Dokumentarfilm | USA 2020 | 117 Minuten

Regie: Matt Wolf

Mit dem „Biosphere 2“-Experiment machten sich 1991 acht Menschen in Arizona daran, in einem von der Atmosphäre abgeschlossenen, sich selbst erhaltenden Ökosystem die Erde im Kleinen nachzuempfinden. Komplikationen führten allerdings dazu, dass das Projekt nicht in der geplanten Weise durchgeführt werden konnte. Mit historischen Aufnahmen und aktuellen Interviews mit den damaligen Teilnehmern wird das zweijährige Experiment rekonstruiert. Die Geschichte setzt allerdings schon in den 1960er-Jahren ein und reicht bis in die aktuelle Gegenwart. Im Zentrum stehen dabei die damaligen Visionäre, die zwischen Do-it-yourself, Kunst und Wissenschaft einen Weg zum Verständnis des Verhältnisses von Mensch und Erde suchten. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SPACESHIP EARTH
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Matt Wolf
Kamera
Sam Wootton
Musik
Owen Pallett
Schnitt
David Teague
Länge
117 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
Koch Media
Verleih Blu-ray
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Doku über das „Biosphere 2“-Projekt, mit dem schon Anfang der 1990er-Jahre ein der Erde nachempfundenes künstliches Ökosystem erprobt wurde.

Diskussion

Es begann 1967 in San Francisco, mit einer Kommune und dem „Theater of All Possibilities“, woraus ein Experiment entstand, das die Möglichkeiten des Menschen an dessen äußersten Grenzen untersuchte. Mit „Biosphere 2“ wollte John Allen 1991 zusammen mit Gleichgesinnten ein geschlossenes Ökosystem erproben, eine Erde im Kleinen, auch um den Beweis anzutreten, dass Leben auf anderen Planeten langfristig möglich ist. In „Spaceship Earth“ dokumentiert Matt Wolf diesen Prozess von den Anfängen der Gruppe bis zu den Konflikten, die im Zuge dieses Experiments auftauchten.

Allen sah sich als Visionär. Das von ihm mitbegründete „Theater aller Möglichkeiten“ blieb nicht lange in San Francisco. Die Gruppe verlagerte ihre Aktivitäten nach New Mexiko, wo sie Land erwarb und die Synergia Ranch errichtete. Hier wurde weiterhin Theater gespielt und nachhaltig gelebt. Doch bald suchte man nach neuen Herausforderungen. Was ließ sich noch bauen? Ein Schiff vielleicht? So entstand 1974 die Idee, in Oakland die „Heraklitus“ zu fertigen, eine Art Forschungsschiff, das Margaret Augustine entwarf. Damit bereisten sie die Welt. Von hier war es kein allzu großer Schritt mehr zu einem Schiff, das in ganz andere Dimensionen vordringen sollte: das „Spaceship Earth“, wie es Wolf in seinem Film nennt.

Blick zurück nach vorn

Die meisten Mitstreiter von damals sind noch am Leben; die Synergia Ranch ist weiterhin ihr Zuhause. Einzig der Mediziner Roy Walford, der davon überzeugt war, mindestens 120 Jahre alt zu werden, verstarb im Jahr 2004. Die in „Spaceship Earth“ zu sehenden Aufnahmen stammen weitgehend von der Gruppe selbst. Außerdem gibt es Interviews, in denen John Allen, Kathelin Gray und andere langjährige Mitglieder der Gruppe sowie der Wüstenforscher Tony Burgess, der anlässlich von „Biosphere 2“ zu ihnen stieß, von damals erzählen.

Allen wird dabei als ingeniöser Anführer beschrieben, der zu immer neuen Herausforderungen antrieb. Weil dies den Eindruck erweckte, dass Menschen ihm und seinen Ideen blind folgen würde, stand er zeitweise auch unter dem Verdacht, ein Sektenführer zu sein. Mit dem Milliardär Ed Bass verfügte er früh über einen Mäzen, der Allens Arbeit schätzte und finanziell unterstützte. Bass’ Familie war im Öl-Geschäft reich geworden. Es handelte sich also um eine in den USA verbreitete Verquickung von Nachhaltigkeit und expansivem Kapitalismus; eine Widersprüchlichkeit, die Naomi Klein in ihrem Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“ (2014) aufgedeckt hat.

