Bob Ross: Glückliche Unfälle, Betrug und Gier

Dokumentarfilm | USA 2021 | 92 Minuten

Regie: Joshua Rofé

Dokumentarfilm über den US-Maler und Fernseh-Star Bob Ross (1942-1995), der mit seiner Tele-Malkurs-Serie „The Joy of Painting“ (1983-94) als Kreativ-Guru zu einem Kultphänomen wurde. Der Film spannt den biografischen Hintergrund des „Do-it-Yourself“-Malers auf und gibt Informationen über die spezifische Maltechnik seiner naiv-postimpressionistischen Landschaften preis. Daneben gibt er an, jenseits der sympathischen Fassade Ross’ auch auf die Schattenseiten seines Geschäftsimperiums blicken zu wollen, die sich allerdings als reichlich trivial erweisen. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
BOB ROSS: HAPPY ACCIDENTS, BETRAYAL & GREED
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Joshua Rofé
Buch
Joshua Rofé
Kamera
Ronan Killeen
Musik
H. Scott Salinas
Schnitt
Allan Duso
Länge
92 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Dokumentarfilm

Ein Dokumentarfilm über den Do-it-Yourself-Maler Bob Ross, der mit seiner Fernseh-Mal-Show „The Joy of Painting“ zum Star wurde.

Diskussion

„Während ich mit leichten Kreuzstrichen mit dem guten alten 5-Zentimeter-Pinsel anfange, den Himmel in ein helles Blau zu tönen, blenden wir noch kurz die heutigen Farben ein, die Sie für das Bild benötigen, was wir heute zusammen malen.“ Zuvor hat der schlanke Herr mittleren Alters mit der eigentümlich aus dem Rahmen fallenden, weil überdimensionierten Afrofrisur die 45 auf 60 Zentimeter große Leinwand mit einer hauchdünnen, gleichmäßigen Schicht von „Liquid White“ behandelt.

Es ist immer dasselbe Prozedere, mit dem Bob Ross seine halbstündige TV-Show einleitet. Kein großes Tamtam, nur eine kurze, eingängige Erkennungsmelodie, die mit Percussion und Gitarre eine marginale Titelanimation begleitet. Ein heiteres „Welcome back!“, die zu füllende Leinwand rechts, Bob Ross mit Palette und Pinsel links in die Kamera lächelnd, die eingeblendeten Farben, das geheimnisvolle „Liquid White“ – und schon geht es los… In den folgenden 27 Minuten entsteht eine Landschaft: verwegene Berge, riesige Wolkentürme, alte Bäume, pittoreske Hütten, wuchernde Büsche und plätschernde Bäche im Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Winterdunst. Wenn immer man meint, es kann nicht sein, bilden sich durch sein stoisches Tupfen, Klopfen, Streichen, Kratzen und Wischen aus abstrakten Farbklecksen wundersame Landschaften aus einer unbestimmten, fernen, heilen Welt, in der sich nur ganz selten Vögel am Horizont oder gar Menschen auf weit entfernten Waldwegen abzeichnen.

Langlebiger TV-Kult

„Am liebsten jeden Tag ein Bild“ ist Bob Ross’ Devise. In 31 Staffeln von 1983 bis 1994 kamen in 403 Folgen der Malschul-Show „The Joy of Painting“ immerhin 383 zusammen. Ab und zu gab es einfach zu viel zu erzählen, oder Freunde oder sein Sohn Steve haben gemalt. Lang ist es her, dass Bob Ross im US-amerikanischen Public Broadcasting Service (PBS) zum stillen Superstar avancierte. Alte, angestaubte Fernsehvergangenheit? Mitnichten! Auch wenn der TV-Maler bereits 1995 mit gerade 52 Jahren verstarb, sind er und sein Geist ungebrochen präsent. Sogar in Bevölkerungsschichten, die freiwillig nie einen Pinsel in die Hand nehmen, geschweige denn öffentlich-rechtliches Fernsehen sehen würden. Wie sonst hätte es zu einem Teasertrailer kommen können, in dem Ryan Reynolds im „Deadpool“-Outfit, aber mit Bob-Ross-Frisur ein Bild malt?

