Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 93 Minuten

Regie: Laurentia Genske

Beobachtender Dokumentarfilm über zwei Transgender-Schwestern, die als kurdische Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland kamen und davon träumen, endgültig und auch medizinisch zu Frauen zu werden. Der Film nimmt über zwei Jahre an ihrem Leben teil, das von viel Aufregung um die Transition, Unterstützung durch ihre Familie und konventionellem Teenager-Alltag geprägt ist. Dabei hält sich die Inszenierung mit Informationen und dramaturgischer Zuspitzung zurück, was den Film recht spröde macht. Interessant bleibt er aber durch das selbstbewusste Auftreten und die sympathische Art der Protagonistinnen sowie den ungewöhnlichen kulturellen Hintergrund. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Laurentia Genske · Robin Humboldt
Buch
Laurentia Genske · Robin Humboldt
Kamera
Robin Humboldt · Laurentia Genske
Schnitt
Carina Mergens · Jeannine Compère
Länge
93 Minuten
Kinostart
04.11.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Beobachtender Dokumentarfilm über zwei Transgender-Schwestern aus Syrien, die in Deutschland davon träumen, auch medizinisch zu Frauen zu werden.

Diskussion

Zwei kichernde Mädchen sitzen auf einer Parkbank und schminken sich aufwendig. Typische Teenies? – Nicht ganz, denn die beiden sind Trans-Mädchen. Nach einer Fahrt mit der S-Bahn geht es in die Bahnhofstoilette zum Umziehen: Nun erst werden die BHs angelegt, auffällige Girlie-Klamotten darüber, und die beiden sind fertig für die Disco.

Lohan und Samar, um die es im Dokumentarfilm „Zuhurs Töchter“ geht, wurden als Brüder geboren. Inzwischen sind sie Schwestern oder zumindest fühlen sie sich so, denn was die beiden sich am meisten wünschen, ist die operative Geschlechtsumwandlung. Doch diesem Ziel stehen viele Hindernisse entgegen. Da ist zum einen ihre Herkunft, die ihre Lebensumstände bestimmt: Sie sind syrische Kurden und Muslime und kamen nach Deutschland, weil Lohan und Samar hier als Frauen leben können.

Ein stillschweigendes „Familien-Agreement“

Obwohl die Eltern große Schwierigkeiten damit haben, dass ihre beiden ältesten Söhne Töchter sind, haben sie zu einer Art stillschweigendem „Familien-Agreement“ gefunden. Wenn die beiden zu Hause sind, nehmen sie sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten sehr zurück. Sie schminken sich eher diskret und verzichten auf die Frauenkleider, die sie sonst so gerne tragen. Hier in Deutschland fühlen sie sich verhältnismäßig sicher. In Syrien würden sie aus religiösen Gründen verfolgt werden. Faktisch wären sie sogar durch ihren eigenen Vater Talib bedroht: Er dürfte ihr „sündhaftes Verhalten“ nicht dulden, als gläubiger Muslim wäre er prinzipiell berechtigt, sie umzubringen.

Obwohl Talib sonst relativ konservativ ist, hält er zu ihnen, ebenso wie Zuhur, die als Mutter immer noch hofft, dass sie die beiden mit ihren Gebeten zu Männern machen kann. Spätestens mit 14 wussten beide, dass sie im falschen Körper geboren wurden. Inzwischen sind Lohan und Samar um die 18 Jahre alt. Sie werden zwar in der Flüchtlingsunterkunft neugierig beäugt und in der Öffentlichkeit manchmal beschimpft, häufig auf Arabisch, aber die beiden sind selbstbewusst genug, um sich dagegen zur Wehr zu setzen. Dennoch haben sie den letzten Deutschkurs abgebrochen, weil man sie ausgelacht hat, sogar der Lehrer. Beide träumen davon, dass ihr ganzes Leben in Ordnung kommt, wenn sie operiert sind.

Zurzeit leben die beiden in einer Containersiedlung am Stadtrand von Stuttgart in relativ beengten Verhältnissen. Vater Talib, Mutter Zuhur und die jüngere Schwester Mariam gehören ebenso zur Familie wie Talibs zweite Frau und ihre Kinder. Von hier aus schwärmen Lohan und Samar aus – zwei Mädchen, die sich gern amüsieren und Quatsch machen. Eigentlich ganz normal, wenn da nicht zwischendurch die psychologischen Beratungen und die medizinischen Untersuchungen wären, mit denen die Operationen vorbereitet werden.

