Ein Kind wie Jake

Drama | USA 2018 | 92 Minuten

Regie: Silas Howard

Ein gutsituiertes Ehepaar aus Brooklyn sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr vierjähriger, lebhafter Sohn sich im Kindergarten gern Tüllröcke anzieht und als Aschenbrödel verkleidet. Eigentlich ist diese kindliche Zurückweisung einer maskulinen Geschlechterrolle kein Problem für die Eltern. Doch dann berichtet die Leiterin des Kindergartens, dass die Wutausbrüche und Trotzanfälle des Buben rapide zugenommen haben, die Aufnahme in eine Privatschule ist gefährdet. Ein behutsames und sensibles Drama mit überzeugenden Darstellern, das realitätsnah beleuchtet, wie die Erwachsenen im Umfeld des Kindes mit dessen Nicht-Hineinpassen in Gender-Schubladen umgehen. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
A KID LIKE JAKE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Silas Howard
Buch
Daniel Pearle
Kamera
Steven Capitano Calitri
Musik
Roger Neill
Schnitt
Michael Taylor
Darsteller
Claire Danes (Alex Wheeler) · Jim Parsons (Greg Wheeler) · Leo James Davis (Jake Wheeler) · Octavia Spencer (Judy) · Priyanka Chopra (Amal)
Länge
92 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 12.
Genre
Drama | Familienfilm

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
Koch
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Ein sensibler Familienfilm über ein Elternpaar, dessen kleiner Junge erste Anzeichen erkennen lässt, dass er sich nicht mit einer maskulinen Geschlechterrolle identifiziert.

Diskussion

Eine ganze normale Familie mit einem ganz normalen Alltag, der sich von dem anderer Menschen kaum unterscheidet: Greg (Jim Parsons) und Alex Wheeler (Claire Danes) leben im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Er: ein versierter Therapeut mit etwas zu hellhöriger Praxis. Sie: eine Anwältin, die allerdings ihre Karriere aufgegeben hat, um als Hausfrau und Mutter für ihren vierjährigen Sohn da zu sein. Jake ist ein aufgeweckter und neugieriger Bub. Dass er sich im Kindergarten gern Tüllröcke anzieht und als Aschenbrödel verkleidet, ist weder für ihn noch für andere ein Problem, auch nicht, dass er alle Prinzessinnen-Filme von Disney auf DVD besitzt und an Halloween als Rapunzel gehen will. In diesem Alter ist für Kinder noch alles erlaubt. Alex glaubt, dass diese Phase bald vorüber geht. Greg hingegen ist überzeugt, dass die Meinung eines Therapeuten nicht schaden könnte. Dann aber berichtet die Leiterin des Kindergartens, dass Jakes Wutausbrüche und Trotzanfälle rapide zugenommen haben. Und mit einem Mal gestaltet sich auch die Bewerbung für die Aufnahme des Jungen in eine Privatschule nicht mehr ganz so einfach.

Eine Odyssee über die Schulhöfe

Regisseur Silas Howard und Autor Daniel Pearle, der sein eigenes Theaterstück adaptiert hat, nähern sich behutsam, sensibel und authentisch den Auswirkungen, die die Genderrollen-Zurückweisung des kleinen Jake auf die Erwachsenen hat. Ob er sich wirklich im falschen Körper fühlt, ob er lieber ein Mädchen wäre – für eine Antwort darauf ist er noch viel zu jung. Trotzdem kommt Furcht bei den Eltern auf, als Jakes Einschulung gefährdet scheint. Der Film verfolgt Greg und Alex’ Odyssee über die Schulhöfe, die Besichtigung von Klassenräumen und Fluren, die Gespräche mit Direktoren und Lehrern, die anderen Elternpaare, die alle dasselbe wollen: einen Schulplatz für ihr Kind. Was so selbstverständlich klingt, ist auf einmal ganz schwer.

Als Gegengewicht zu diesen Sorgen fungiert Octavia Spencer als weise und warmherzige Leiterin des Kindergartens, die den Wheelers hilft, wo sie nur kann. Sie rät ihnen, zu akzeptieren, dass ihr Kind anders ist als andere und darum auch besonders. Ein Rat, der allerdings schwer zu befolgen ist, und so kommt es – in einer schockierenden Szene – zum Bruch zwischen ihr und den Wheelers. Auch Freunde und Verwandte sind keine große Hilfe. Sie meinen es gut, treffen aber mit ihren Plattitüden oft den falschen Ton. Symptomatisch hierfür ist jene Szene, in der die Wheelers mit einem befreundeten, indischstämmigen Ehepaar in einem Restaurant essen und der Abend wegen unterschiedlicher Meinungen, aber auch Vertrauensmissbräuchen zur Katastrophe gerät.

Claire Danes und Jim Parsons brillieren in ihren Eltern-Rollen

Den zentralen Konflikt tragen die Wheelers aber selbst aus. Claire Danes und Jim Parsons, auch einer der Produzenten des Films, verkörpern die verschiedenen Stadien des Miteinanders nahezu perfekt: der liebevolle, leichtfüßige Umgang zu Beginn, die täglichen Pflichten, vom Einkaufen im Supermarkt über das Schmieren eines Pausenbrotes bis zum gemeinsamen abendlichen Zähneputzen im Bad, die kleinen Sorgen, der wachsende Stress, der sich langsam verstärkende Konflikt. Höhepunkt des Films ist ein handfester Streit, bei dem sie sich nicht mehr zurückhalten, bei dem sie sich mit Vorwürfen verletzen – bis auch der Zuschauer es kaum noch aushält. Ein reinigendes Gewitter, schmerzhaft und offen. Und dabei grandios gespielt.

Wenn man überhaupt etwas bedauern will bei diesem gelungenen Film: Der kleine Jake, obwohl Titelfigur, kommt eindeutig zu kurz. Es geht zwar um ihn und die Probleme, die sein Nicht-Hineinpassen in die Geschlechterrollen-Schubladen seiner Umwelt bereiten. Und doch ist er kaum zu sehen. In flüchtigen Bildern ist seine Vorliebe für Kleider nur zu erahnen, seine Wutanfälle sieht man nicht. Auch eine Nebenhandlung um Greg und eine seiner Patientinnen, die in Scheidung lebt, hält nur den Erzählfluss auf; der Witz um Gregs hellhörige Praxis, in der man die Auswüchse einer Urschreitherapie nebenan mit anhören muss, wirkt seltsam deplatziert. Trotzdem ist dies ein wichtiger Film. Denn: Hier geht es um einen kleinen Menschen, der so angenommen werden will, wie er ist, und auf sensible Weise um die Irritation, die dieser berechtigte Anspruch selbst in einem aufgeklärten, toleranten Umfeld immer noch bedeuten kann.

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