Drama | Großbritannien/USA 2021 | 130 Minuten

Regie: Kevin Macdonald

Der radikalen islamistischen Gruppen nahestehende Mauretanier Mohamedou Ould Salahi wurde 2002 von den Behörden seines Landes an die USA übergeben und bis 2016 ohne Beweise oder Anklage als angebliches al-Qaida-Mitglied in Guantanamo eingesperrt. Das Drama folgt den Versuchen Salahis, mit Hilfe US-amerikanischer Verteidiger die Unrechtmäßigkeit seiner Inhaftierung gerichtlich erweisen zu lassen. Die konventionelle Mischung aus Thriller und Filmbiografie räumt der Anwältin wie dem Ankläger dabei ähnlich viel Raum wie dem Gefangenen ein. Interessante ästhetische Entscheidungen und eine ungewöhnliche Besetzung gleichen die streckenweise biedere, oft etwas träge Inszenierung aber nicht aus. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE MAURITANIAN
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Kevin Macdonald
Buch
M.B. Traven · Rory Haines · Sohrab Noshirvani
Kamera
Alwin H. Küchler
Musik
Tom Hodge
Schnitt
Justine Wright
Darsteller
Tahar Rahim (Mohamedou Ould Salahi) · Jodie Foster (Nancy Hollander) · Shailene Woodley (Teri Duncan) · Benedict Cumberbatch (Lt. Col. Stuart Couch) · Zachary Levi (Neil Buckland)
Länge
130 Minuten
Kinostart
10.06.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller

Drama nach den Tagebüchern von Mohamedou Ould Salahi, der als angebliche Schlüsselfigur zu al-Qaida und den Anschlägen in New York von 2002 bis 2016 in Guantanamo eingesperrt war.

Diskussion

Wie so viele Hollywood-Produktionen beginnt auch „Der Mauretanier“ von Kevin Macdonald mit der Einblendung „Dies ist eine wahre Geschichte“. Das Wort „wahre“ ist dabei besonders hervorgehoben, so als müsste man sich dessen zusätzlich vergewissern. Immerhin wird von einem Ort erzählt, der für Wahrheit und Fakten lange wie ein schwarzes Loch war: das Gefangenenlager Guantanamo. Der Film zeigt das Lager als Ort der Unschärfe, des Verwischens und der Über- und Unterreizung. Als Black Box, die mit der Außenwelt nur über Umwege kommuniziert und trotzdem unentwegt nach außen drängt. Denn das ist die Angst, von der in einer Mischung aus Filmbiografie und Politthriller erzählt wird: Was, wenn Guantanamo Bay längst überall ist?

Konkreter geht es um den Fall von Mohamedou Ould Slahi, dem Autor von „Das Guantanamo-Tagebuch“, das 2015 erstmals erschien, zum Bestseller wurde und seit 2018 auch in einer unzensierten Fassung verfügbar ist. Im Jahr 2001 wurde er in Mauretanien entführt und ohne formelle Anklage in das US-Gefängnis auf Kuba verfrachtet. Man warf ihm vor, an den Terroranschlägen vom 11. September 2001 mitgewirkt zu haben. So sollte er die Täter rekrutiert haben. Verkörpert wird er im Film von Tahar Rahim. Die idealistische Anwältin Nancy Hollander (Jodie Foster) nimmt sich seines Falls an; gemeinsam mit ihrer jüngeren Kollegin Teri Duncan (Shailene Woodley) übernimmt sie seine Verteidigung. Chefkläger ist der Navy-Lieutenant Stuart Couch (Benedict Cumberbatch). Er plädiert dafür, dass Mohamedou zum Tode verurteilt wird. Der Fall geht ihm persönlich nahe; ein guter Freund ist bei den Anschlägen ums Leben gekommen. Doch keine der Seiten kennt die ganze Wahrheit.

Über weite Strecken ein Schauspielfilm

„Der Mauretanier“ ist über weite Strecken ein Schauspielfilm. Mohamedou ist die Hauptfigur, doch Kläger und Anwältin wird vergleichbar viel Zeit eingeräumt. Beide Fraktionen stoßen schnell auf massiven Widerstand von Justiz und Geheimdiensten. Hollander erhält viele Dokumente nur geschwärzt; ihre Betreuer bei der Aktenansicht erweisen sich als höflich, aber unkooperativ. Auch die Presse geht nicht gerade zimperlich mit einer Frau um, die einen mutmaßlichen Terroristen verteidigen will. Doch auch Couch bekommt kaum Unterstützung von seinen Vorgesetzten. Die so genannten MFRs (Memorandum for the Records), die er braucht, um seinen Fall vorzubereiten, scheinen immer gerade außer Reichweite für ihn zu sein. Ein wichtiger Spezialist, mit dem Couch überdies befreundet ist, wird aus seiner Task Force abgezogen. „Ich war nie an einer Verschwörung beteiligt, aber allmählich glaube ich, dass sich eine Verschwörung von außen so anfühlen muss“, klagt er sein Leid.

