trump) · Holly Hunter (Sally Yates) · Michael Kelly (Andrew McCabe) · Jennifer Ehle (Patrice Comey)
Länge
210 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Serie

Zweiteiler über die FBI-Ermittlungen unter seinem Direktor James Comey während des US-Wahlkampf 2016 gegen die demokratische Kandidatin Hillary Clinton als auch gegen das Wahlkampfteam der Republikaner unter Donald Trump.

Diskussion

FBI-Direktor James Comey wäre am liebsten unsichtbar. Man sieht ihn, wie er sich in einer kontinuierlichen Einstellung langsam, Schritt für Schritt, rückwärts bewegt; er verschwindet immer tiefer im Raum. Sein Gesicht kreidebleich, beinahe zur Maske erstarrt. Wäre da keine Wand hinter ihm, würde er über das Anwesen des Weißen Hauses hinaus in den Straßen von Washington D.C. verschwinden. Vor dem blauen Vorhang des präsidialen Empfangszimmers, in dem diese Szene spielt, kommt der FBI-Chefermittler zum Stehen. Vor den Augen und dem Blitzlichtgewitter der Öffentlichkeit gelingt es ihm, sich zunächst zu verbergen; in seinem unscheinbaren blauen Anzug wird er beinahe zum Teil des Dekors. Doch vor einem Blick aber kann er sich nicht verstecken. Jeder kennt ihn: kleine Äuglein mit einem weißen Schatten darunter.

Schon winkt Donald Trump den FBI-Mann zu sich herüber. Gemeinsam mit den Direktoren weiterer Polizei- und Geheimdienstbehörden soll nun – auf Trumps Geheiß – einvernehmlich posiert werden. Äußerst widerwillig bewegt sich Comey in Richtung des Präsidenten. Den Aufzeichnungen des FBI-Mannes zufolge, die er in seinem 2018 erschienenen Buch „A Higher Loyalty“ verewigte, sagte seine Ehefrau in diesem Moment vor dem Fernseher: „Das ist Jims ‚Ach-du-Scheiße‘-Gesicht“. Einer Umarmung des Präsidenten vermag Comey zwar gerade noch zu entgehen, nicht aber dem Händedruck Trumps. Der frischgewählte Chef des Weißen Hauses wird so das Bild bekommen, das er der Öffentlichkeit vermitteln möchte: das FBI ist unter seiner Kontrolle. Am Ende flüstert Trump Comey noch ins Ohr: „Ich freue mich wirklich darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.“

Doku-Fiction um die Turbulenzen der Wahl 2016

Natürlich ist das als Drohung zu verstehen, so wie das meiste, das der US-Präsident im fast vierstündigen Polit-Zweiteiler „The Comey Rule“ verbal zum Besten gibt. Ihn schauspielerisch darzustellen, ist ein Novum. Zwar verkörpert Alec Baldwin Trump seit geraumer Zeit in der Comedy-Show „Saturday Night Live“, doch in einer Dramaserie hatte Trump bis dato noch keinen Auftritt. In der hochkarätig besetzten Doku-Fiktion schlüpft der irische Darsteller Brendan Gleeson in die Rolle von Donald Trump. Neben ihm agieren unter anderem Jeff Daniels als James Comey, Holly Hunter, Michael Kelly, Scoot McNairy und Jennifer Ehle als Comeys Ehefrau Patrice.

Wie es die Namen der Regierungsmitglieder und Behördenangestellten vermuten lassen, ist man als Zuschauer im Vorteil, wenn man die innenpolitischen Geschehnisse und Turbulenzen der Vereinigten Staaten der Jahre 2016-2020 einigermaßen verfolgt hat. Manchem aber wird das Ausgangsmaterial, das Grundlage diese Verfilmung ist, angesichts schwindelerregend beschleunigter Nachrichtenzyklen abhandengekommen sein. Um sich ein Bild zu machen, worum es geht, genügen zwei Schlagworte: Hillary Clintons E-Mails und die russische Einmischung im US-Wahlkampf 2016.

„The Comey Rule“ handelt von diesen Ereignissen. Das FBI spielte in beiden Fällen eine entscheidende Rolle. Hinsichtlich Hillary Clintons sogenannter „E-Mail-Affäre“ ermittelte die Bundesbehörde, weil die Präsidentschaftskandidatin angeblich einen privaten Server zur Ablage behördlicher Mails verwendet hatte; im Fall der russischen Wahl-Einmischung ging es um die – mittlerweile nachgewiesenen – Kontakte, die Mitglieder von Trumps Wahlkampfteam zu russischen Regierungsmitgliedern und Agenten unterhielten, mit dem Ziel, die Kräfte hinsichtlich einer Schmutzkampagne gegen die demokratische Kandidatin zu bündeln. Im Zentrum beider Investigationen: der FBI-Direktor Comey und sein Ermittlerteam.

