Coming-of-Age-Film | Frankreich 2021 | 289 (8 Folgen) Minuten

Regie: Alexandre Castagnetti

Im Jahr 1963 wird auf dem bisher Jungen vorbehaltenen „Lycée Voltaire“ in der französischen Provinz die Koedukation von Jungen und Mädchen eingeführt; die Reaktionen darauf, als zum neuen Schuljahr erste Schülerinnen an die altehrwürdige Erziehungsanstalt kommen, sind kontrovers, und die Präsenz der Mädchen sorgt für allerlei Verwirrung und Spannungen. Die Serie kreist um diverse Schüler, Lehrer und Eltern und ihre Haltungen und Entwicklungen im Zuge der Veränderung. Dabei wandelt die Serie zunächst eher klamaukig in den Spuren alter Pennäler-Komödien, nimmt aber in den späteren Folgen, die als kritisches Gesellschaftspanorama auch den Anschluss an zeitgenössische Diskurse suchen, dramaturgisch an Fahrt auf. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MIXTE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2021
Regie
Alexandre Castagnetti · Edouard Salier
Buch
Marie Roussin
Kamera
Marie Spencer · Mathieu Plainfossé · Martial Schmeltz
Musik
Fred Avril
Schnitt
Julien Perrin · Sarah Anderson · Cyril Nakache · Olivier Gajan
Darsteller
Pierre Deladonchamps (Paul Bellanger) · Nina Meurisse (Camille Couret) · Baptiste Masseline (Jean-Pierre Magnan) · Léonie Souchaud (Michèle Magnan) · Maud Wyler (Jeanne Bellanger)
Länge
289 (8 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Historienfilm | Serie

Französische Serie über die Umbruchszeit der 1960er-Jahre: Als in Frankreich die Koedukation von Jungen und Mädchen im Schulsystem Einzug hält, wird 1963 das bisher Jungen vorbehaltene Lycée Voltaire durch die Ankunft einer Handvoll Mädchen erschüttert.

Diskussion

Es gibt flache Witze mit Widerhaken, seichte Songs mit unvergesslichem Refrain – und offenbar auch Serien, die als rechter Klamauk beginnen und sich dann steigern zu sehenswerter, origineller Unterhaltung mit Period-Drama-Touch. Ein solcher Fall ist die Amazon-Originals-Produktion „Voltaire High – Die Mädchen kommen“ (weniger albern in hintersinniger französischer Schlichtheit: „Mixte“) von Marie Roussin (Drehbuch) und Alexandre Castagnetti (Regie). Der verspielte Titel führt dabei leicht auf die falsche Fährte.

Frankreich, 1963: Der Gaullismus mit seinem kulturkonservativen Gesellschaftsbild regiert, doch zumindest in der Schullandschaft tut sich was. Das traditionsreiche und elitäre Lycée Voltaire, ein reines Knabengymnasium in der Provinz, beschließt, zum neuen Schuljahr auch eine Gruppe Mädchen aufzunehmen. Die Meinungen über Chancen und Risiken dieses Schritts hin zur modernen Koedukation spalten die Eltern- und Lehrerschaft. Während der jupitergleiche Rektor (François Rollin) sich allgemein-wolkig äußert und alles an seinen jungen, doch seltsam gehemmt wirkenden Vize Paul Bellanger (Pierre Deladonchamps) delegiert, positioniert sich der alte Lateinlehrer (Gérald Laroche) offen kritisch, ebenso wie zum Beispiel Gérard Magnan (Christophe Kourotchkine), der Vater von Jean-Pierre (Baptiste Masseline) und Michèle (Léonie Souchaud), er zugleich Primus und Gangleader seines Jahrgangs, sie als eine der ersten neuen Schülerinnen neugierig auf alles, was da kommen mag.