Bass investierte, und die Gruppe lotete alle Möglichkeiten aus, mit Innovationen Geld zu verdienen. Die Gesprächspartner erzählen ohne Ressentiments von damals; noch immer spürt man die Faszination darüber, wie umtriebig und kreativ sie damals waren. Sie ließen sich vom Theater inspirieren, von Literatur und Wissenschaft. Eine wichtige Referenz war Buckminster Fuller. Von ihm stammt der Ausdruck „Raumschiff Erde“, aber auch die Idee einer geodätischen Kuppel, die für die Architektur der „Biosphere 2“-Gebäude wesentlich war. Ein erstes Exemplar wurde auf der Synergia Ranch errichtet. Es steht heute noch da.

Experiment gescheitert?

Nichts schien die Pioniere aufhalten zu können. „Biosphere 2“ sollte alle ihre bisherigen Aktivitäten zusammenführen. Die Vorbereitungen begannen 1985. Für Mark Nelson war das Projekt Science-Fiction, nur in echt. Ausschnitte aus Douglas Trumbulls „Lautlos im Weltraum“ (1972) untermauern die mit dem Experiment verfolgten Ansätze. Filmaufnahmen, die Roy Walford während des Experiments drehte, bezeugen die unterschiedlichen Öko-Zonen, die wie ein kleiner Garten Eden anmuten; die Inneneinrichtung der Wohnräume entsprach hingegen nicht der Sterilität so mancher Science-Fiction-Filme, sondern war wohnlich gestaltet.

Das erste Problem, das man in „Spaceship Earth“ zu sehen bekommt, scheint unbedeutend; die Schleuse in den Gebäudekomplex lässt sich nur schwer schließen. Der Vorgang vermittelt aber eine Ahnung davon, welche Probleme bald auftauchten. Jane Poynter verletzte ihre Hand in einer Getreidedreschmaschine so schwer, dass sie extern behandelt werden musste. Als sie in die Biosphäre zurückkehrte, hatte sie Dinge bei sich, die den Status des von der Außenwelt hermetisch abgeschlossenen Ökosystem bedrohten. Die Presse schlachtete dies aus. Es gelang John Allen und Margaret Augustine, den beiden Hauptverantwortlichen des Projekts, nicht, die Vorbehalte auszuräumen.

Später kam es zu weiteren Vorkommnissen. So erhöhte sich der CO2-Gehalt der Luft in der Biosphäre, weil der Sauerstoffgehalt aus unterschiedlichen Gründen abnahm. In der Konsequenz musste Sauerstoff in die Biosphäre eingespeist werden, was abermals zu Vorwürfen führte, dass die Biosphäre nicht autark funktioniere. Das verstärkte Auftreten des Wetterphänomens El Niño führte dazu, dass sich die Ernten in der Biosphäre wegen geringerer Sonneneinstrahlung drastisch reduzierten.

Eher gelungen als gescheitert

In seinem Roman „Die Terranauten“ (2016) hat T.C. Boyle das Nachfolgeprojekt von „Biosphere 2“ aufgegriffen, um voller Ironie davon zu erzählen, was bereits beim ersten Experiment kritisiert wurde: dass es nicht um Wissenschaft, sondern um Öko-Entertainment gegangen sei. Der Film von Matt Wolf bezieht zu diesem Vorwurf keine Stellung. Er erzählt von den Problemen, ohne sie allzu sehr zu dramatisieren. Auch die Konflikte, die zwischen den Crewmitgliedern auftauchten, werden nicht aufgebauscht. Eher stellt sich der Eindruck ein, dass das Projekt trotz der Störungen eher als gelungen denn als gescheitert betrachtet werden muss. Immerhin wurde das Projekt nicht abgebrochen. Die Crew verließ die Biosphäre 1993 nach zwei Jahren; 1994 startete eine zweite Gruppe, die sich sechs Monate lang in der künstlichen Sphäre aufhielt.

Insgesamt überwiegt in „Spaceship Earth“ die Faszination darüber, was Menschen, die anfangs zu einer Theatergruppe zusammenfanden, zu leisten imstande waren. „Biosphere 2“ war sensationell und ist vielleicht aktueller denn je. Denn wer vermag mit Sicherheit zu sagen, ob die Menschen in den nächsten Jahrzehnten weiterhin in ihren bisherigen Lebensräumen auf der Erde existieren können? Was sich in der Biosphäre in New Mexico ereignete, spiegelt in vielerlei Hinsicht die aktuelle Klimakrise wider. So gilt El Niño als eines der durch den Klimawandel forcierten Kippelemente, also jener überregionalen Bestandteile des Erdsystems, die eine bestimmte Schwelle nicht überschreiten dürfen. Im „Biosphere 2“-Projekt zeigte sich, welche Konsequenzen das haben kann. Ohne Sauerstoff kann die Menschheit nicht überleben.

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