Bis ans Ende der Welt (2020)

Dokumentarfilm | Südkorea 2020 | 79 Minuten

Regie: Kwon Min-pyo

Eine Gruppe junger Schülerinnen aus Seoul sucht das „Ende der Welt“ – als Fotomotiv. Für ein Ferienprojekt der Foto-AG fahren sie bis an die Endstation einer Metrolinie, um das passende Motiv zu finden. Dabei erleben sie kleinere und größere Abenteuer. Der leise inszenierte Dokumentarfilm findet eine Form nostalgischer Kindheitserinnerung, die nicht an die Vergangenheit und ihre Artefakte gebunden ist, sondern sich ganz einer kindlich-gutgläubigen Perspektive verschreibt. - Sehenswert ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
JONG CHAK YEOK
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2020
Regie
Kwon Min-pyo · Seo Han-sol
Buch
Kwon Min-pyo · Seo Han-sol
Kamera
Park Jae-man
Schnitt
Kwon Min-pyo · Seo Han-sol
Länge
79 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 10.
Genre
Dokumentarfilm | Road Movie

Vier Schülerinnen einer Foto-AG in Seoul fahren in den Ferien mit der Trambahn bis zur Endstation, um ein Bild vom „Ende der Welt“ aufzunehmen.

Diskussion

Die Schulferien haben begonnen. Nach ihrem letzten Tag in der Foto-AG bekommen vier Schülerinnen eine besondere Hausaufgabe: Sie sollen das Ende der Welt finden und es auf ihren Einwegkameras festhalten. In Seoul sehen die Mädchen dafür wenig Chancen, also fahren sie mit der Metro bis zur Endstation, um die Hauptstadt, den urbanen Raum und seinen Alltag hinter sich zu lassen.

Den kurzen Ferientrip begleitet nicht nur die Frage, wie das Ende der Welt aussehen könnte, sondern auch, wie und warum man es fotografieren sollte, wenn es doch gar nicht existiert. Die Antwort ist nicht klar, aber sie findet sich, wie alles, was diesen leisen Film ausmacht, unterwegs. Der eigentliche Zauber der Unternehmung liegt dabei nicht darin, das perfekte Fotomotiv zu suchen, sondern eine unentdeckte Welt zu finden.

Unterwegs ins eigene Abenteuer

Als Seoul endlich hinter ihnen liegt und sich das Umland der Millionenstadt vor ihnen ausbreitet, beginnt die Möglichkeit für ein solches Abenteuer. Eine verlassene und von der Natur fast vereinnahmte Straße könnte ans Ende der Welt führen, aber eigentlich ist sie auch so schon interessant genug, um für die kindliche Spekulationswut alles andere vergessen zu lassen. Mit diesem Erkundungsgeist mäandert das Quartett in ihr eigenes Abenteuer hinein. Eigen auch deshalb, weil Kwon Min-pyo und Seo Hansol es für ihren Debütfilm weder zuspitzen noch in gezielte dramaturgische Bahnen lenken. Die Fantasie bleibt den Kindern überlassen.

Ein Konzept, das zunächst fast „semi-dokumentarisch“ anmutet, aber gerade weil sich der Film so gänzlich der Perspektive der Kinder verschreibt, eben doch für etwas ganz anderes steht. Die Dialoge wurden nicht festgeschrieben, sondern blieben wie so vieles andere den vier Mädchen überlassen. Oft geht es darum, welchen Weg sie als nächstes einschlagen, wer warum hinterherhinkt oder wo man sich kurz vor dem Regen unterstellen kann. Die Mädchen verlaufen sich, finden ein Tier am Wegesrand und verbringen schließlich eine gemeinsame Pyjama-Party in einem Ferienhaus.

Das ist dann der intimere Teil der Reise, der der Gesprächigkeit, aber auch der kindlichen Sensibilität einen neuen Rahmen gibt. Bald geht es nicht mehr nur um die Schule und das, was unmittelbar vor den Mädchen liegt, sondern auch darum, wie sich der Tod der eigenen Großmutter anfühlte.

Ein ungetrübter Blick auf die Welt

In fester Position ruhend, folgt die Kamera den Bewegungen der Mädchen, schwenkt sachte hinterher und überlässt ihnen ganz das Spielfeld des Bildkaders. Es ist ein geradezu unschuldiger Ansatz, der den Zuschauer bei den eigenen Kindheitserinnerungen abzuholen versucht, ohne dafür selbst in die Vergangenheit zu reisen. Das Gefühl der Nostalgie ist nie an eine konkrete Erinnerung, an die Artefakte einer Ära, sprich: die Zeit selbst, gebunden. Sie ist ein Teil des ungetrübten, gutgläubigen Blicks, der hier eine Welt vorfindet, die im schönsten Sinne des Wortes fremd ist.

Die Fotos, die die Mädchen von dieser Welt machen, haben keinen Kunstanspruch, suchen keine obskuren Details und sind gänzlich befreit von den Aufmerksamkeitsökonomien des digital vernetzten Alltags, der nun weit hinter ihnen liegt. Mal ist der Vordergrund unscharf, mal liegt eine Fingerkuppe vor der Linse, immer aber fängt der Film – und damit ist der Fotofilm der Einwegkameras genauso gemeint wie der Debütfilm – etwas ein, dass vielleicht nur in der Kindheit erlebt werden kann: ein echtes Abenteuer.

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