Drama | Deutschland 2021 | 90 Minuten

Regie: Henrika Kull

In einem Berliner Bordell entdecken zwei Prostituierte eine tiefe Nähe zueinander, aus der sich eine intensive Liebesbeziehung entwickelt. Auf die Hochgefühle folgen aber auch Ängste vor Selbstverlust und Schutzlosigkeit. Ihre Arbeit mit dem eigenen Körper als Ware und eingespielte Distanzmechanismen erschweren eine dauerhafte Bindung. Ein intensiv gespieltes Drama, das sich allerdings zu wenig auf die Vertiefung der Charaktere und ihrer Motive einlässt. Stattdessen bemüht sich der Film sehr, die Sexarbeit als Form der Selbstermächtigung zu deuten, spricht selbst in vielen Szenen aber eine andere Sprache. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Henrika Kull
Buch
Henrika Kull
Kamera
Carolina Steinbrecher
Musik
Dascha Dauenhauer
Schnitt
Henrika Kull
Darsteller
Katharina Behrens (Sascha) · Adam Hoya (Maria) · Nele Kayenberg (Scarlett) · Jean-Luc Bubert (Maik) · Petra Kauner (Petra)
Länge
90 Minuten
Kinostart
22.07.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm

Liebesdrama um zwei Prostituierte, in dem die Arbeitswirklichkeit eines Berliner Bordells ebenso wichtig ist wie die Suche der beiden nach Verbundenheit.

Diskussion

Im Regionalzug nach Berlin rauscht die Landschaft wie im Flug vorbei. Windräder ragen monoton in den blauen Himmel. Die 42-jährige Sascha ist wie viele andere Pendler auf dem Weg zur Arbeit. Sie sieht müde aus, als sie ihren Kopf ans Fenster lehnt und die Augen für einen Moment schließt. Dann ein abrupter Szenenwechsel. Nur mit einem seidenen Bademantel bekleidet, bittet Sascha einen jungen Mann ins Zimmer. Im goldenen Rahmen hängt eine Hausordnung an der barock tapezierten Wand. Freundlich und routiniert reicht sie ihrem Besucher ein Glas Wasser, um dann mit unbefangenen Bewegungen ihrer Arbeit nachzugehen.

Im Aufenthaltsraum des Berliner Bordells „Queens“ herrscht ebenfalls lockere Betriebsamkeit. Ein Kaffeeautomat brummt und weckt Büroassoziationen. Telefone klingeln, ein großer Schminkspiegel erinnert an den Backstage-Bereich eines Theaters. Übereinander gestapelte Waschmaschinen laufen unablässig, abschließbare Spinde hängen an den Wänden. Die Dessous der Frauen, die sich hektisch durch die engen Räumlichkeiten bewegen, wirken wie Kostüme von Darstellerinnen einer Bühnenshow.

Ein bisschen crazy

Eine neue Mitarbeiterin beginnt Sascha zu faszinieren. Die 25-jährige Italienerin Maria wirkt zart und eigensinnig zugleich. Ihr Körper ist von kunstvollen Tätowierungen überzogen, die Behaarung nicht rasiert. Ein bisschen speziell, aber sehr gut, befindet die „Hausdame“, woraufhin der Bordellbetreiber seine anfängliche Skepsis überwindet. Ein bisschen crazy, das sei immer gut. In den Pausen sieht man Maria versunken in ihr Notizbuch schreiben oder auf Instagram surfen. Auf dem Heimweg wirkt sie mit ihrer fliederfarbenen Mütze in der U2 genauso wie viele andere hippe urbane Berliner.

Als Sascha während der Arbeit die Zigaretten ausgehen, überrascht Maria sie mit einer verführerischen Raucher-Pantomime. Dass sie nicht nur fantasievoll und verspielt, sondern auch sehr reflektiert ist, beweist sie Sascha bei einem spontanen Abendessen im Kebab-Laden, als sie eines ihrer Gedichte rezitiert. Es handelt von der Ambivalenz des Frau-Seins, der Weiblichkeit als gewaltsamem gesellschaftlichem Exil, von Müttern und Huren sowie dem Versuch, eine andere Sprache zu finden. Verblüfft und tief berührt erliegt Sascha dem Charisma der jungen Frau. Eine andere Art der Intimität entwickelt sich, eine Nähe, die immer wieder an den Skripten der körperlichen Warenförmigkeit und kontrollierter Distanzmechanismen zu scheitern droht.

