Das blutrote Kleid

Fantasy | Großbritannien 2018 | 118 Minuten

Regie: Peter Strickland

Eine alleinerziehende Bankangestellte, die mit ihrem erwachsenen Sohn und dessen Freundin unter einem Dach lebt, kauft sich für ein Blind Date ein verführerisches Abendkleid. Doch der blutrote Stoff entwickelt ein diabolisches Eigenleben. Der Versuch, es wieder loszuwerden, entwickelt sich für die Frau wie für ihr berufliches Umfeld zu einer ebenso grotesken wie mörderischen Tour de Force. Ein betörend fotografiertes, opulent ausgestattetes und mit Filmzitaten gespicktes Schauermärchen, das sich als Hommage an das italienische Schocker-Kino der 1970er-Jahre sowie den britischen Horrorfilm versteht.

Filmdaten

Originaltitel
IN FABRIC
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Peter Strickland
Buch
Peter Strickland
Kamera
Ari Wegner
Musik
Cavern of Anti-Matter
Schnitt
Matyas Fekete
Darsteller
Sidse Babett Knudsen (Jill) · Marianne Jean-Baptiste (Sheila) · Gwendoline Christie (Gwen) · Hayley Squires (Babs) · Julian Barratt (Stash)
Länge
118 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Genre
Fantasy | Horror

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
Koch
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Ein hintersinnig-opulentes Schauermärchen, in dem eine alleinstehende Frau ein verführerisches rotes Abendkleid erwirbt, das diabolische Züge offenbart.

Diskussion

Zack, ein Messer klappt auf. Blutrote Fingernägel kommen ins Bild. Im Hintergrund setzt ein bedrohlich wabernder Soundteppich ein, ehe die farblich markanten Buchstaben des Paketbandes regelrecht ins Auge stechen. In dem Karton liegt ein knallrotes Seidenkleid, dessen Ärmel zu schweben scheinen. Dann setzen unvermittelt experimentell verfremdete „Freezeframes“, stillgestellte Bilder, ein, die eine künstlich überhöhte Wirtschaftswunder-Nachkriegswelt zelebrieren; inklusive des Kaufrauschs am Ende einer Saison, bevor die nächste Kollektion in den großen Boutiquen ausgestellt wird. Die davor auffällig kolorierten Bilder wechseln ins Schwarz-weiße. Der Schnittrhythmus steigt rapide an, und aus den Fotos von Menschen und Mode werden bildfüllende Zeitungsartikel.

Schon in der furiosen Anfangssequenz von „Das blutrote Kleid“ verneigt sich Peter Strickland ein weiteres Mal lustvoll vor den exaltiertesten Genres der 1960er- bis 1980er-Jahre: vor dem visuell grellen, kameratechnisch exaltierten Schocker-Kino oder ebenso blutigem, erotisch aufgeladenem „Gothic Horror“ aus Großbritannien oder Spanien. In nahezu jeder Einstellung von „In Fabric“, so der Originaltitel, erweist der britische Avantgarderegisseur den (S)Exploitation-Subgenres die Reverenz. Unterm Strich ist der Stil des 1973 geborenen britischen Filmemachers weniger reißerisch als Jess Franco oder Joe D’Amato, visuell und in puncto Kameraführung und Ausstattung aber den Giallo-Maestros Mario Bava und Dario Argento ebenbürtig.

Vorbereitungen für ein Blind Date

Im Zentrum des bizarren Schauermärchens agiert wortwörtlich das titelgebende Abendkleid, das die etwa 50-jährige Sheila (Marianne Jean-Baptiste) im Schlussverkauf eines sonderbaren Luxuskaufhauses ergattert. Das blutrote, verführerisch leuchtende Stück muss die getrennt lebende Bankangestellte einfach haben! Schließlich steht ein Blind Date bevor. Ein neuer Versuch, nach mehreren erfolglosen Anläufen, wie Strickland in grotesk komischen Miniaturszenen en passant und voll beißender Ironie erzählt.

Beruflich ist die attraktive Singlefrau schon seit längerer Zeit frustriert; von ihren Chefs wird sie regelmäßig schikaniert. Sie wohnt mit ihrem heranwachsenden Sohn Vince (Jaygann Ayeh) und dessen sonderbarer Freundin Gwen (Gwendoline Christie) unter einem Dach, was häufig zu Spannungen und Streitereien führt. Angespornt durch das verführerische Lächeln der Verkäuferin, die sie hexengleich umgarnt, hofft Sheila, in dem atemberaubenden Kleid endlich den Mann ihrer Träume zu finden.

Sie ahnt nicht, welches Übel das scharlachrote Kleidungsstück heraufbeschwört. Zunächst entpuppt sich das auch das jüngste Blind Date als Totalausfall. Danach zerlegt das Kleid zuerst die heimische Waschmaschine und übergießt Sheila mit krassen Blutströmen; als nächste Überraschung entdeckt sie eine Art Krätze im Dekolleté-Bereich. Mit einem Schlag wirkt alles wie verflucht. Liegt das wirklich nur an diesem Abendkleid? Oder doch auch an den Sätzen der mysteriösen Verkäuferin, die Sheila nachts in ihren Albträumen heimsucht?

Effektvolle, nahezu hypnotische Szenen

In den Filmen von Peter Strickland ist nichts so, wie es zu sein scheint. Er ist ein Spezialist für feinsten Hokus-Pokus auf der großen Kinoleinwand. Seine ausgefeilte Filmgrammatik, die auf opulente Kostüme und blendend ausgeleuchtete Innenräume setzt, wirkt in vielen Szenen wie eine Hommage an „Blutige Seide“ von Mario Bava. Im beständigen Spiel-im-Spiel-Modus, mit permanenter Lust an Grenzverletzungen und einem tiefen Desinteresse an klassischen Plot-Strukturen lebt auch „Das blutrote Kleid“ in erster Linie von effektvollen, geradezu hypnotischen Einzelszenen.

„Das blutrote Kleid“ verbindet kulturhistorische Rekurse auf das Unheimliche, den Diskurs des weiblichen Begehrens und außergewöhnliche Fetischismen, die vom bloßen Stoff bis zu allen erdenklichen Formen der weiblichen Geschlechtsorgane reichen, mit der Zertrümmerung vieler Tabus. Wie bei David Lynch, dessen „Lost Highway“ im zweiten Teil des Films Pate stand, gehen seltsam-sinnliche und despektierlich-abstruse Momente Hand in Hand; inklusive eines überraschenden Finales, in dem die einschlägige Tropen des Giallo- und Horror-Kinos nochmal so genüsslich wie autoreflexiv vorgeführt werden.

Ergänzt durch britisch-schwarzen Humor sowie ein vorzügliches Sounddesign gleicht Stricklands morbider Sinnenrausch in toto einer einzigen Phantasmagorie, die trotz kleinerer Längen immer wieder verblüfft und aufgrund ihres sonderbaren Figurenensembles auch vortrefflich unterhält.

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