Coming-of-Age-Film | USA/Indien 2021 | 109 Minuten

Regie: Manjari Makijany

Eine Jugendliche aus einem abgelegenen Dorf in Indien entdeckt ihre Leidenschaft fürs Skaten. Doch als die talentierte Schülerin an einer nationalen Meisterschaft teilnehmen will, gerät sie in Konflikt mit ihren traditionsbewussten Eltern. Mit viel Lokalkolorit zeigt das Coming-of-Age-Drama, wie schwierig eine weibliche Emanzipation in der patriarchalischen Gesellschaft Indiens noch immer ist, schlägt aber in der Darstellung einer vorbildhaften Selbstermächtigung allzu sentimentale Töne an. Die talentierte Hauptdarstellerin versteht es trotzdem, glaubhaft und mitreißend die Sehnsüchte ihrer Figur nach Selbstverwirklichung zu vermitteln. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
SKATER GIRL
Produktionsland
USA/Indien
Produktionsjahr
2021
Regie
Manjari Makijany
Buch
Manjari Makijany · Vinati Makijany
Kamera
Manjari Makijany · G. Monic Kumar · Alan Poon
Musik
Salim Merchant · Sulaiman Merchant
Schnitt
Deepa Bhatia
Darsteller
Rachel Saanchita Gupta (Prerna) · Shraddha Gaikwad (Gunjan) · Amrit Maghera (Jessica) · Waheeda Rehman (Maharani) · Shafin Patel (Ankush)
Länge
109 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Coming-of-Age-Film

Ein indisches Coming-of-Age-Drama um ein rebellisches Mädchen im ländlichen Bundesstaat Rajasthan, das seine Leidenschaft fürs Skaten entdeckt und damit gegen patriarchalische Konventionen aneckt.

Diskussion

Das Mädchen Prerna (Rachel Saanchita Gupta) lebt mit dem jüngeren Bruder Ankush und seinen konservativen Eltern in dem abgelegenen Dorf Khempur im nordwestindischen Bundesstaat Rajasthan. Traditionen, Pflichterfüllung und der Gehorsam gegenüber den Eltern haben in der Familie einen hohen Stellenwert. Um das karge Familieneinkommen aufzubessern, fährt Prerna gelegentlich mit ihrem Vater zu einem Markt, um Erdnüsse zu verkaufen, und schwänzt dafür die Schule.

Ihr Leben ändert sich grundlegend, als die 34-jährige Werbefachfrau Jessica aus London in das Dorf kommt, um mehr über die Kindheit ihres verstorbenen Vaters zu erfahren, der dort als Adoptivsohn eines wohlhabenden Mannes aufgewachsen ist. Kurz darauf trifft auch Jessicas alter Freund Erick, der aus Los Angeles stammt, auf einem Skateboard im Dorf ein. Nicht nur Prernas Bruder, der bisher auf einem selbstgebastelten Holzbrett mit Rollen mehr schlecht als recht herumgerollt ist, ist sehr angetan von dem Board. Auch Prerna und die anderen Kinder sind fasziniert. Das Mädchen, dessen Name auf Hindi „Inspiration“ bedeutet, zeigt sich auf dem Board sogar recht talentiert.

Die Dorf-Ordnung kommt ins Rollen

Prompt bestellt Jessica, die fließend Hindi spricht, etliche Skateboards für die Kinder, die damit über die Dorfstraßen rasen. Das sorgt bei der älteren Generation für Unmut. Als die meisten Kinder dem Unterricht fernbleiben, beschwert sich der Lehrer auf der Polizeistation. Das Skaten auf öffentlichen Wegen wird verboten. Doch Jessica lässt sich nicht entmutigen, sondern ist fest entschlossen, die neue Leidenschaft der Kinder zu fördern. Nach der Überwindung einiger Hindernisse gelingt es ihr, die Zustimmung einer einflussreichen Maharani für ihren Plan zum Bau eines Skateparks zu erreichen. Da Erick einige Skater-Freunde aus einer anderen Stadt als Unterstützer gewinnt und auch Dorfbewohner mithelfen, ist der Park schnell errichtet. Es findet sich sogar ein Sponsor, der dort die erste Skateboard-Meisterschaft Indiens finanziell unterstützt. Nun muss sich Prerna entscheiden: Folgt sie den Erwartungen ihrer Eltern und willigt in eine arrangierte Ehe ein – oder erfüllt sie sich den Traum von der Teilnahme an dem Turnier?

