Look Me Over - Liberace

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 94 Minuten

Regie: Jeremy J.P. Fekete

Der US-amerikanische Pianist Liberace (1919-1987) war ein höchst erfolgreicher Entertainer und begnadeter Selbstdarsteller. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Künstler lebte den amerikanischen Traum und stieg zu einer unverwechselbaren Marke auf, dennoch war sein Leben stets von der Furcht überschattet, als homosexuell geoutet zu werden, was seine Karriere in den 1950er- und 1960er-Jahren beendet hätte. Der Dokumentarfilm über das Leben von Liberace ist stilistisch eher konventionell, arbeitet aber gekonnt die widersprüchliche Persönlichkeit zwischen Charisma, Selbstverleugnung und öffentlichem Druck heraus. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Jeremy J.P. Fekete
Buch
Jeremy J.P. Fekete
Kamera
Rasmus Sievers
Musik
Carsten Rocker
Schnitt
Christian R. Timmann
Länge
94 Minuten
Kinostart
05.08.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarfilm über den Entertainer Liberace, der den Menschen hinter der extrovertierten Las-Vegas-Ikone erforscht und die widersprüchliche Haltung des Künstlers zu seiner eigenen Homosexualität beleuchtet.

Diskussion

Zuletzt sah man den glamourösen Entertainer Liberace (1919-1987) auf der Leinwand in der Gestalt eines lustvoll chargierenden Michael Douglas. Der nahm mit seinem jungen Lover Scott Thorson, gespielt von Matt Damon, erotisch knisternde Schaumbäder und formte ihn durch Schönheits-OPs zu seinem Ebenbild um. Steven Soderbergh hatte 2013 in seinem Spielfilm Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll die ungleiche sechsjährige Beziehung zwischen dem alternden Bühnenstar und seinem 40 Jahre jüngeren Liebhaber und Chauffeur vollkommen aus der Sicht Thorsons geschildert und sich dabei auf dessen Memoiren gestützt.

Regisseur Jeremy J.P. Fekete optiert in „Look me over – Liberace“ nun für einen anderen Ansatz. Der Dokumentarfilm ist keine chronologisch erzählte Biografie, sondern ein Mosaik aus Archivmaterial mit Liberace selbst, einigen nachgestellten Szenen sowie Erzählungen von Weggefährten und ehemaligen Mitarbeitern des Entertainers. Fekete stellt ihn als charismatischen, aber widersprüchlichen Künstler dar, dessen Leben sehr durch seine in der Öffentlichkeit verleugnete Homosexualität geprägt war.

Erzwungenes mediales Versteckspiel

So begann Liberaces mediales Versteckspiel notgedrungen in den 1950er-Jahren, als Sex zwischen Männern in den USA noch illegal war. In Archivaufnahmen äußert sich der junge Pianist, der damals schon eine eigene TV-Show hatte, über seine Fans. Zwar werde er von alten Damen verehrt, doch er möge auch „nice young ladies“, betont Liberace lächelnd. In einem weiteren Fernseh-Interview befragt ihn ein Moderator nach seinem Frauengeschmack. Dem Zuschauer tut es weh, wenn Liberace sich dem moralischen Diktat der Zeit unterwirft und ausführt, dass er modische, weibliche Damen bevorzuge, die einen „chic look“ zur Schau stellten.

In Wirklichkeit, so bezeugen Gesprächspartner in Feketes Film, habe er auf harte junge Kerle gestanden. Einige von ihnen hätten ihn schamlos ausgenutzt. Andere wiederum, wie die Musiker Jere Ring oder Steve Garvey, standen auf Liberaces Gehaltsliste, bewahrten sich aber ihre Unabhängigkeit von dem Entertainer. Imitiert Ring den näselnden Ton seines ehemaligen Brotgebers zuweilen auf recht unsympathische Weise, merkt man ihm dennoch seinen Respekt vor dem Künstler Liberace an. Garvey sieht Liberace dagegen vor allem als Opfer geldgieriger falscher Freunde.

Mit Talent und Glamour den amerikanischen Traum erfüllt

Fakt ist, dass sich der Musiker mit Talent, Chuzpe und seinem ausgeprägten Sinn für Camp und Glamour den amerikanischen Traum erfüllte. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Liberace, Sohn einer polnischstämmigen Mutter und eines italienischstämmigen Vaters, stieg zum unfassbar reichen Entertainer auf. Auf seinen Werdegang bildete er sich einiges ein, schaute auf vermeintlich schwache Menschen wie seinen eigenen Bruder herab und gönnte sich – wohl auch als Ausgleich zu öffentlichem und privatem Stress – ein Leben in Überfluss und Prunk.

