Komödie | USA 2021 | Minuten

Regie: Mike White

Ein Luxus-Resort auf Hawaii, in dem vor allem einheimisches Personal arbeitet, empfängt eine Gruppe Erholung und Exotismus suchender, weißer und wohlhabender US-Tourist*innen. Der vermeindliche Urlaub im Paradies verläuft allerdings anders als geplant, nicht zuletzt weil die Gäste über ihre eigenen Überheblichkeiten und Ansprüche stolpern. Eine satirisch-komödiantische Serie vor dem Hintergrund der im 19. Jahrhundert kolonialisierten Insel und eines Zwei-Klassen-Systems aus weißen, reichen Touristen und einheimischen "People of Color" als Dienstpersonal. Genüsslich werden die Neurosen und Selbsttäuschungen einer überambitionierten, kommunikationsgestörten US-Elite seziert. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE WHITE LOTUS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Mike White
Buch
Mike White
Kamera
Ben Kutchins
Musik
Cristobal Tapia de Veer
Darsteller
Murray Bartlett (Hotelmanager Armand) · Jake Lacy (Shane) · Alexandra Daddario (Rachel) · Connie Britton (Nicole) · Jennifer Coolidge (Tanya)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Komödie | Satire | Serie

Ärger im Paradies: Vor den Kulissen einer hawaiianischen Wellnessoase gelingt Regisseur und Drehbuchautor Mike White eine beißende Sozialsatire, in der er genüsslich die Neurosen und Selbsttäuschungen der amerikanischen Upperclass seziert.

Diskussion

„Human remains“ – menschliche Überreste, das steht in gut lesbaren Lettern auf der Holzkiste, die gerade in den Laderaum eines Passagierflugzeugs verladen wird. Vom Panoramafenster eines Flughafenterminals aus beobachtet ein Mann, der schwer unter Strom steht, die Szenerie. Unter seiner Sonnenbrille verbirgt er einen Blick, der von einem Aufenthalt direkt in der Hölle zu zeugen scheint, dabei kehrt der Reisende doch eigentlich aus dem Paradies zurück. Es sollte der perfekte Honeymoon-Trip für Shane (Jake Lacy) und seine Neuangetraute werden, doch lief der Ausflug ins Paradies nicht gerade plangemäß. Davon werden wir später mehr erfahren.

Mit „Paradies“ ist zuerst einmal das Luxushotel „White Lotus“ auf Hawaii gemeint. Dessen Manager Armand (Murray Bartlett) legt gegenüber seinem Personal pedantischen Wert auf reibungslose Serviceabläufe. Die Wünsche der gutbetuchten Kundschaft sollen von den Bediensteten antizipiert werden, noch bevor einer der Luxusgäste auch nur ein Begehren äußern kann. Die Begrüßung neuer Besucherinnen und Besucher nimmt der Hotelmanager mit akkurat getrimmtem Schnauzbart selbst vor. Zur jüngsten Gästecharge, die ein Boot soeben am Bilderstrand ausgespuckt hat, gehört die Familie Mossbacher. CEO und Übermutter Nicole (Connie Britton) und Vater Mark (Steve Zahn) haben ihre Kids im Gepäck: Tochter Olivia (Sydney Sweeney) mitsamt bester Freundin Paula (Brittany O’Grady) sowie ihren Sohn Quinn (Fred Hechinger), der seine Sinnsuche mit dauerhafter Smartphone-Benutzung kompensiert. Mit von der Partie ist auch das eingangs erwähnte Flitterwochenpärchen Shane und Rachel (Alexandra Daddario) sowie die aufgrund des Todes ihrer Mutter in existenzielle Verzweiflung gestürzte Tanya (Jennifer Coolidge). Kaum hat sie festen Inselboden unter den Füßen, erkundigt sie sich bereits nach dem ersten Drink.