Der höchste Mann des FBI in einer Zwickmühle

Nach der Wahlniederlage von Hillary Clinton im Jahr 2016 dürfte es im liberalen Lager keine größere Hassfigur gegeben haben als James Comey. Die Wiederaufnahme der eigentlich abgeschlossen Ermittlungen gegen Clinton und ihr Wahlkampfteam 12 Tage vor der Wahl gelten bis heute als Wendepunkt zugunsten von Donald Trump.

Vom liberalen Hollywood hätte man daher durchaus ein Bashing von Comey erwarten können. Dass es in „The Comey Rule“ dazu nicht kommt, liegt vor allem am Drehbuchautor und Regisseur Billy Ray. Sein erklärtes Ziel war es, für „The Comey Rule“ die Beweggründe des FBI-Mannes, insbesondere für die Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen Hillary Clinton, nachvollziehbar zu machen. Das gelingt durchaus. Das zweiteilige Politdrama macht deutlich: James Comey befand sich in einer Zwickmühle. Hätte er die Ermittlungen gegen Hillary Clinton und ihr Wahlkampfteam eingestellt, wäre der Eindruck der Parteilichkeit des FBI entstanden. Im Falle eines tatsächlichen Wahlsiegs der Demokraten hätten die Republikaner – so Comeys Argumentation – im Kongress umgehend ein Impeachment-Verfahren gegen Clinton angeregt; die FBI-Behörde wäre angesichts eines solchen Szenarios zutiefst beschädigt worden.

Rays primäre Quelle für diese Deutung ist Comeys Buch „A Higher Loyalty“. Der US-Verlag bewirbt den Bestseller mittlerweile mit der Aussage „Die Inspiration für die Serie ‚The Comey Rule‘“. Der Rekurs auf eine einzige Quelle ist ein Schwachpunkt der ansonsten sehr sehenswerten Inszenierung. Ein Blick in Comeys Aufzeichnungen zeigt, dass ganze Szenen eins zu eins auf der Übernahme von Passagen des Buchs beruhen. Dieses Manko spürt man auch, wenn in der als Ensemblestück angelegten Mini-Serie Szenen in den Vordergrund treten, in denen nicht Comey oder Trump, sondern andere im Fokus stehen. Diese Figuren und Einstellungen am Rande des zentralen Duells wirken – trotz des großen schauspielerischen Potenzials der Darstellenden – ein wenig skizzenhaft und hölzern, so als würde ihnen der entscheidende Wille zur dramatischen Inszenierung abgehen.

Das Aufeinandertreffen von Trump und Comey

Umso mehr Energie verwendet das Politdrama auf die Darbietung des entscheidenden Aufeinandertreffens von Trump und Comey. Ray inszeniert es als spannungsgeladenes Kammerspiel. Dazu kommt es, als der neugewählte Präsident den FBI-Direktor zu sich ins Weiße Haus zitiert. Comey geht von einem abendlichen Anlass in Gesellschaft aus, an dem auch andere Personen beteiligt sind. In Wirklichkeit aber ist es ein „Dinner for Two“ mit einem Gastgeber des Grauens, wie Comey retrospektiv notiert. Das gemeinsame Mal wird zum Stresstest für das Wertesystem des FBI-Direktors, denn Trump fordert von ihm uneingeschränkte Loyalität hinsichtlich der Russland-Ermittlungen, die von der Behörde vorangetrieben werden.

Das Gipfeltreffen der beiden Schauspieler Jeff Daniels und Brendan Gleeson ist hohe Kunst. An Gleesons Trump-Entwurf werden sich künftige Schauspieler messen lassen müssen. Gleesons Trump ist eine konzentriertere, aber auch furchteinflößendere Version seines „echten Selbst“. Der Schwierigkeit, eine Figur wie Trump darzustellen, meistert Gleason, indem er eine Facette des regierenden Berserkers besonders hervorhebt - die des Mafiabosses, die Trump in bestimmten Momenten zweifelsohne ausstrahlt. Es ist köstlich mitanzusehen, wie Jeff Daniels als Comey den Loyalitätseinforderungen des Politmonsters mit einer eisernen Miene widersteht.

Der Glaube an die Widerstandskraft der US-Institutionen

Man hätte sich an der Stelle durchaus auch einen Spielfilm à la „Frost/Nixon“ vorstellen können, der einzig das Duell Trump gegen Comey zum Gegenstand hat. So aber bleibt es bei einer Inszenierung der jüngsten Geschichte der Vereinigten Staaten, die einen breiten Blick auf die Geschehnisse der Jahre 2016/17 erlaubt. Am Ende kostet in „The Comey Rule“ die Prinzipientreue dem FBI-Direktor den Job. Ob sich sein Glaube an die Widerstandskraft der US-amerikanischen Institutionen bewahrheitet, lässt „The Comey Rule“ offen. Die letzte Einstellung zeigt – passend zur Wahl – einen unbesetzten Stuhl vor dem Schreibtisch des Präsidenten im Oval Office. Das Schicksal der Nation scheint in diesem Augenblick offen.

Kommentar verfassen

Kommentieren