Cumberbatch ist für die Rolle des kernig-konservativen US-Amerikaners derart schlecht ausgesucht, dass man Absicht dahinter vermuten muss. Vielleicht wurde er besetzt, um der Unsicherheit des Lieutenants mit seiner Position eine physische Dimension zu geben. Es wäre nicht die einzige mutige, aber streitbare Entscheidung des Films. Cumberbatch strahlt ein fundamentales Unbehagen aus, so als wäre er in einer fremden Haut gefangen. Licht und Maske betonen seine unkonventionellen Gesichtszüge.

Auch bei der Rolle von Nancy Hollander erzeugt das Casting eine interessante Diskrepanz zwischen Figur und Darstellerin. Foster spielt die deutlich ältere Anwältin mit grauem Haar mit der Energie einer jüngeren Frau – wie könnte es auch anders sein? Hollander begegnet ihrer Umwelt mit Präzision und Pragmatismus. Sie ist eine Expertin auf ihrem Feld und kennt Zweifel nur aus den dunklen Stunden zwischen eiserner Pflichterfüllung. Empathie ist für sie eine Frage von korrekt angewandten Gesetzen; für die Gefühlsduseleien ihrer Kollegin Teri hat sie wenig Verständnis. In einer Szene geraten die beiden in Streit und gehen für längere Zeit getrennte Wege.

Ein mühsamer Spagat

Ihr Zwiespalt ist auch einer des Films, der gleichermaßen pragmatisch seine Argumente gegen Guantanamo vorbringen und das Publikum affizieren will. Dieser Spagat gelingt selten, gerade gegen Ende triumphiert die emotionale Emphase. Manchmal wirkt „Der Mauretanier“ wie einer der Edutainment-Filme von Adam McKay oder „Die Sendung mit der Maus“ für Erwachsene. Etwa wenn Benedict Cumberbatch beim Billardspielen mit einem Freund erklärt, was genau denn nun diese MFRs sind.

Tahar Rahim spielt mit großer Hingabe die Auswirkungen des kafkaesken Terrors, den der junge Mauretanier erdulden muss. Als er zum ersten Mal auf seine Anwältin trifft, ist er offen und charmant, doch hinter der Fassade aus Floskeln und Popkultur-Referenzen ist ein tiefer Schmerz verborgen. Witze über Ally McBeal und Charlie Sheen macht er wohl nur, weil der Fernseher eines Wärters jahrelang sein Fenster zur Welt ist.

Der Plot arbeitet etwas bemüht auf eine Erkenntnis hin, die im Jahr 2021 keine große Überraschung mehr darstellt: In Guantanamo Bay wurde gefoltert. Auch Mohamedou wurde zwangsernährt, geschlagen, sensorisch depriviert, sexuell belästigt, mit lauter Musik beschallt und am Einschlafen gehindert. Dass dies als eine Art Plot-Twist eingesetzt wird, ist die fragwürdigste Entscheidung des Films, die weder narrativ noch moralisch überzeugt.

Das Bild wird zur Zelle

Macdonalds greift auf verschiedene Stilmittel zurück, um die Erfahrung des Gefangenen zu inszenieren: Stroboskoplicht, dröhnende Musik, Unschärfe, extreme Nahaufnahmen, hektische Schnitte. In den langen Rückblenden, die von seinen ersten Jahren in Guantanamo erzählen, wird das Bild auf ein kleines Fenster in der Bildmitte reduziert. Schwarze Balken Links und Rechts lassen an das Windowbox-Format denken. Das Bild wird zur Zelle. Die Schwärze um ihn gleicht den dunklen Linien, die die Zensoren durch seine Korrespondenzen ziehen. Eine plakative Entscheidung, die durchaus Wirkung erzielt; Dunkelheit ist eben auch Informationsmangel.

Wenn Rahim später im Gerichtssaal nur als Kopf auf einem Bildschirm auftritt, hat er die Windowbox in die Welt getragen. Vieles, was die Folterszenen definiert, findet sich in leicht abgewandelter Form auch anderswo in der Filmwelt. „Der Mauretanier“ erzählt davon, dass mit Guantanamo Bay so lange ein Karzinom am Herzen der Demokratie wächst, bis das Lager geschlossen wird. Das ist vielleicht ein wenig naiv und verkürzend, aber auch nicht falsch. Dennoch ist „Der Mauretanier“ eher gut gemeint als gut gemacht.

Im Souvenierladen von Guantanamo

Der stärkste Moment des Films trifft es besser: Anwältin und Kläger begegnen einander zum ersten Mal – im Souvenirshop von Guantanamo, zwischen grotesken Anti-Taliban-T-Shirts und kuriosen Faksimile. Leid und Konsum, Brutalität und Unterhaltung, so dicht nebeneinander, dass sie fast eins werden.

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