Infinite Football

Dokumentarfilm | Rumänien 2018 | 70 Minuten

Regie: Corneliu Porumboiu

Der rumänische Filmemacher Corneliu Porumboiu, selbst versierter Fußballer, porträtiert einen Bekannten aus Kindetagen, der einst eine Sportkarriere wegen einer Verletzung abbrechen musste, sich Gedanken über das Wesen des Fußballs macht und ein neues Regelwerk ausgetüftelt hat, das den Ball „befreien“ und das Spiel attraktiver machen soll. Das Porträt entfaltet sich als Direct-Cinema-Dialog zwischen dem Regisseur und seinem Gegenüber, das als eine Art Don Quixote des Fußballs an seinem Ideengebäude baut, dessen Realisierung außer Frage steht. Dabei bleibt der Film indes zu saftlos, um die Tragikomik seiner Geschichte zum Strahlen zu bringen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
FOTBAL INFINIT
Produktionsland
Rumänien
Produktionsjahr
2018
Regie
Corneliu Porumboiu
Buch
Corneliu Porumboiu
Kamera
Tudor Mircea
Schnitt
Roxana Szel
Länge
70 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Sportfilm

Der rumänische Filmemacher Corneliu Porumboiu porträtiert einen kuriosen Landsmann, der den Fußball mit neuen Regeln revolutionieren will.

Diskussion

Obwohl der Fußball unter den Ballsportarten das einfachste Regelwerk aufweist, wird so viel über die Regeln diskutiert wie bei keinem anderen Sport. Das liegt zwar vornehmlich daran, dass das öffentliche Interesse für eine Abseitsentscheidung größer ist als etwa für zu lang hinausgezögerte Würfe im Wasserball, aber hängt auch damit zusammen, dass der einzelne Treffer in kaum einem anderen Sport die gleiche Bedeutung hat wie im Fußball. Jedes Tor könnte spielentscheidend sein, und somit löst jede Regel, die ein solches Tor verhindern oder ermöglichen kann, große Emotionen aus. Mit den vor einigen Jahren eingeführten Videoschiedsrichtern wurde dem Sport sozusagen das Kino zur Hilfe gestellt. Der Erfolg hält sich in Grenzen. Ganz anders ist das in Corneliu Porumboius merkwürdigem „Infinite Football“.

Ein revolutionärer Münchhausen des Fußballs

Der Protagonist Laurentiu Ginghina, ein Bekannter des Filmemachers, hat sich sicherlich auch über das Wesen seines Sports Gedanken gemacht, vor allem, weil er sich 1986 so schwer verletzte, dass er seine Karriere beenden musste. Aber es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen den unter Männern so populären, groß daherredenden Sportphilosophen und diesem revolutionären Münchhausen und tragischen Sinnbild für die turbulente Geschichte Rumäniens. Denn Ginghina hat sich einige Regeländerungen ausgedacht, die, wie er sagt, den Ball befreien und gleichermaßen Verletzungen vermeiden, das Spiel attraktiver gestalten und den Spielern weniger Physis abverlangen sollen.

Porumboiu, der nicht nur selbst hochklassig Fußball spielte, sondern mit „The Second Game“ auch einen der besten Fußballfilme aller Zeiten realisierte (in Zusammenarbeit mit seinem Vater, der professioneller Schiedsrichter war), inszeniert die Begegnung mit dem Hobbyerfinder und Bürokraten als Direct-Cinema-Dialog. Der Filmemacher zeigt sich selbst vor der Kamera, diskutiert mit dem leidenschaftlichen, eitlen und eloquenten Träumer am Fußballplatz, in dessen Wohnung und am Arbeitsplatz. Irgendwann beginnt er aber an den Ideen rund um ein zweigeteiltes, oktogonales Spielfeld zu zweifeln und konfrontiert Ginghina mit offensichtlichen Widersprüchen.

Im Film ist alles möglich!

Ganz nebenbei erzählt sich so auch eine kleine, tragikomische Geschichte postkommunistischer Umbrüche, die auf diversen Metaphern balanciert, ohne diese jemals auszuformulieren. Am deutlichsten bleibt wohl die fehlende Haltbarkeit der Erneuerungsideen hängen. Dass sich Ginghina in einer Szene mit Superhelden à la Spider-Man identifiziert, erzählt viel über die Bedeutung, die diese Begegnung mit der Kamera für ihn hat. Einmal darf er ein Held sein, wird ernst genommen mit seinen schlicht und ergreifend abstrusen Ideen. Vielleicht, dämmert ihm, wird er den Fußball nicht verändern, aber in einem Film wäre alles möglich. Jedenfalls gibt er alles, um Porumboiu und die Kamera zu überzeugen. Das Wort „querdenken“ hat leider in den vergangenen Jahren einen mehr als unguten Beigeschmack bekommen, im Fall Ginghinas erreicht es noch einmal jenes wilde, verträumte, genialische Potenzial, das es eigentlich in sich trägt.

Und Porumboiu? Der bleibt seltsam unentschieden, und damit ist kein Fußballergebnis gemeint. Obwohl die Komik, die dem Filmemacher sonst so liegt, sich wie auf dem Präsentierteller anzubieten scheint, bleibt sein Porträt dieses Don Quixote saftlos und bemüht zurückhaltend. Die filmische Form spiegelt teilweise das Verhältnis von Strenge und Freiheit. In „The Second Game“ gibt es eine längere Passage, in der über die sogenannte Vorteilsregel diskutiert wird. Damit ist gemeint, dass Schiedsrichter nach einem Regelverstoß das Spiel so lange weiterlaufen lassen, bis sie sicher sind, dass sich aus der Situation kein Vorteil für die vom Regelverstoß benachteiligte Mannschaft ergibt. „Infinite Football“ zeigt, wie gut diese Regel auf das Filmemachen übertragbar ist. Man filmt erstmal, bis sich etwas ergibt, aber man kennt die Regeln, und wenn sich nichts Gutes ergibt, dann bricht man eben ab. Dass ein Film dann an den Ecken etwas ausfranst, hat dem Spiel womöglich gutgetan.

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