Eine filmische Begleitung mit viel Raum für die Protagonistinnen

Die Filmemacherin Laurentia Genske und ihr Kollege Robin Humboldt begleiten die beiden Schwestern, die einmal Brüder waren, über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren. Am Ende sind Lohan und Samar aufgrund von Operationen und Hormonbehandlungen kaum wiederzuerkennen, sie haben Liebeskummer, Familienstress und viel Aufregung rund um ihre Transition hinter sich. Genske und Humboldt lassen ihren Protagonistinnen viel, manchmal zu viel Raum. Sie nähern sich ihnen behutsam an und rücken ihnen nur langsam näher.

Gelegentlich scheint es, als ob sie die Kamera einfach laufen lassen, ohne sich irgendwelche Gedanken über das Erzählen einer Geschichte oder über Filmdramaturgie zu machen. So entsteht besonders zu Beginn der Eindruck einer extremen Oberflächlichkeit der Mädchen. Die beiden scheinen sich ständig umzuziehen und zu schminken, sie verfügen über Unmengen von Kleidungsstücken, helfen nicht im Haushalt und sind generell chaotisch. Also doch zwei typische Teenies? Wenn es darum geht, dass sie außer ihren Gesichtern und ihren Haaren auch eine gewisse Schlampigkeit pflegen, ist die Frage sicherlich zu bejahen. Zusätzlich werden sie von einem gewissen Grund-Egoismus geleitet. Die beiden wirken wie zwei leicht staksige Diven, die sehr gut kichern können, aber das Gehen auf High Heels erst noch üben müssen.

Zu zweit sind sie stärker

Da sind sie nun: zwei manchmal sehr naive Mädchen auf dem Weg zum Frausein, wobei zu den normalen Hochs und Tiefs der Entwicklung die Transgender-Problematik hinzukommt. Dabei sind sie sich ihrer Anziehungskraft sehr bewusst. Nebenbei wird auch das Thema Prostitution angesprochen. Bei allem wird klar, wie sehr die Schwestern aufeinander angewiesen sind und wie stark es sie entlastet, dass sie zu zweit sind. Das stärkt ihre Position innerhalb der Familie und macht ihr eigenes Leben leichter, das – wie bei vielen Transgender-Menschen – auch von Selbstmordgedanken geprägt wird. Doch auch dieser Aspekt wird nur einmal kurz angerissen.

Insgesamt sind Informationen rar gesät – das Publikum ist darauf angewiesen, sich wie in einem Puzzle die passenden Teile selbst herauszusuchen. Auf typische Interviewsituationen, Inserts und Kommentare wird verzichtet. Die beiden Schwestern stehen im Mittelpunkt, ganz eindeutig und radikal. Was sie sagen und zeigen, ist das, was gesehen und gehört werden soll. Es wird nichts erklärt, die Vorgeschichte der Familie und der beiden Schwestern bleibt weitgehend im Dunkeln. Sogar die Namen der Protagonistinnen bleiben unbekannt, bis jemand sie erwähnt. Dadurch wird der Film anstrengend, er verlangt viel von seinem Publikum.

Das Nicht-Gesagte wird immer interessanter

Mit der Zeit tritt jedoch ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, und irgendwann wird das, was nicht gesagt wird, immer interessanter: Wie mag es wohl Zuhur gehen, die den ganzen Tag für ihre Familie schuftet und sich nur ab und zu mit sorgenvoller Miene eine kurze Zigarettenpause gönnt? Was wird wohl aus Mariam, der jüngeren Schwester von Lohan und Samar, die so brav und gehorsam ist? Sie entscheidet sich für den Hijab und bewundert die beiden für ihre Schönheit und für ihre Unabhängigkeit. Kennt sie den Gegensatz zwischen der abgeschotteten, hoch umzäunten Flüchtlingssiedlung und dem nächtlichen Großstadttreiben, in das sich ihre Schwestern so gern stürzen?

So liebenswert die Mädchen auch sind, so interessant das Thema sein mag: Eine klare Erzählstruktur im Sinne eines etwas effizienteren dramaturgischen Aufbaus hätte dem Film gutgetan. Dennoch verfügt der Film dank seiner Protagonistinnen über einen gewissen Charme, dem man sich nicht entziehen möchte.

Kommentar verfassen

Kommentieren