Komödie | USA/Frankreich 2021 | Minuten

Regie: Julie Delpy

Vier beste Freundinnen um die fünfzig, die in Los Angeles leben, stecken in der Midlife-Crisis: Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie hadern sie mit sich, ihren Männern und Kindern genauso wie mit ihren Geliebten oder ihrem Berufsalltag. Eine Sitcom mit spielfreudigem Darstellerensemble, frivol-bissigen Dialogen sowie bizarrer Situationskomik. Neben einem hohen Unterhaltungsfaktor bietet die kurzweilige „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“-Variation im Subtext auch kluge Reflexionen über neue Mütterrollen und dysfunktionale Familienmodelle. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ON THE VERGE
Produktionsland
USA/Frankreich
Produktionsjahr
2021
Regie
Julie Delpy · Mathieu Demy · David Petrarca
Buch
Julie Delpy · Alexia Landeau · Emily Ryan Lerner
Kamera
Nicole Hirsch Whitaker
Schnitt
Liza Cardinale · Fabienne Bouville · Sam Seig
Darsteller
Julie Delpy (Justine) · Sarah Jones (Yasmin) · Alexia Landeau (Ell) · Elisabeth Shue (Anne) · Giovanni Ribisi (Jerry)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Komödie | Serie

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs in L.A.: eine Sitcom um vier Freundinnen um die fünfzig von und mit Julie Delpy.

Diskussion

Los Angeles, kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie: Vier Frauen um die fünfzig, Mütter und beste Freundinnen, stecken mitten in der Midlife-Crisis. Verbunden mit den Urfrage: Wer bin ich? Und in Julie Delpys ebenso offenem wie erfrischendem Inszenierungsstil, der die zwölf Episoden von „On the Verge“ leitmotivisch durchzieht, stellt sich damit auch die Frage: Wie komme ich in meiner zweiten Lebenshälfte noch einmal aus diesem ganzen Schlamassel heraus? Und ist es nicht längst Zeit für einen radikalen Neuanfang als Frau wie als Mutter und erst recht als Sexualpartnerin, die im heiter-hektischen Familienalltag langsam erstickt?

Denn im täglichen Spagat zwischen eingerostetem Eheleben, anstrengender Kindererziehung, neuen beruflichen Herausforderungen und viel zu geringer Freizeit versuchen die Frauen, irgendwie alles unter einen Hut zu bekommen, was allerdings nur selten gelingt. Während sich etwa im hektischen Leben Justines (Julie Delpy) als erfolgreicher, aber permanent überarbeiteter Chefköchin des Edelrestaurants „Chez Juste“ jeden Tag alles um Genuss, Topqualität, Service und einen möglichst hohen Wohlfühl-Faktor dreht, wartet auf sie zu Hause am Ende ihr chronisch misanthropischer und arbeitssuchender Ehemann Martin (Mathieu Demy). Der feiert sich selbst als unverstandenes Architekturgenie und würde Justines inkontinenten Kater am liebsten sofort vom Tierarzt einschläfern lassen, was aber auch gegen den Strich ihres hochintelligenten Kindes (Christopher Convery) gehen würde, das den Amerikanern Alltagsrassismus vorwirft und sich große Sorgen um den Planeten macht.

Zwischen Männern, Au-pair-Mädchen und aufmüpfigen Kindern

Bei Justines Freundin Anne (Elisabeth Shue), die als Designerin aus einer wohlhabenden Familie stammt und immer noch von ihrer Mutter finanziell unterstützt wird, kriselt es dagegen schon gewaltig: Kurzerhand setzt sie ihren Mann George (Troy Garity) mitsamt Möbeln vor die Tür und flirtet stattdessen, wenn sie mittags schon high ist, am Strand mit gleichaltrigen Surfern, ehe sie sich um ihr notorisch missgelauntes Au-pair-Mädchen Gretchen aus Deutschland kümmert, das trotz Schwangerschaft keinen Schritt freiwillig vor die Tür geht und seine Zeit in erster Linie mit dem Smartphone und in kindlichen Ganzkörperanzügen totschlägt.
Ihre dunkelhäutige Freundin Yasmin (Sarah Jones), die persische Wurzeln hat und früher als Spionin für den US-Geheimdienst gearbeitet hatte, wird dagegen von immer stärkeren Panikattacken befallen, die ihr massive Probleme bereiten. In ständiger Sorge um die Zukunft ihres Sohnes Orion (Jayden Haynes-Starr), gerät sie obendrein auch mit ihrem Mann William (Timm Sharp) in zusätzliche Konflikte.

Im Leben von Justines engster Freundin Ell (Alexia Landeau) herrscht dagegen jeden Tag komplettes Chaos. Mit ihren drei aufmüpfigen Kindern Sarah (Daphne Albert), Oliver (Duke Cutler) und Kai (Kai To), die von drei Männern stammen, welche sie aber nur partiell unterstützen, versucht die schlecht bezahlte Ex-Innenarchitektin aus purer Not, via Youtube durchzustarten, und gründet dafür eine eigene Talentagentur: peinliche Kindercastings und wilde Guerilla-Filmemacherinnen-Methoden inklusive.

Gestresste Großstadtfrauen kämpfen um Selbstverwirklichung

„Ich habe das Gefühl, dass es dem Feminismus nicht gelungen ist, das Konzept der Mutterschaft zu integrieren. Vor allem in Amerika mussten sich viele Frauen zwischen Mutterschaft und Karriere entscheiden. Ich wollte Frauen jenseits der vierzig in einer Serie auf eine ganz andere Weise präsentieren. Ich zeige zum Beispiel, wie unanständig sie untereinander sein können, wenn sie über ihre Männer, Sex und ihre Beziehungen oder Karrieren sprechen.“ Die 1969 geborene franko-amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Julie Delpy hatte sich als Showrunnerin für ihre erste Netflix-Serienprodiktion „On the Verge“ in der Tat viel vorgenommen. Obwohl sie darin als Hauptdarstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin mehrerer Episoden in Personalunion fungiert, funktioniert ihr cleverer Blick auf gestresste und um Selbstverwirklichung und Neuanfänge kämpfende Großstadtfrauen um die Fünfzig zugleich als glänzendes Schauspielerinnen-Husarenstück.

Denn in „On the Verge“ haben von der ersten Folge an allein die Frauen die Hosen an, sodass sowohl ihre Männer, Geliebten, Kinder, Rivalen oder Haustiere en gros lediglich als Sparringpartner für ein Arsenal an frech-frivolen Dialogen dienen und das gesamte dramaturgische Konzept dieser ebenso bissigen wie leichtfüßigen Sitcom aus einer bewusst femininen und autobiografisch gefärbten Perspektive stammt.

Eine herrlich absurde Serie über alte und neue Mütterrollen

 Mit manchmal oberflächlichen, aber überwiegend unterhaltsamen Culture-Clash-Comedy-Bausteinen sowie inszenatorischem Mut zu Antiprüderie und exzentrischem Klamauk gelingt Julie Delpy eine herrlich absurde Serie über alte und neue Mütterrollen, dysfunktionale Familienmodelle und feminine Sehnsüchte, die sich in der Summe mehr an Almodóvars „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ als an „Sex and the City“, „Desperate Housewives“ oder „Workin’ Moms“ orientiert und gerade in ihrer waghalsigen Mixtur aus Drastik, Melancholie, Satire und Ironie mehrheitlich überzeugt.

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