Das Begrüßungszeremoniell der drei Parteien, denen wir von nun an folgen, erinnert nicht zufällig an Konventionen einschlägiger Reality-TV-Formate. Serienschöpfer Mike White hat nicht erst seit seiner Teilnahme als Kandidat der US-Show „Surviver“ ein Faible für Entertainment-Vergnügen jener Prägung. Ein an das Realitätsfernsehen angelehntes Eliminationsprinzip durchwirkt auch seine Serienschöpfung „White Lotus“. Wen wird es am Ende erwischen? Wer landet in besagter Holzkiste am Flughafen? Und kehrt am Ende jemand aus ganz anderen Gründen nicht heim?

Postkoloniale Zwei-Klassen-Gesellschaft

Ungemach im Paradies unter Palmen droht schon früh. Denn unser Honeymoon-Paar landet aufgrund eines Buchungsfehlers in der falschen Suite. Was objektiv betrachtet keine große Sache zu sein scheint, wird für den hochprivilegierten Shane aus betuchtem Haus zur Grundsatzfrage. Er besteht auf sein Recht, samt seiner Gattin die prestigeträchtigste Unterkunft der Anlage zu bewohnen. Dafür scheut Shane auch nicht den fintenreichen Kleinkrieg mit Hotelmanager Armand, der zum Erzählmotor der sechsteiligen Miniserie wird. So amüsant dieser für Außenstehende sein mag, so verweist der Konflikt auch auf ein eklatantes Kräftemissverhältnis. Nichts scheint dem Inbegriff eines Fraternity-Ekelpakets, Shane, mehr Vergnügen zu bereiten als die Demütigung des Chefbediensteten Armand.

Überhaupt, diese Privilegien! Regisseur Mike White projiziert seine Erzählung auf ein kolonialpolitisch hochaufgeladenes Terrain. Die US-amerikanische Annexion der hawaiianischen Inselkette im späten 19. Jahrhundert zeigt Auswirkungen bis heute. Auch in der fiktiven Luxusherberge herrscht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus wohlbetuchter weißer Upperclass und einer Dienstleistungsklasse, die sich nahezu vollständig aus einheimischen people of color rekrutiert. Am elterlichen Ausblenden der haarsträubenden Umstände nehmen vor allem die Tochter der Mossbachers, Olivia und deren beste Freundin Paula Anstoß. Gegen die ausgestellte Ignoranz der karrieristisch veranlagten Boomer-Generation, wappnen sich die beiden mithilfe von philosophischen und psychoanalytischen Theorietexten am Hotelpool und mit einer etwas speziellen Form des Aktivismus – wohlmeinend und dennoch gefährlich naiv –, die am Ende sogar die Existenz eines jungen Hotelangestellten bedroht.

Über die Selbsttäuschungen einer kommunikationsgestörten US-Elite

Mike White seziert an dieser Stelle geradezu genüsslich die Neurosen und Selbsttäuschungen einer überambitionierten, kommunikationsgestörten US-Elite, die vor allem mit sich selbst, aber auch mit allen anderen am Hadern zu sein scheint – maximal aggressiv und dünnhäutig-übersensibel zugleich. Richtig gut weg kommt in seinem Setting einer fiesen Sozialsatire niemand. Dass am Ende der fulminanten Schau nicht alles in den Zynismus abgleitet, verdankt sich dem erzählerischen Geschick des Drehbuchautors und Regisseurs. An einer moralischen Abqualifizierung seiner Figuren zeigt Mike White sich nicht interessiert. Ihn fasziniert, wie auch schon in seiner von der Kritik gelobten Vorgängerserie „Enlightened“, vielmehr die Möglichkeit eines Ausstiegs aus den Zwängen einer allzu erfolgsversessenen Gesellschaft. Einigen seiner Charaktere steht ein solcher Weg am Ende offen, anderen wiederum wird er versperrt bleiben. Mike Whites Empathie gilt der einen wie der anderen Gruppe – zum großen Glück seiner sensationell komischen und bitterbösen Serie „White Lotus“.

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