Aware - Reise in das Bewusstsein

Dokumentarfilm | Deutschland/USA 2020 | 106 Minuten

Regie: Frauke Sandig

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass es das (Selbst-)Bewusstsein ist, das den Menschen von allen anderen Kreaturen unterscheidet. Der Dokumentarfilm hinterfragt diese Wahrnehmung und lässt Hirn- und Pflanzenforscher, buddhistische Mönche, Philosophen und Mediziner zu Wort kommen, die durch halluzinogene Pilze oder Meditation von anderen Erfahrungen berichten. Eine spirituell angehauchte Mixtur aus Rationalitäts- und Zivilisationskritik, die visuell häufig mit imposanten Landschaftstotalen angereichert wird und vom Sinn des Lebens, dem Einklang mit der Natur bis zur Unsterblichkeit viele Themen streift. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Frauke Sandig · Eric Black
Buch
Frauke Sandig · Eric Black
Kamera
Eric Black
Musik
Zoe Keating
Schnitt
Franziska von Berlepsch · Rune Schweitzer
Länge
106 Minuten
Kinostart
02.09.2021
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Ein spirituell angehauchter Mix aus Rationalitäts- und Zivilisationskritik, der vom Sinn des Lebens, dem Einklang mit der Natur bis zur Unsterblichkeit viele Themen streift.

Diskussion

Haben Erbsen Ohren? Bislang konnten noch keine Sinnesorgane an ihnen entdeckt werden, die auf auditive Fähigkeiten schießen lassen. Doch Monica Gagliano, eine Professorin für Pflanzenverhalten und Kognition an der Universität Sydney, hat in Experimenten herausgefunden, dass die Hülsenfrüchte durchaus auf akustische Schwingungen reagieren und diese offenbar auch unterscheiden können. Nachdem sie den Pflanzen in einer Versuchsanordnung zunächst Wasser angeboten hatte, ersetzte sie das Nass per Lautsprecher durch das Geräusch von fließendem Wasser, woraufhin die Erbsen ihre Wurzeln nach der akustischen Quelle ausstreckten. Das ist fraglos ein faszinierendes Experiment. Dennoch mutet es absurd an, den Erbsen deshalb gleich ein Bewusstsein zu attestieren. In dem Dokumentarfilm „Aware – Reise ins Bewusstsein“ von Frauke Sandig und Eric Black scheint selbst diese Option nicht ausgeschlossen.

Was den Menschen zum Menschen macht

Dabei mutet schon das Unterfangen, das Bewusstsein zum Thema eines Films zu machen, reichlich kühn an. Wie sollte sich das jenseits von Experten-Statements in halbwegs aussagefähige Bilder fassen lassen? Schließlich war die Ergründung der Frage, was den Menschen zum Menschen macht, zumindest in der westlichen Hemisphäre über Jahrtausende den Philosophen vorbehalten, zu denen sich später dann die Psychologen gesellten, bis vor rund hundert Jahren die Neurowissenschaftler begannen, das Phänomen als Ablauf biochemischer Prozesse im Gehirn zu entschlüsseln.

In diesem Kontext bewegt sich auch der Kognitionsforscher Christoph Koch in Seattle. Er führt Computerdiagramme von Hirnströmen vor und erklärt, dass die Gehirne von Bienen in Relation zu ihrer Größe komplexer aufgebaut seien als die von Menschen; dennoch scheint Koch skeptisch zu sein, ob er mit seinen Methoden dem Bewusstsein auf die Spur kommen kann. Auch der Franzose Matthieu Ricard hat als Molekularbiologe gearbeitet, bevor er sich dem Buddhismus zuwandte. Heute lebt er in einem Kloster in Nepal, schreibt Bücher über das Glück und ist überzeugt, dass der einzige Zugang zur wahren Erkenntnis nur über Meditation führt. Es gelte, das Nicht-Denken zu erlernen, sagt er.

Generell ist in „Aware“ mehr die Rede davon, dem Bewusstsein – zumindest vorübergehend – zu entkommen, als es zu finden. Der US-Amerikaner Roland R. Griffiths hat eine Methode entwickelt, die er als „Crash-Kurs zum Verstehen des Wesens des Geistes“ bezeichnet. Dabei setzt er Psilocybin ein, den Wirkstoff halluzinogener Pilze, mit deren Hilfe seine Probanden unter medizinischer Aufsicht Grenzerfahrungen machen, die sie anschließend aber nur schwer in Worte fassen können. Das verbindet sie mit jenen Menschen, die von Erleuchtungserlebnissen berichten. Oder dem Philosophieprofessor Richard Boothby, der sich nach dem Suizid seines Sohnes einer solchen Behandlung unterzog und unter Tränen vom Glück einer grenzenlosen Offenheit schwärmt. Der Einsatz halluzinogener Pilze war in vielen indigenen Kulturen Bestandteil ritueller Bräuche; auch im aufgeklärten Westen experimentierten Forscher mit bewusstseinserweiternden Drogen wie etwa LSD.

Mix aus Rationalismus- und Zivilisationskritik

Bahnbrechende neue Erkenntnisse oder gar Antworten auf die Frage nach dem Bewusstsein vermag der Film aber nicht zu liefern. Da sich Autoren nicht ansatzweise an so etwas wie einer Definition des Begriffs versuchen, geht es hier um alles Mögliche. Von Erkenntnis, Glück, dem Sinn des Lebens, einem Dasein im Einklang mit der Natur bis zur Unsterblichkeit ist so ziemlich alles dabei. Unter dem Strich ergibt das ein recht diffuses, spirituell angehauchtes Konglomerat aus Rationalismus- und Zivilisationskritik, dem ein historischer Abriss in Sachen Philosophie oder Evolutionsforschung gutgetan hätte. Von „Aware“ bleiben am Ende kaum mehr als Floskeln, wonach alles fließt, alles mit allem irgendwie zusammenhängt oder das Bewusstsein ein Ozean ist. Vielleicht sind die Statements der Experten deshalb häufig mit imposanten Totalen mit wogenden Wellen oder Bildern mit Menschen verbunden, die entrückt aufs Wasser blicken.

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