Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 90 Minuten

Regie: Aliaksei Paluyan

Ein Dokumentarfilmer begleitet drei oppositionelle Schauspieler in der belarussischen Hauptstadt Minsk im Sommer 2020 während der Massenproteste gegen den Diktator Lukaschenko. Die Kamera bleibt eng bei ihnen, zeigt Szenen aus ihrem Privatleben und von Demonstrationen auf den Straßen, was die existenziellen Folgen der staatlichen Repressionen hautnah greifbar macht. Der Film besticht durch Aktualität wie Universalität und arbeitet spürbar undemonstrativ das Schwanken der Stimmung zwischen Hoffnung und Angst heraus. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Aliaksei Paluyan
Buch
Aliaksei Paluyan
Kamera
Tanja Hauriltschik · Jesse Mazuch
Schnitt
Behrooz Karamizade
Länge
90 Minuten
Kinostart
01.07.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarfilm über drei oppositionelle Künstler in Minsk, die nach den manipulierten Wahlen in Weißrussland im Sommer 2020 an den Massenprotesten teilnehmen.

Diskussion

Angst ist das vorherrschende Gefühl jener Menschen in Belarus, welche die Unterdrückung des Landes durch den autokratischen Machthaber Alexander Lukaschenko nicht mehr hinnehmen wollen. Spätestens seit der Verhaftung des Bloggers Roman Protassewitsch, der nach der erzwungenen Landung eines Ryanair-Flugzeugs in Minsk von der Staatsicherheit verschleppt wurde, weiß alle Welt, dass der belarussische Diktator auch im Exil lebende Kritiker mit aller Härte verfolgt. Das Video der vermeintlichen Selbstkritik des jungen Bloggers erinnerte an stalinistische Schauprozesse und gab den Hunderten anonymen Oppositionellen, die in Lukaschenkos Kerkern Isolation und Misshandlungen ertragen müssen, ein realistisches, weil gemartertes Gesicht.

Vor dem Hintergrund der neuesten Entwicklungen erscheint der Dokumentarfilm „Courage“ von Aliaksei Paluyan noch beklemmender, als die Darstellung seiner drei Helden ohnehin wirkt. Der Film begleitet drei Freunde des Regisseurs im Sommer 2020. Die Minsker Künstler Maryna, Pavel und Denis verließen wegen der allgegenwärtigen Zensur vor 15 Jahren das Minsker Staatstheater und schlossen sich dem Freien Belarus Theater an. Die Truppe probt gerade ein Stück, das von verschwundenen Oppositionspolitikern handelt. Die Proben finden heimlich statt, der Regisseur ist per Skype aus London zugeschaltet.

Draußen scheint die Zeit stillzustehen

Auf der Straße fängt die Kamera die stalinistische Zuckerbäckerarchitektur einer an die Ost-Berliner Karl-Marx-Allee erinnernden Prachtstraße ein. Auf der Minsker Allee prangen noch Losungen im alten sozialistischen Stil, während an den Plattenbauten eines anderen Viertels ein Mosaik sowjetischen Kosmonauten huldigt. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Im Inneren der Plattenbauwohnung herzt dagegen die Schauspielerin Maryna ihren Sohn, bevor sie sich zu den Proben begibt und mit ihrem Mann laut über die Zukunft des Kleinen nachdenkt. Auch der zweite Protagonist, Pavel, wird bei Aktivitäten in seiner Wohnung gefilmt – vom Musizieren bis zum Wäschewaschen. Denis, der dritte Schauspieler, hat sich von der Kunst abgewandt und ins Private zurückgezogen; er arbeitet nun als Kfz-Mechaniker. Beim Film hatte er ohnehin Berufsverbot, dort stand er auf einer schwarzen Liste.

So erscheinen die Wohnungen als Schutzräume, in denen die Menschen frei reden und sich bewegen können. Draußen droht Gefahr in Form der allgegenwärtigen OMON-Kräfte, einer Spezialeinheit der Miliz. Trotzdem wird das Volk nach den Wahlen vom 9. August 2020 immer mutiger und protestiert in wachsender Zahl gegen das Wahlergebnis, bei dem Lukaschenko angeblich 80 Prozent der Stimmen erhielt; über dem Heer weiß-rot-weißer Nationalflaggen erschallt der Ruf „Lukaschenko raus“.

Der Geheimdienst hört mit

Denis geht im Wahllokal sogar noch weiter. Er führt eine Protestaktion durch, flüchtet anschließend mit Pavel, während die Kamera einen abrupten Schnitt macht. In solchen Situationen merkt man, welche Risiken die Dreharbeiten für die Protagonisten und den Filmemacher darstellten. Pavel hat immer einen Plan B, nimmt auf Demos und Aktionen dreifach Unterwäsche mit, falls er oder seine Mitstreiter verhaftet werden. Bei einer Skype-Sitzung wird er ermahnt, nicht zu viele organisatorische Details zu erfragen, denn schließlich sei eine Online-Verbindung nicht sicher. Auch den Mitgliedern des unabhängigen Theaters wird empfohlen, nicht geschlossen zu den Protesten zu gehen. Im Fall des Falles müssten sich einige auch um die Verhafteten kümmern, sie mit Kleidung und Essen im Gefängnis versorgen und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten organisieren.

Die Verhaftungen sind durchaus real. Vor der berüchtigten Okrestina-Haftanstalt im Südwesten Minsks stehen verzweifelte Menschen und warten auf Nachrichten von ihren Angehörigen. Der Film wechselt zwischen dem Schicksal der drei Hauptakteure und dem übergeordneten politischen Geschehen, das alle unmittelbar betrifft, hin und her. Mutige Menschen reden vor dem für seine unmenschlichen Haftbedingungen bekannten Gefängnis mit den Wärtern, setzen sich für ihre Angehörigen ein und hoffen, dass Essenspakete oder Medikamente auch die Adressaten erreichen.

Auf diese Weise gewinnt „Courage“ Dimensionen, die Fernsehnachrichten nicht leisten können. Er zeigt den titelgebenden Mut der Belarussen, die auch den Dialog mit OMON-Milizionären suchen. Couragiert appellieren sie an deren Menschlichkeit und Patriotismus und verbrüdern sich für eine kurze Zeit mit ihnen. Dann sieht man, wie ein junger Polizist seinen Schutzschild mit einer Nelke der Demonstranten geschmückt hat und dass er sich als Repräsentant der Staatsmacht sichtlich unwohl fühlt.

Angenehm undemonstrativer Ton

Solche Szenen sind so beklemmend wie selbsterklärend und besitzen einen universellen Anspruch. Andere Sequenzen mitten aus einer Demonstration heraus zeigen die unmittelbare Gefahr, die von Ordnungskräften ausgeht, wenn sie mit Rauchbomben und Geschossen gegen die Demonstrierenden vorgehen und manche dabei verletzen.

Nicht erklärt werden die private und berufliche Situation der drei Protagonisten; biografische Informationen über die drei Künstler muss man sich anfangs mühsam durch Sprachfetzen zusammenreimen. Auch die mit Klagemusik unterlegten Archivbilder am Anfang und Ende des Films passen in ihrem Überwältigungsduktus nicht so recht zum Ton des Werks, das angenehm undemonstrativ ist, aber trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

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