Letzterer war ebenfalls ein Markenzeichen der Kunstfigur Liberace: Der begnadete Pianist ließ sich stets in einer Limousine auf die Bühne fahren und bestritt seine Shows mit Perücke, Glitzer-Kledage, riesigen Pelzmänteln und zahlreichen Klunkern an den Fingern. Durch sein Auftreten bediente er vor den Augen aller sämtliche schwule Klischees, ermunterte damit indirekt spätere Rockstars wie Elton John oder Freddie Mercury, es ihm gleich zu tun – und bestritt doch stets seine Homosexualität, notfalls auch mit juristischen Mitteln.

Scott Thorson als großer Abwesender des Films

Diese setzte er ein, als Scott Thorson ihn nach dem Scheitern ihrer Beziehung auf Unterhaltszahlungen verklagte. Dass ein Mann dies von einem anderen Mann verlangte, war ein Novum im US-Recht. Doch weil der jüngere Partner keinerlei Beweise für das gemeinschaftliche Leben vorweisen konnte, verlor er den Prozess. Überhaupt ist Thorson der große Abwesende des Films, zumindest erscheint er nicht als „Talking Head“ vor Feketes Kamera. Zwar geistert in nachgestellten Szenen regelmäßig ein junger Cowboy durch den Film, doch ob er „der Elefant im Raum“ sein soll oder nur eine Gestalt nach Liberaces Wunschträumen, bleibt dahingestellt.

Stattdessen behaupten die Zeitzeugen in „Look me over – Liberace“ unisono, dass Thorson ein kleinkrimineller, drogenabhängiger Trunkenbold gewesen sei. Er habe den Entertainer in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht und privat ausgenutzt. So bezieht Fekete eine diametral entgegengesetzte Position zu Soderbergh. Doch nach einem Opfer zu suchen – dem nach Liebe dürstenden, großzügigen Künstler hier oder dem ausgenutzten Lustknaben dort – erscheint wenig hilfreich.

Dunkle Seiten werden nicht verschwiegen

Die einseitige Sichtweise von Fekete befremdet also mitunter, auch wenn er dunkle Seiten Liberaces nicht verschweigt. Dennoch macht er sehr deutlich, dass Liberace sich durch sein nie erfolgtes Coming-out erpressbar machte: Und zwar noch in den 1980er Jahren, als der damalige US-Präsident Ronald Reagan und seine Administration sich hinter verschlossenen Türen über die Opfer von AIDS lustig machten, der Krankheit, an der Liberace später sterben sollte. Dass dies auch nach seinem Tod verschleiert wurde, sagt einiges über die Selbstverleugnung Liberaces aus.

So bewegt sich Feketes Film stilistisch zwar eher auf dem Niveau einer TV-Dokumentation, doch die einzigartige Persönlichkeit Liberaces, dem „Mr. Showmanship“ von Las Vegas, fängt er gekonnt ein. Liberaces Auftritte waren nicht nur vor augenzwinkerndem Kitsch überbordende Spektakel samt mehreren Pianos (auf denen stets ein Kandelaber prangte), Springbrunnen und Flugeinlagen. Dem stets mit einem breiten Lächeln auftretenden Entertainer waren auch Charme, Humor und Selbstironie nicht abzusprechen.

Ein vergötterter Musiker

Das Publikum hat den Musiker mit dem hohen Arbeitsethos tatsächlich vergöttert. So gelang es Liberace privat sogar einmal, in seinem ausladenden Nerzmantel einen ganzen Saloon hartgesottener Cowboys für sich einzunehmen. Auch als er fürchtete, nach Thorsons Unterhaltszahlungsprozess einer Welle von homophoben Angriffen aus seinem eigenen Publikum ausgesetzt zu sein, täuschte er sich. Obwohl die Klatschpresse von Thorson preisgegebene intime Details der Beziehung veröffentlicht hatte, applaudierten ihm die Zuschauer in einer Standing Ovation und riefen ihm ein warmes „We love you“ entgegen. Wer weiß – hätte Liberace seinem Publikum ab einem gewissen Punkt mehr vertraut, vielleicht wäre sein Leben friedlicher verlaufen.

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