Die Pubertät der westlichen Nachkriegszivilisation

Bei der Parade alter und junger Lehrer und Schülerinnen, Wiederkehrer und Neuzugänge am ersten Schultag und bei ihren sehr dialogbetonten Diskursen zur Sache stellt sich sofort die Frage nach der historischen Akkuratesse; am besten sieht man also die Serie mit einem Mitglied der älteren Generation, die derlei Verhältnisse noch am eigenen Leib erfahren hat – das verspricht spannende Familienunterhaltung. Auf jeden Fall wird der Film als das ästhetische Leitmedium der Ära etabliert; Marilyn Monroe und Alain Delon heißen die Stars am Himmel der Jugendzimmer, in die man Einblick erhält. Andere Generationen – ähnliche Probleme: Schnell wird klar, dass die Eltern und Lehrerinnen und Lehrer mindestens ebenso große Schwierigkeiten mit der ungewohnten Situation haben wie die Schülerschaft, die sich nach anfänglichem verklemmten Gekichere und einiger Großtuerei eigentlich recht schnell arrangiert.

Die koedukative Konfrontation führt – so die Fundamentalthese der Serie – allüberall zu einer (heilsamen) Krise im Blick auf die eigene Körperlichkeit; mit den Frauen kommt modernes Leben und Denken, aber auch der Flirt, die Verführung und – oh, Schreck! – die Sexualität ins (Schul-)Haus – etwas schlicht argumentiert, doch plausibel. Wir werden in „Voltaire High – Die Mädchen kommen“ Zeugen der Pubertät zugleich der westlichen Nachkriegszivilisation wie der meisten Protagonisten der Serie. Und wenn Sie immer schon einmal genauer wissen wollten, was ein „hängender Höhepunkt“ ist – Michèle klärt Sie im Sinne des Serien-Untertitels auf, mehrfach!

Zeitgenössische Themen und Motive sorgen für dramaturgische Steigerung

So weit, so sehr aus dem Geiste etwa der nachkriegsdeutschen „Pauker“-Filme. Die Serie verfiele dem Verdikt der Beliebigkeit im Strom des unterhaltungsindustriellen Amazon-Angebots, würde sie nicht im weiteren Verlauf der Folgen durch geschickte Integration zeitgenössischer Themen und Motive eine deutliche dramaturgische Steigerung erfahren. Je stärker auf die Befindlichkeit der Erwachsenenwelt fokussiert wird, desto größere Fallhöhe erreichen die verhandelten Konflikte; davon profitieren dann auch die Geschichten rund um die Jugendlichen – wie etwa die tragisch grundierte der hochbegabten Annick (Lula Cotton-Frapier). Historisch werden die für Frankreich so bedeutsame Algerien-Krise und natürlich das traumatisierende Kennedy-Attentat hintergründig verhandelt und in ihren Auswirkungen auf Jung und Alt gezeigt.

Mit Mme/Mlle Couret (Nina Meurisse), der neuen Englischlehrerin, kommt eine unabhängige, geschiedene Frau ins Spiel, vor allem in das von Bellanger, der mit seiner lesbischen Frau Jeanne (Maud Wyler) eine Scheinehe führt. Dass jene dann doch wieder einmal die Rolle einer „other woman“, einer Geliebten und Projektionsfläche für jeglichen Eskapismus, annehmen muss, erweist die Grenzen der Freiheit mehr der geschilderten Gesellschaft als der Gestaltungsmacht der Serie. Der Blick in eine Welt jenseits von Heteronormativität und binärer Geschlechterkodierung wird jedenfalls tapfer getan. Für eine so subtile Behandlung, wie sie das ebenfalls in den 1960er-Jahren spielende Serienepos „Mad Men“ aufgeboten hat (welches hier ein-, zweimal diskret zitiert wird), reichen die acht kurzen Folgen freilich nicht aus.

Es bleibt am Ende ein vages Gefühl der Uneinheitlichkeit zurück. Zu schnell zu viel will die Serie in ihrem Erzählfuror vermitteln und erreichen. Sie scheint als Unterhaltungsposse des Pennälergenres zu beginnen, wandelt sich dann aber in ein kritisches Gesellschaftspanorama, das diskursiv ernst genommen werden will. Sie führt in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eine (zu) große Menge an originellen Figuren ein, die jedoch nicht alle gleichermaßen gut choreographiert werden können. Ihr festliches Happy End werden manche als gerechtfertigt und befriedigend, andere hingegen als erpresste Versöhnung empfinden. Kurz: im guten wie im weniger guten Sinne – „mixte“.

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