Atomkraft Forever

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 98 Minuten

Regie: Carsten Rau

Seitdem der Klimawandel die öffentliche Diskussion bestimmt, mehren sich Stimmen, die den Ausstieg aus der Kernkraft in Deutschland für einen Fehler halten. Der Dokumentarfilm bilanziert nüchtern, aber mit bestechenden Bildern den Stand der Diskussion. Er beobachtet Arbeiter in Greifswald beim Rückbau des Atomkraftwerkes, hört Menschen in Gundremmingen zu, die wirtschaftliche Einbußen befürchten, verfolgt das Tun von Mitarbeitern der Bundesagentur für Endlagerung und wirft einen Blick nach Frankreich. Ein unaufgeregter, genauer Blick auf die Kosten der Atomenergie und die ungelöste Frage der Endlagerung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Carsten Rau
Buch
Carsten Rau
Kamera
Andrzej Krol
Musik
Ketan Bhatti · Vivan Bhatti
Schnitt
Stephan Haase
Länge
98 Minuten
Kinostart
16.09.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Diskussion

Im Atomkraftwerk Greifswald bei Peenemünde arbeiten noch immer über 800 Menschen, obwohl die Anlage längst stillgelegt ist. Und zwar nicht erst seit dem GAU von Fukushima vor zehn Jahren, sondern bereits seit dem Jahr 1995, weil die Sicherheit des Reaktors nicht mehr gewährleistet war. Ein Atomkraftwerk aber ist kein Bau, den man mal eben so abreißen kann. Bis 2028 werden die Arbeiten in Greifswald vermutlich noch weitergehen. Bei den anderen 16 deutschen Kernkraftwerken, von denen die letzten 2022 abgeschaltet werden sollen, wird der Rückbau ebenfalls Jahrzehnte dauern. Selbst dann, wenn diese Arbeiten abgeschlossen sind, bleibt immer noch die Frage: Wohin mit den vier Millionen Tonnen radioaktiver Müll? Denn nach einem Endlager, das den atomar verseuchten Abfall für rund eine Million Jahre sicher von der Biosphäre zurückhält, wird noch immer gesucht. Nicht nur in Deutschland, sondern auf dem ganzen Globus.

War der Ausstieg ein Fehler?

Der Dokumentarfilm von Carsten Rau gewährt Einblicke in ein Problemfeld, das in den letzten Jahren weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden war. Erst in jüngster Zeit mehren sich Stimmen, die den Ausstieg aus der Atomkraft angesichts von CO2-Emissionen und Klimawandel hinterfragen und ihn für einen Fehler halten. Unter jungen Nuklearphysikern in Frankreich, wo 75 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken stammen, findet man die deutsche Abkehr von der Kernenergie „einfach lächerlich“ und rühmt die eigene klimafreundliche Energiepolitik.

Auch in dem schwäbischen Ort Gundremmingen ist man vom Atomausstieg nicht gerade begeistert. Eine Wirtin trauert den Zeiten nach, in denen ihr der Atommeiler in unmittelbarer Nähe zahlreiche Gäste bescherte. Auch der Rest der Gemeinde profitierte davon erheblich. Man baute Sportstätten und ein überdimensioniertes Kongresszentrum, das heute weitgehend ungenutzt ist. Weil man all das Steuergeld im Ort selbst gar nicht ausgeben konnte, ging die Kommune dazu über, Eigentumswohnungen in München zu kaufen.

Ein anderer Erzählstrang des Films folgt Managern der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Zunächst sieht man sie bei der Vorbereitung einer öffentlichen Veranstaltung mit interessierten Bürgern, wo sie übereinkommen, sich sprachlich strikt an die Fachterminologie zu halten. Man wolle hinsichtlich einer Bürgerbeteiligung keine falschen Erwartungen wecken, sagt einer. Genau so läuft die Versammlung später auch ab. Den Laien wird ein komplexes Gewirr aus Daten präsentiert, dem diese kaum folgen können. Immerhin scheinen die Arbeitsplätze dieser Behörde auf Jahrzehnte hinaus gesichert.

Hier Wehmut, dort Euphorie

Der Dokumentarist Carsten Rau, der sich mit der Atomkraft schon in einer Reihe von (Fernseh-)Filmen auseinandergesetzt hat, stellt die Statements der Protagonisten unkommentiert nebeneinander. Etwa die Wehmut der Menschen aus Gundremmingen neben die Euphorie der französischen Ingenieure. Die Fakten, die der Film über die Risiken der Atomkraft anführt, sind nicht unbedingt neu, waren in den letzten zehn Jahren aber ebenfalls aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden.

Es ist durchaus ein Verdienst dieser Dokumentation, die gigantischen zeitlichen Dimensionen des Themas wieder deutlich zu machen. Zudem bemüht sich Rau trotz eines eher journalistischen Ansatzes darum, Bilder zu finden, die über die gängige Form von Fernsehdokumentationen hinausreichen. Darin sieht man in Greifswald Menschen in Ganzkörperschutzanzügen mit Flex und Bohrhammer kontaminierten Beton von den Wänden kratzen oder eine endlose Reihe von Containern mit bereits entferntem Material; in Gundremmingen wird hingegen der Boden der überdimensionierten, kaum genutzten Kongresshalle auf Hochglanz gebohnert, während im tristen BGE-Gebäude eine Angestellte graue Aktenordner auf einem Wägelchen über die Flure schiebt. In solchen Einstellungen wird ein Gespür für Bilder deutlich, das im deutschen Dokumentarfilm nicht alltäglich ist. Auch die Sounds der Filmmusik sind so ambitioniert wie stimmig. Nur der Einfall, vor jedem Statement zwei Hände die Klappe schlagen zu lassen, nimmt sich albern aus.

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