Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia

Komödie | Kuba/Deutschland 2018 | 92 Minuten

Regie: Arturo Infante

Eine 60-jährige Kubanerin, die früher einmal Lehrerin war, jetzt aber Touristen und Schulkinder durch das Planetarium in Havanna führt, sehnt sich nach einer grundlegenden Veränderung in ihrem Leben. Als sie durch einen Zufall in ein Trainingslager für Freiwillige gerät, die sich auf eine Reise ins Weltall vorbereiten, findet sie viel Zeit und Muße, über sich, ihr Leben und ihre Wünsche nachzudenken. Im Gewand einer futuristisch angehauchten Gesellschaftskomödie geht der humorvolle Film der grundlegendsten Frage auf Kuba nach: Bleiben oder Fortgehen – und was dies für Konsequenzen für den Inselstaat und seine Bewohner hat. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
EL VIAJE EXTRAORDINARIO DE CELESTE GARCÍA
Produktionsland
Kuba/Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Arturo Infante
Buch
Arturo Infante
Kamera
Javier Labrador Deulofeu
Musik
Magda Rosa Galván · Juan Antonio Leyva
Schnitt
Joanna Montero
Darsteller
María Isabel Díaz (Celeste) · Omar Franco (Augusto) · Néstor Jiménez (Hector Francisco) · Yerlín Pérez (Perlita) · Tamara Castellanos (Mirta)
Länge
92 Minuten
Kinostart
23.09.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Komödie

Gesellschaftskomödie um eine 60-jährige Kubanerin, die sich nach einer Veränderung in ihrem Leben sehnt und plötzlich in einem Trainingslager für eine Reise ins Weltall wiederfindet.

Diskussion

Außerirdische in Havanna? Warum nicht? Für die Nachrichtensprecher des staatlichen Fernsehens scheint das ganz normal zu sein, sozusagen Teil eines systemimmanenten Fortschrittsversprechens und der immer wieder unterstrichenen Völkerverständigung. Wie die meisten Kubaner hat sich auch Celeste García (María Isabel Díaz) an wenig glaubhafte Versprechungen und ungewöhnliche Ausblicke auf die Wirklichkeit gewöhnt. Doch in diesem Fall ist es anders; mit ihren eigenen Augen hat die 60-jährige Frau gesehen, wie die Nachbarwohnung zu später Stunde plötzlich in grellem Licht erstrahlte. Am nächsten Morgen war die Nachbarin verschwunden. Wahrscheinlich war sie eine der Außerirdischen.

Celeste García ist eine gute sozialistische Bürgerin, aber sie kämpft oft auf verlorenem Posten und sitzt deshalb häufig zwischen den Stühlen. Sie ist eine Witwe, die sich immer noch gegenüber ihrem Ehemann schuldig fühlt, obwohl der sie immer wieder verhöhnt und geschlagen hat. Seinetwegen wurde die Lehrerin sogar frühzeitig in die Pension geschickt, denn nach der Logik der Funktionäre aus dem Bildungsapparat kann eine misshandelte Frau im Sinne der sozialistischen Ethik kein Vorbild für Kinder sein. Seitdem arbeitet Celeste García im Planetarium und führt Touristen und Schulklassen in die Welt der Sterne ein.

Die Geheimnisse zwischen den Ritzen

Als die Regierung Freiwillige für ein interplanetarisches Austauschprogramm sucht, um sie auf den Planeten Gryok zu schicken, hält sich Celeste zunächst zurück. Nur durch einen Zufall steht sie plötzlich doch auf die Liste. Und findet sich mit anderen inmitten verfallender Neubauten auf dem Land wieder, in einem Lager mit einer strengen Ausbilderin, die sie auf die Wirklichkeit des neuen Planeten vorbereiten soll.

Celeste begegnet unterschiedlichsten Menschen, die alle ihre Gründe haben, warum sie Kuba verlassen möchten. Trotz des harten Trainings hat die ehemalige Pädagogin Muße, über ihr Leben nachzudenken, über ihre Vergangenheit und die Schuldgefühle, aber auch über ihre Träume von der Zukunft. Und das auch deshalb, weil das Raumschiff auf sich warten lässt.

Science-Fiction und Gesellschaftskritik

Warten und Leerlauf sind im kubanischen Kino wichtige, immer wiederkehrende Motive. Die Protagonisten warten mal auf Erdbeereis, mal auf den Autobus, auf Formulare, um tote Angehörigen zu bestatten oder auf die Genehmigung, die sozialistische Zuckerinsel zu verlassen. Das Warten ist Teil einer humorvollen Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Alltag, mit der Mangelwirtschaft und den grotesken Auswüchsen der Bürokratie.

Der kubanische Humor ist häufig ziemlich schwarz und voller selbstironischem Sarkasmus, volkstümlich und immer auf der Suche nach zustimmenden Lachern des Publikums. Mitunter fällt er etwas derb aus, spielt aber auf Stimmungen und Situationen an, die jeder kennt.

Mehr als eine Komödie

„Die außergewöhnliche Reise der Celeste García“ steht zwischen der traditionellen kubanischen Sozialkomödie und einem neuen kubanischen Genrekino. Das Regiedebüt des Drehbuchautors Arturo Infante wurde von der jungen Produzentin Claudia Calviño produziert, die seit 15 Jahren mit ungewöhnlichen Genrefilmen frischen Wind in den kubanischen Film gebracht hat. Die Gesellschaftskomödie mit Science-Fiction-Elementen wird dabei von der Hauptdarstellerin María Isabel Díaz mit ihrem unschuldigen und doch so erfahrenen Blick getragen; aber auch prägnant gezeichnete Nebenfiguren, von der opportunistischen Leiterin des Planetariums bis zur paramilitärisch burschikosen Ausbilderin im Trainingslager, tragen zum Gelingen des Films bei.

Hinter Science-Fiction und Gesellschaftssatire geht es auch um die grundsätzliche Frage des kubanischen Alltags: Bleiben oder Fortgehen – und was dies für die unterschiedlichen Generationen bedeutet.

Der Film ist deshalb mehr als eine Komödie; der Film versteht sich als Bestandsaufnahme der kubanischen Gesellschaft und des tropischen Sozialismus in Wende- und Umbruchzeiten. Die subtile Parodie sozialistischer Heilsversprechungen zeichnet ein ebenso unterhaltsames wie vielschichtiges Porträt einer Gesellschaft, die sich gleichzeitig im Wandel und im Stillstand befindet.

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