Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 76 Minuten

Regie: Timo Großpietsch

In der industriellen Landwirtschaft kommen Menschen nur noch am Rande vor. In gigantischen Fabriken wird die Nahrung zum großen Teil ausschließlich maschinen- und computergesteuert produziert. Mit einer höchst ausgefeilten Bild- und Tonsprache seziert der experimentelle Dokumentarfilm die Mechanik hinter der auf Effizienz und Automatisierung getrimmten Produktionsweise, die auf die Menschen überzuspringen droht. Die abstrakte Logik der Ökonomie erscheint in dieser recht einseitigen Perspektive wie ein Verhängnis, in dem für die Würde von Tieren und Pflanzen und in der Konsequenz auch für Menschen kein Platz mehr ist. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LAND
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Timo Großpietsch
Buch
Timo Großpietsch
Kamera
Timo Großpietsch
Musik
Vladislav Sendecki
Schnitt
Andreas von Huene · Timo Großpietsch
Länge
76 Minuten
Kinostart
26.08.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Visuell ausgefeilter Dokumentarfilm über die industrielle Landwirtschaft, deren auf Effizienz und Automatisierung getrimmte Optimierung auf die Menschen überzuspringen droht.

Diskussion

Vor sechs Jahren hat der Dokumentarist Timo Großpietsch einen Film über Hamburg gedreht, 24 Stunden aus dem Leben einer „Stadt“ (2015). Jetzt folgt eine ähnlich gelagerte Exkursion aufs „Land“, thematisch passend vier Jahreszeiten lang und anstatt an Walter Ruttmanns „Berlin-Sinfonie“ (1927) nun an „Koyaanisqatsi“ (1982) von Godfrey Reggio und „Unser täglich Brot“ (2005) von Nikolaus Geyrhalter orientiert.

Eingangs kreist die Kamera in großer Höhe über einem winterlichen Wald, die elegisch-sparsame Musik verbindet sich mit den geometrischen Linien eines schneebedeckten Feldes. Dann scheint sich fern am Horizont der Sonnenaufgang anzukündigen, was sich allerdings schnell als mechanisches Monster entpuppt, das die weiße Pracht mit stinkender Gülle besudelt.

Ein Schieber nach rechts

Es geht in „Land“ um die industrielle Landwirtschaft, um Massentierhaltung und Fertignahrung, Automatisierung und die abstrakte Logik der Ökonomie, streng piktoral, ohne ein einziges Wort der Erklärung. Der Film ist nicht polemisch, lässt es in seiner elliptischen Verdichtung aber dennoch nicht an Deutlichkeit fehlen. Einmal sieht man, wie sich ein Gatter langsam öffnet, durch das eine Handvoll Schweine genötigt wird, die zögernd und schnüffelnd in die Box stolpern. Dann schließt sich das Gitter hinter ihnen, während rechts eine andere Klappe aufgeht und von links ein Schieber die Tiere ins Dunkel bugsiert.

Bei all dem ist kein Mensch zugegen, die Kamera ist auf Höhe der Tiere postiert, man hört die gedämpften Geräusche der Maschinerie und die leicht aufgeregten Laute der Tiere. Der ausgesparte Rest passiert im Kopf. Erst sehr viel später kommt der Film wieder in den Schlachthof zurück, wo die Schweine jetzt an Laufbändern kopfüber nach unten hängen, von riesigen Sägen in zwei Hälften getrennt und in langen Reihen auf die weitere Zerstückelung wartend.

Bilder einer babylonischen Verwirrung

Der visuell ausgefeilte (CinemaScope-)Film ist nicht auf billige Provokationen oder moralische Emphase aus, wohl aber auf ikonische Bilder einer babylonischen Verirrung. Vieles ist deshalb in langen, gespenstischen Travellings gefilmt, inmitten monströser Locations wie einem gigantischen Gewächshaus, das nahezu vollautomatisch all die perfekten Grünpflanzen hervorbringt, die im Discounter für ein paar Euro zu erwerben sind.