Sehnsucht nach Resonanz

Katharina Behrens und Adam Hoya sind ein wahrer Glücksfall für das Liebesdrama von Henrika Kull. Die Schönheit und Sensibilität, die beide im Spiel miteinander entfalten, ist schlicht berückend. Umso ungücklicher ist es, dass das Drehbuch ihre Charaktere nicht intensiver entfaltet, was die Dynamik zwischen ihnen mitunter schwer nachvollziehbar macht. Dabei geht es nicht um die lesbische Sexualität, die im Kontext ihrer Arbeit nur auf den ersten Blick überraschen mag. Sie ist psychologisch plausibel, da es in ihr nicht nur um das Ausleben von Lust, sondern vor allem um die Sehnsucht nach einer primären Verbundenheit geht, ein schutzloses Nacktsein voreinander, das zärtlichen Halt verspricht, und die Erfahrung von Resonanz und Spiegelung im Anderen. Einmal springt Sascha wutentbrannt aus dem Bett und droht sich nackt aus dem offenen Fenster zu stürzen. „Siehst du mich?“, schreit sie Maria verzweifelt an.

Im dörflichen Brandenburg, wo laut Sascha nur hässliche Menschen leben, hat sie einen kleinen Sohn, zu dem sie kaum mütterliche Gefühle aufbauen kann. Als Maria nach einem Streit kurzerhand zurück nach Italien fliegt, kauft sie in einem spontanen Affekt eine Unmenge an Blumensträußen, um das Grab ihrer Mutter damit zu überschütten. Die „Hausdame“ des Bordells, eine korpulente ältere Frau, präsentiert die Prostituierten wie Ware, die sie gerade im Angebot hat. Doch zum Abschied wird sie von ihren Mädchen liebevoll geküsst, denen sie Kosenamen gibt. Wie es wohl zu dem althergebrachten Begriff der „Puffmutter“ kam, der hier absichtsvoll vermieden wird?

Statt das so präsente und doch zugleich verleugnete Problem der Mutterbeziehung für Frauen weiter zu entfalten, widmet sich Kull lieber der Kritik an einer „toxischen Männlichkeit“ und patriarchaler Ausbeutung. Das nimmt der Entwicklung der Charaktere die Tiefe und führt zu klischierten Szenen, die den Verlauf der Geschichte irritieren.

Die unbefragte Kernfamilie

Als Sascha mit Maria in ihr Dorf fährt, um sie ihrem Sohn vorzustellen, ist dort gerade Schützenfest, bei dem die männlichen Besucher so wirken, als wären sie allesamt finstere, kulturlose Rednecks. Natürlich wird Sascha von einem dieser Typen sexuell attackiert und verflucht erneut das andere Geschlecht und ihre Herkunft. Gleichzeitig wird aber nicht klar, warum es sie immer wieder dorthin zurückzieht und sie damit die eigene Entwertung aufsucht. „Ich glaub’, ich kann das nicht… Glück“, entgegnet sie Maria, um die Beziehung zu beenden. Es wäre interessanter gewesen, in Dialogen und Bildern mehr über diesen Konflikt Saschas zu erfahren, als Stereotype über die Landbevölkerung zu bemühen. Geht es hier nicht viel mehr um abhängige Familienstrukturen als um das Problem gesellschaftlicher „Normativität“?

Eine Kritik an der Ausbeutung hätte sich parallel dazu auch mehr auf die Prostitution selbst und die psychischen Folgen für die Frauen konzentrieren können. Immerhin ist der Betreiber des Bordells – und damit der Hauptprofiteur – ein Mann.

Henrika Kull hat nach langer Recherche in einem realen Bordell gedreht; viele der Darstellerinnen im Film gehen dort tatsächlich ihrer Arbeit nach. Es ist sehr aufschlussreich, die Realität dieses Lohnerwerbs zu zeigen. Noch immer wird das Bordell als mystisch-verruchter Ort verklärt; es fehlt ein nüchterner Blick auf die Arbeitsverhältnisse. In feministischen Diskursen wird daher auf der Bezeichnung „Sexarbeiter*in“ bestanden, um gesellschaftlicher Stigmatisierung entgegenzuwirken und eine Normalisierung der Arbeit zu betonen.

Das Gewicht körperlicher Erfahrung

Auch Kull versucht die beiden Charaktere in diesem Sinne zu inszenieren und besteht auf einer „Deutungshoheit“ über den eigenen Körper, die durch die Sexarbeit zurückerobert werde. Das mache ihre „subversive Konnotation“ aus. Der Film selbst spricht in vielen Szenen aber eine andere Sprache. Wenn Sascha sich in Panik vor einem Freier versteckt, der offensichtlich gewalttätige Züge hat, oder sie nach Feierabend im Pelzmantel kraftlos mit dem Gesicht nach unten auf der Couch einschläft, dann stellt sich die Frage, inwiefern „Diskursmacht“ bei diesen bedrohlichen und körperlich hoch intensiven Erfahrungen wirklich weiterhelfen soll.

Gerade in der Beziehungsdynamik der beiden Frauen hätte die Ambivalenz ihrer Arbeit stärker herausgearbeitet werden können, ohne in moralisierende Stigmatisierung zu verfallen oder sie zu einem Akt der Selbstermächtigung zu verklären.

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