Bob Ross ist ein Phänomen. In aller Welt, auf allen Kanälen – in Deutschland kann man seit 2018 täglich morgens und tief in der Nacht auf dem Spartenkanal „ARD-alpha“ linear oder wann immer man möchte in der Mediathek „The Joy of Painting“ folgen. Und zwar im englischen Original ohne Untertitel, damit nichts seinen Strich und seine suggestiv-sonore Stimme stört. Wie kann das sein? Ist es eine Sekte? Ist es eine Droge? Ist es pures Glück?

Dieses Mysterium könnte „Bob Ross: Glückliche Unfälle, Betrug und Gier“ lüften, ein bei Netflix erscheinender Dokumentarfilm über Leben und Werk des Master Sergeants, der von der US-Airforce nach Alaska versetzt wurde, wo er neben der Landesverteidigung vor allem die Schönheiten der Natur kennenlernte, um dann irgendwann – zurück in Florida – mit dem Malen zu beginnen. Regisseur Joshua Rofé beginnt mit dem üblichen biografischen Überblick über seinen Betrachtungsgegenstand: Kindheit, Familie, Militär, Ehe und dann diese unglaubliche Karriere. Man lernt das Geheimnis des wundersamen „liquid white“ kennen, das als Grundierung Ross’ „Nass-in-Nass“-Maltechnik möglich machte, ohne die die Farbverläufe seiner naiv-postimpressionistischen Landschaften nicht möglich wären. Man erfährt, dass Bob Ross auch mal normale Haare hatte, bevor er sich der Dauerwelle ergab, um seinen für einen Weißen etwas seltsamen Look zu kreieren.

Schattenseiten hinter der Bilderbuchkarriere

Allerdings deutet die Inszenierung auch schon früh an, dass es in dem Film nicht zuletzt auch um die Schattenseiten von Bob Ross’ Karriere gehen wird: Dessen Sohn Steve Ross, mit dem Bob eine enge, auch künstlerische Nähe verband, erscheint in einer Sequenz noch vor dem Vorspann fast wie ein gebrochener Mann, als er offenbart, nur schweren Herzens über dunkle Geheimnisse berichten zu wollen, die die glücklichen Malstunden seit jeher umgeben haben. Es geht also auch um eine Art Enthüllungsjournalismus – der sich dann allerdings als etwas arg dünn entpuppt: Freunde um Steve Ross raunen von Liebesaffären, die der Maler mit leitenden Angestellten seines stetig wachsenden Imperiums gehabt habe. Und dann sind da noch Anschuldigungen gegen die Kowalskis, jenes Ehepaar, das sich um die Geschäfte hinter „The Joy of Painting“ kümmerte, sie schließlich dominierte und immer mehr Besitz von der Mal-Community um den kränkelnden Künstler ergriff. Bettgeschichten und skrupellose Geschäftemacher im Hintergrund – das sind die höchstens für Sohn Steve, der nicht an dem Millionenvermögen der Bob Ross Inc. partizipieren konnte, tragischen Geheimnisse, die die Doku „enthüllt“ – da ist man als Fan eher erleichtert, dass Bob Ross kein Kinderschänder oder Frauenschläger war. Heutzutage kann man ja nie wissen!

Bedauerlich ist eher, dass der Film zu viel Zeit mit dieser wenig relevanten schmutzigen Wäsche verbringt, und zu wenig, um dem Kultphänomen des „Jeder-ist-ein-Künstler“-Propheten nachzuspüren, der zwischenzeitlich für eine bunte Revolution in den Hobbyräumen des US-amerikanischen Kleinbürgers sorgte. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wo all die originalen Ross-Gemälde jetzt hängen, oder wie es sein kann, dass selbst heutige Zuschauer beim Anschauen der TV-Malstunden von dem beglückenden Zustand der Tiefenentspanntheit schwärmen, in die Ross’ sanfte Stimme und die Schritt für Schritt verfolgte Malerei sie versetzt.

Beobachtungen zu der nachhaltigen Ausstrahlung von „The Joy of Painting“ sind in „Bob Ross: Glückliche Unfälle, Betrug und Gier“ denn auch wesentlich interessanter als die angeblichen Enthüllungen. Wenn sich zum Beispiel eine Gruppe Fans im „Bob Ross“-Outfit zum Massenmalen trifft. Nein, es ist keine „Bob Ross“-Sekte entstanden, und Farben, Pinsel und Puzzle mit seinem Konterfei sind auch nach seinem Tod nichts Verwerfliches. Hauptsache, man malt ein Bild, rettet einen Vogel und lebt ein redliches Leben. In diesem Sinne: „We wish you happy painting and God bless, my friend!“

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