Unwillkürlich denkt man an einen Science-Fiction-Film wie „Nummer 5 lebt!“ (1986), wenn frühmorgens eine Armada grau-blauer E-Traktoren die Schweinwerfer anknipst, wobei es fast höflich wirkt, wenn sich die autonomen Gefährte scheinbar Vorfahrt gewähren. Zwei Einstellungen später aber ist jede romantische Illusion verflogen, wenn ein spinnförmiges, höllisch ziependes Ungetüm mit drei Dutzend dürren Greifern im Akkord frisch aufgegangenes Saatgut in größere Töpfe umtopft.

Die Länge der Einstellungen betont das Unpersönliche der Vorgänge. Wenn ausnahmsweise doch ein paar Menschen zu sehen sind, dann meist von hinten oder in der Gruppe. Niemand gibt Auskunft, erklärt oder verteidigt die Kälte einer Produktion, die selbst dort, wo man wie beim Spargelstechen oder der Erdbeerernte nicht auf Handarbeit verzichten kann, mit billigen Saisonarbeitern auf den Massenmarkt ausgerichtet ist. Meist aber summen und brummen die gigantischen Fabriken computergesteuert allein vor sich hin, als befänden sie sich irgendwo anders, außerhalb der Menschenwelt.

Man kann an diesen Bildern irrewerden, in denen männliche Hühnerküken im „Homogenisator“ landen oder schwarz-weiß gefleckte Milchkühe zu Hunderten durch trostlose Ställe zum Melken getrieben werden. Hier gibt es keine Würde, keine Geschöpfe, keine Gnade. Das ist erschütternd und springt in der Logik des Films auch auf die Menschen über, die so grau und ausgemergelt wirken wie die Stallungen und Fabriken, in denen sie arbeiten. Da helfen auch das Tropical Island im Spreewald südöstlich von Berlin oder die Festzüge und Kirmestänze nicht mehr, weil sich das Serielle und Durchkalkulierte tief in die DNA alles Wirklichen eingeschrieben hat. So, als folgte alles einem zentralen, auf Effizienz und Automatisierung ausgerichteten Code.

Mehr Experimentalfilm als Manifest

Zur Wirkung dieser fröstelnden Bilder tragen entschieden auch die Filmmusik und das Sounddesign bei, die viele technische Geräusche sampeln und zu einer verführerischen Collage verweben. Im Verbund mit den exzellenten Kameraperspektiven und einer außergewöhnlichen Kadrierung entsteht darauf der Eindruck einer Zwangsläufigkeit oder sogar von einem Verhängnis, dem man sich kaum noch entziehen kann.

Dennoch ist „Land“ eher ein Experimentalfilm als ein Manifest des Widerstands. Der Wille zur Symmetrie, zur Wiederholung und zur maschinellen Rhythmisierung wird dort am augenfälligsten, wo die Inszenierung die eingefangenen Wirklichkeitspartikel sicht- und hörbar ihren eigenen Intentionen unterwirft. So ist von der Marschmusik eines Spielmannszuges kaum noch was zu hören, weil sich das Sounddesign darüber schiebt, und auch der Drive einer Polka auf einer Kirmes springt nicht über, weil er von den treibenden Dancefloor-Tönen einer metaphysischen Unheilsmelodie überlagert wird, in der jeder nur noch ein kleines Rädchen innerhalb einer unbekannten Mechanik ist.

All das erinnert an die New-Age-Warnungen von „Koyaanisqatsi, wenngleich die Weissagung von Timo Großpietsch keine spirituellen Untertöne mehr besitzt. Die kalte Mystik seines Films erschöpft sich in der Maschinerie einer Anlage, die aus Bergen von verdreckten Kartoffeln über ein Labyrinth aus Sieben, Wannen, Rollen, Messern, Quetschen und Bändern verzehrfertige Pommes Frites macht. Für den menschlichen Geist, der hinter einer solchen Anlage steckt, die kollektiven Anstrengungen oder die historischen Entwicklungen, die zum schockgefrosteten Sack Pommes in der Tiefkühltruhe führen, fehlt „Land“ der Sinn.

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