Spionagefilm | USA/Großbritannien/Deutschland/Italien 2021 | 83 Minuten

Regie: Abel Ferrara

Ein amerikanischer Elite-Soldat versucht, seinen Zwillingsbruder in Rom aufzuspüren, da dieser als einziger einen potenziell apokalyptischen Terroranschlag verhindern könnte. Der zu Zeiten des Covid-19-Lockdowns in Rom gedrehte Thriller entwirft eine Art Post-Cyberpunk-Ästhetik, die das Digitale auf faszinierende Weise in die Texturen und Oberflächen der Welt einschreibt. Zugleich baut der Film eine der Komplexität dieser Ästhetik komplett zuwiderlaufende, von Dystopie- und Agenten-Klischees strotzende, kryptische und durchweg einfältige Geschichte vom Ende der Welt auf. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ZEROS AND ONES
Produktionsland
USA/Großbritannien/Deutschland/Italien
Produktionsjahr
2021
Regie
Abel Ferrara
Buch
Abel Ferrara
Kamera
Sean Price Williams
Musik
Joe Delia
Schnitt
Leonardo Daniel Bianchi · Stephen Gurewitz
Darsteller
Ethan Hawke (J.J. / Justin) · Cristina Chiriac (Lachende russische Agentin) · Phil Neilson (Phil) · Valerio Mastandrea (Luciano) · Dounia Sichov (Ernste russische Agentin)
Länge
83 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Spionagefilm | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
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Ein kryptischer, dystopischer Agenten-Thriller von Abel Ferrara, entstanden als Reaktion aufs Pandemie- und Lockdown-Jahr 2020.

Diskussion

Die Welt – gemeint ist damit die tatsächliche, fühlbare und tastbare analoge Welt – ist abgeriegelt. Vom Militär versperrte, desinfizierte Straßen, Infrarotthermometer, von Masken verhüllte Gesichter – die Lockdown-Maßnahmen haben alle Begegnungen, jeden Kontakt fest im Griff. JJ (Ethan Hawke) ist einer von wenigen, die sich bewegen können, innerhalb dieses zur Dystopie weitergesponnenen Ausnahmezustands, der den Ablauf jeder menschlichen Interaktion zu diktieren scheint. Dabei ist JJs Welt das notwendige Etwas, das es braucht, um die Realität dieses Films in eine Dystopie des digitalen Totalitarismus zu verwandeln. JJs Welt ist der „War on Terror“: geheime Ferngespräche, Datenträger, Videos, Waterboarding. Abel Ferraras „Zeros and Ones“ bringt mit Pandemie und dem Nachbeben von 9/11 nicht nur die großen Erschütterungen der westlichen Zivilisation im 21. Jahrhundert zusammen, sondern auch – und das ist vielleicht noch bedeutender – die stillgestellte analoge Welt und die in der Paranoia aufblühende digitale.

Digitaler Raubbau an der Schönheit Roms

Der eigentliche Film passiert dabei primär an der Oberfläche, an den Texturen der Straßen, an antiken Mosaiken; an den Lichtern und den Brunnen der Stadt, die allesamt mit Pixeln vermengt und verklebt werden. Digitale Fragmente überschreiben analoge Muster, die Jahrtausende überdauernde Klarheit der Steinmuster wird zum verschwommenen Fragment-Gewirr, Wasser wird zum Testbild. Die Bilder von Kameramann Sean Price Williams zeichnen die dystopische Entwicklung mit ästhetischer Brutalität nach. Hinter dem digitalen Raubbau an der Schönheit Roms ist der Lockdown zu erkennen, den die italienische Hauptstadt zu Beginn der Covid-19-Pandemie erlebte. Die Straßen sind geräumt, Kontakte untersagt, das Digitale zur primären Kommunikationsform aufgestiegen.

Die gesamte Oberfläche des Thrillers wird in einen verpixelten und desinfizierten Abgrund gezogen, sogar der einzige Kuss des Films wird von zwei Vlies-Masken erstickt und desinfiziert. „Zeros and Ones“ entwirft eine Art Post-Cyberpunk-Ästhetik, in der das Digitale notwendigerweise den Rausch bietet, der im analogen Leben verstellt wurde.

Eine kryptische Agenten-Story

Jenseits der Komplexität, die auf Oberflächen des Films zu finden ist, steht allerdings kein ausgefeiltes Dystopie-Narrativ, sondern ein so einfältiger wie kryptischer Thriller. Ethan Hawke hastet als verlotterte Version eines Elite-Soldaten durch die leeren Straßen Roms, um das zu verhindern, was der Film als eine Art weltvernichtenden Terroranschlag andeutet. Nicht mehr im Gewand der Rolle, sondern als er selbst gibt Hawke, vor einer Webcam sitzend, auch den Prolog und Epilog zum Besten, in dem er „Zeros and Ones“ einen Film über 2020 nennt und gleichzeitig eingesteht, ihn nicht wirklich verstanden zu haben.

Die Meta-Ebene umschreibt den Film dazwischen tatsächlich ganz gut. Denn die Dystopie, die Ferrara aus dem über Rom verhängten Lockdown von 2020 weiterdenkt, ist ein lautes Dröhnen, das nie einen Rhythmus oder eine Harmonie entwickelt.

Die Geheimnisse, die der JJ genannte Soldat auf den Spionage-Aufnahmen sieht, saufen im Schwarz der Pixel ab, sein Informant ist eine moderne Version von Diogenes in der Tonne – nicht weniger skurril als die dazugehörige Handlung. Die führt JJ mit einem Camcorder in den verwaisten Vatikan, wo er etwas filmen soll, was aussieht wie ein Anschlag, um kurz darauf gefangen und zum Sex mit einer fremden Agentin gezwungen zu werden (eine Tat, die ebenfalls mit einem Camcorder gefilmt wird). Seine eigentliche Aufgabe ist es, seinen für eine Art sozialistische Gegenseite arbeitenden Zwillingsbruder ausfindig zu machen, der als einziger das durch einen Terroranschlag eingeleitete Ende der Welt verhindern kann.

Filmgewordener Informationskrieg

Das enorme Ungleichgewicht zwischen dem kryptischen B-Movie-Blödsinn und der dazugehörigen, ausgefeilten Digitalästhetik lässt sich nur dann zusammendenken, wenn man „Zeros and Ones“ als Kino der Überwältigung liest; als Film gewordenen Informationskrieg, der die geopolitischen Umwälzungen des „War on Terror“ und den Schrecken der Pandemie zu einem hemmungslos albernen, klischierten und tristen Thriller zusammenklatscht und die Dystopie mit der Brutalität seiner Ästhetik ins Digitale verschiebt. Eine schwer verdauliche Kombination, von der nicht ganz klar ist, ob sie einen Platz als Schlüsselfilm des Pandemiekinos oder in der Grabbelkiste der B-Movie-Thriller verdient hat. Wahrscheinlich beides.

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