In einer Schlüsselszene fragt der Vater Prerna, warum sie mit Dingen spiele, die für Jungen bestimmt seien, und fügt hinzu: „Haben wir dich so erzogen?“ Die gesellschaftliche Ablehnung, auf die Prernas Wunsch zu skaten stößt, erinnert an „Das Mädchen Wadjda“, den ersten Spielfilm der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour und den ersten abendfüllenden Film unter saudi-arabischer Regie überhaupt. Das mehrfach ausgezeichnete Werk erzählte von einem elfjährigen Mädchen, das davon träumt, ein Radrennen gegen einen Nachbarjungen zu fahren, was in dem arabischen Königreich als unschicklich gilt. So streng sind die Regeln im ländlichen, hinduistisch geprägten Rajasthan zwar nicht, doch der Druck auf Prerna, auf das Board-Fahren zu verzichten, ist beträchtlich. Zumal als sie sich beim Training den Fuß verletzt. Notgedrungen schleicht sie sich dennoch heimlich zu dem Übungsgelände, wobei sie vom Bruder unterstützt wird.

Das Filmdebüt der jungen indischen Regisseurin Manjari Makijany

Das Drehbuch schrieb die junge indische Regisseurin Manjari Makijany zusammen mit ihrer Schwester Vinati Makijany. Die beiden Töchter des prominenten Bollywood-Schauspielers Mac Mohan produzierten den ersten indischen Film übers Skatebord-Fahren auch gemeinsam mit Manjaris Ehemann Emmanuel Pappas. In ihrem ersten langen Spielfilm arbeitet die Regisseurin anschaulich heraus, wie viel Mut und Beharrlichkeit es erfordert, sich gegen starre soziale Normen zu stellen und einen selbstbestimmten Weg einzuschlagen. Vor allem in einer Gesellschaft, die noch immer von einem sozial undurchlässigen Kastenwesen geprägt ist. In „Skater Girl“ werden diese strikten Klassenschranken mehrfach angesprochen, etwa wenn die Protagonistin Jessica darauf hinweist, dass ein Weg zu einem Brunnen nur für die höhere Kaste erlaubt ist.

Das Anliegen des Films ist lobenswert, doch bei der Umsetzung hapert es. So wirkt der Altruismus Jessicas und Ericks schier grenzenlos, Zeit- und Geldaufwand für das ehrgeizige Hilfsprojekt scheinen bei beiden keine Rolle zu spielen. Und immer wieder sind allzu gutgemeinte Ratschläge zu hören wie Jessicas Warnung an Prerna: „Du hast keine Chance, wenn du nicht zur Schule gehst.“ Verstärkt wird der Hang zur Rührseligkeit durch eine oft allzu gefällige Musik.

„Es fühlt sich an, wie im Himmel zu schweben“

Getragen wird die Inszenierung, die einige Längen aufweist, vor allem von der talentierten Nachwuchsdarstellerin Rachel Saanchita Gupta, die glaubhaft Prernas Sehnsüchte zur Anschauung bringt, etwa wenn die Protagonistin einmal über das Skaten schwärmt: „Es fühlt sich an, wie im Himmel zu schweben.“ Gupta bildet mit der britischen Schauspielerin Amrit Maghera als Jessica ein zugkräftiges weibliches Duo, das die männlich dominierte Dorfgemeinschaft kräftig aufmischt.

In puncto Nachhaltigkeit präsentiert sich die Netflix-Produktion auf der Höhe der Zeit. Im Abspann erfährt man, dass der Desert Dolphin Skatepark, der für den Film in nur 45 Tagen gebaut wurde, zu den größten in Indiens zählt und nun als Gemeinde-Skatepark genutzt wird, „der Mädchen in ihren Träumen bestärkt“.

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