Drama | USA 2021 | 419 (sieben Episoden) Minuten

Regie: Craig Zobel

Eine Polizistin in einer US-amerikanischen Kleinstadt im ländlichen Pennsylvania soll den Mord an einer Jugendlichen aufklären. Das Verbrechen trifft auf eine traumatisierte Gemeinde, da schon ein Jahr zuvor ein junges Mädchen spurlos verschwunden ist. Die glänzend besetzte Miniserie setzt allerdings weniger auf die Mechanik einer Kriminalfalls, sondern rückt die persönlichen und kollektiven Verwundungen der Kleinstadt ins Zentrum. Untergründig geht es dabei auch um die Frage, ob die solidarische „working-class“-US-Gesellschaft noch eine Zukunft hat. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MARE OF EASTTOWN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Craig Zobel
Buch
Brad Ingelsby
Kamera
Ben Richardson
Schnitt
Amy E. Duddleston · Naomi Sunrise Filoramo
Darsteller
Kate Winslet (Mare Sheehan) · Julianne Nicholson (Lori Ross) · Jean Smart (Helen) · Angourie Rice (Siobhan Sheehan) · Evan Peters (Colin Zabel)
Länge
419 (sieben Episoden) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f (Ep. 1,3,4,7) & ab 16; f (Ep. 2,5,6)
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Krimi | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Warner
Verleih Blu-ray
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Siebenteilige Miniserie um eine Polizistin in einer US-Kleinstadt im ländlichen Pennsylvania, die den Mord an einer Jugendlichen aufklären will.

Diskussion

Ein Mädchen wird seit einem Jahr vermisst, ein anderes tot aufgefunden. Easttowns Kinder sterben, und die Zukunft der US-amerikanischen Kleinstadt nahe Philadelphia stirbt mit ihnen. Es ist ein Prozess, den niemand besser kennt als Mare. Sie ist nicht nur als leitende Ermittlerin der Ankerpunkt dieser Leidensgeschichte, sondern auch als Frau, die das schwerste Trauma erlebt hat, das einer Mutter widerfahren kann: den Selbstmord ihres Sohnes.

Mares Familienleben ist zerbrochen; ihr Mann hat neu geheiratet. Sie lebt mit dem Rest der Familie, ihrer Mutter Helen (Jean Smart), ihrer Tochter Siobhan (Angourie Rice) und ihrem Enkelsohn Drew (Izzy King) im Stillstand der notwendigen Routinen. Alle, insbesondere Mare, scheinen immer einen Schritt davon entfernt, mit der lebenslangen Trauerarbeit überhaupt zu beginnen und damit vielleicht einen Weg zurück in stabile und von Liebe durchdrungene Lebens- und Familienverhältnisse zu finden.

Jeder kennt jeden

Ein Weg, der an Mares Heimatstadt nicht vorbeiführt. Easttown ist klein genug, um nahezu jeden – sei es durch die gemeinsame Vergangenheit oder die neue Nachbarschaft – miteinander zu verbinden. Mares Ex-Mann lebt mit der neuen Freundin praktisch in ihrem Hinterhof. Dawn (Enid Graham), deren Tochter entführt wurde, begegnet Mare täglich an der Tankstelle, und die ermordete Eryn gehört zur Großfamilie der besten Freundin Lori (Julianne Nicholson). Was in Easttown verloren gegangen ist, schimmert noch in den Momenten durch, in denen Mare kurz die Arbeit hinter sich lässt, in der Küche ein Cheesesteak-Sandwich isst und mit Lori, die kurz reinschaut, ein Bier trinkt.

„Mare of Easttown“ erzählt viel über diesen Alltag. Die Tage enden mit Junkfood und Bier. Der Gemüsebeutel aus dem Eisfach kühlt die Blessuren oder dient als Versteck für den letzten Eiscremebecher. Easttown ist die Art von Stadt, die vor einigen Jahrzehnten noch die Hauptrolle in einem Bruce-Springsteen-Song hätten spielen können, heutzutage aber nur noch in die Vergangenheit blicken kann. Die lokale High-School feiert das Jubiläum des einzigen sportlichen Erfolgs auf nationaler Ebene, während diejenige, die im Finale den entscheidenden Ball warf, zeitgleich im Fall von zwei verschwundenen Mädchen ermittelt und nebenbei die häuslichen, oft auch recht komischen Probleme ihrer Mitbürger löst.

Wenn es an verlässlicher Stabilität gebricht

Kate Winslet schultert als herausragende Darstellerin eines herausragenden Ensembles einen großen Teil des emotionalen Gewichts: sie lässt ihre Figur unter der Last zusammenbrechen. Nicht kampflos, sondern im permanenten Kampf. Die brillante Polizistin verstrickt sich privat und beruflich gleichermaßen schonungslos in das Leiden der anderen. Jeder Konflikt, sei es mit Kriminellen, Fremden, Verwandten oder Kollegen, wird ohne Zögern ausgetragen. Mit offen sichtbarer Achillesferse zieht Mare von einem Schlacht zum nächsten, konfrontiert alles und jeden – nur nicht sich mit dem Tod ihres Sohns.

Ihre Augenbrauen haben sich so sehr an diese Konflikte gewöhnt, dass sie ihr Verharren in Schieflage nur für den Ausnahmefall aufgeben. Der Schriftsteller Richard (Guy Pearce) ist dieser Ausnahmefall; ein Fremdkörper in Mares Alltag, der einen bürgerlichen Charme in ihr Leben trägt. Mit beiden scheint es, zumindest auf den zweiten Blick, perfekt zu funktionieren. Die Beziehung übersteht den ersten, vorprogrammiert ungelenken Flirt an der Bar, und auch die erste, noch unverfängliche Liebesnacht; sie kommt aber nie ganz in der Vorstellung einer Zukunft an, die eine Beziehung braucht. Die Affäre verlangt die Art von Stabilität, die es weder in Mares Leben noch in Easttown geben kann.

Die Miniserie „Mare of Easttown“ präsentiert weit mehr als den klassischen Topos der Kommissarin, die neben der allzu persönlichen Verstrickung in einen Mordfall den Umgang mit der Ruine ihres Privatlebens anzufangen versucht. Die Traumata der Vergangenheit und das, was sie aus der Familie und im größeren Rahmen aus Easttown gemacht haben, sind hier nicht Staffage der Kriminalgeschichte, sondern sie sind die eigentliche Geschichte. Eine Prämisse, mit der Showrunner Brad Ingelsby die Mechanik des Krimi-Prozederes aufbricht.

Die Zukunft des „blue collar“-Amerika

Der Fall läuft wie eine gut geölte, für HBO-Produktionen geradezu typische Spannungsmaschinerie, hier allerdings im Hintergrund der dazugehörigen, generationenübergreifende Leidensgeschichte einer Kleinstadt. Easttown ist eine so eng verbundene Gemeinschaft, dass jeder, der dort lebt, einen Anteil am Leid hat, dass die proletarische Kleinstadt nicht nur in Falle des Kindermords heimsucht. Bis der Mordfall nicht geklärt ist, bis die vermissten Kinder nicht zurückgekehrt sind, kann das Leben nicht voranschreiten. Und selbst für den Fall der Aufklärung scheint es ungewiss, ob das Amerika, das Easttown repräsentiert, das solidarisch zusammengewachsene, hart arbeitende „blue collar“-Amerika, eine Zukunft hat.

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