The Billion Dollar Code

Drama | Deutschland 2021 | 267 (vier Folgen) Minuten

Regie: Robert Thalheim

Eine auf wahren Ereignissen beruhende Miniserie um zwei deutsche Computerpioniere, die in den 1990ern einen bahnbrechenden Algorithmus entwickeln und rund zwanzig Jahre später gegen das Unternehmen Google, das auf Basis dieses Algorithmus Google Earth entwickelt und daraus ein Millionengeschäft gemacht hat, wegen Patentverletzung zu Felde ziehen. Auf zwei Zeitebenen treffen ein süffiges Zeitbild der 1990er-Jahre und ein kammerspielartiges Justizdrama aufeinander. Von der Hackerszene im Nachwende-Berlin über die idealistische Welt des frühen Silicon Valley bis hin zur harten Realität eines Multi-Millionen-Dollar-Prozesses erzählt der Vierteiler von Freundschaft und Loyalität, von Kunst und Kommerz und von der Frage nach Gerechtigkeit im digitalen Zeitalter. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Robert Thalheim
Buch
Oliver Ziegenbalg
Kamera
Henner Besuch
Musik
Uwe Bossenz · Anton Feist
Schnitt
Stefan Kobe
Darsteller
Mark Waschke (Carsten Schlüter) · Misel Maticevic (Juri Müller) · Leonard Scheicher (Junger Carsten) · Marius Ahrendt (Junger Juri) · Lavinia Wilson (Lea Hauswirth)
Länge
267 (vier Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Gerichtsfilm | Serie

Eine auf wahren Ereignissen beruhende Miniserie um zwei deutsche Computerpioniere, die in den 1990ern einen bahnbrechenden Algorithmus entwickeln und rund zwanzig Jahre später gegen das Unternehmen Google wegen Patentverletzung zu Felde ziehen, das auf Basis dieses Algorithmus Google Earth entwickelt hat.

Diskussion

Oh, diese Zeit, zu der alles möglich schien! Berlin, Germany, kurz nach der Wende. Anarchie und Potenzial, unbändige (und ungebändigte) Kreativität und ungeklärte Eigentumsrechte allerorten. Es waren die Jahre, als die Erde plötzlich grenzenlos und alles erreichbar erschien und es kaum mehr einen Unterschied gab zwischen drinnen und draußen. Man experimentierte tagsüber in okkupierten Räumen des „Chaos Computer Clubs“, spann Ideen weiter an der Dönerbude auf einer Baubrache, und nächtens gab’s den besten Techno der Welt, die Jungs legten Kajal auf und versuchten, die Mädels mit Einladungen zu Vernissagen von Vilém Flusser rumzukriegen… Zumindest wenn wir den Erinnerungen von Carsten Schlüter (als junge Version in den 1990ern: Leonard Scheicher/später in den 2010er-Jahren: Mark Waschke) und Juri Müller (Marius Ahrendt/Misel Maticevic) Glauben schenken wollen, die in Oliver Ziegenbalgs (Drehbuch) und Robert Thalheims (Regie) vierteiliger Serie „The Billion Dollar Code“ nach wahren Begebenheiten und auf zwei Zeitebenen gemeinsam zurückblicken (müssen), weil sie sich auf den Prozess ihres Lebens vorbereiten – in den USA, gegen Google Inc.

Der Kunststudent und der Computernerd

Die beiden waren um 1993/94 vitaler Teil der Berliner Szene von alles durchdringender Kunst, gesellschaftlicher Rebellion, technologischem Optimismus (gar Naivität) und kreativen Kollektiven, die bereits den Charakter von Proto-Start-ups trugen. Schlüter beginnt als Kunststudent, Müller ist eher der Tüftlertyp, der Computernerd. Die Firma, die sie gründen, nennen sie also ART+COM.

Gemeinsam entfesseln die Freunde ein enormes kreatives Potenzial, und mit einem bunt zusammengewürfelten Team entwickeln die „German geniuses“ (wie sie später genannt werden sollten) schließlich einen Algorithmus, der – kombiniert mit Softwareoberfläche und Hochleistungsgrafikkarte – eine völlig neuartige Computeranwendung bildet, die die Erde aus der Vogelschau zeigt und durch stufenloses Zoomen jeden beliebigen Ort ansteuern und abbilden lässt: „Terravision“. In der Darstellung moderner, technischer Kreativität, der Träume und Ideale der Truppe sowie beim Jonglieren mit der Begrifflichkeit des anbrechenden digitalen Zeitalters ähnelt die Serie übrigens einem hierzulande zu wenig beachteten US-Vorläufer („Halt and Catch Fire“ von 2014).

Einladung ins Mekka der digitalen Welt

Auch die revolutionärsten Ideen brauchen zu Beginn Risikokapital zu ihrer Verwirklichung, und so tut sich die kleine Firma nolens volens mit den Bürohengsten der Deutschen Bundespost Berlin (heute: Telekom) zusammen, um ihre kostspielige Entwicklung zu perfektionieren und noch im gleichen Jahr auf der größten Branchenkonferenz ITU in Kyoto zu präsentieren. Hier erregt Terravision erstmals internationale Aufmerksamkeit, und das Team Schlüter/Müller erntet eine Einladung ins Mekka der digitalen Welt: Silicon Valley. Zunächst setzt sich für sie die ewig rauschende Party fort, doch die gleißende Sonne Kaliforniens lässt nicht nur ihren neuen Bekannten, den überenthusiastischen Brian Anderson (Lukas Loughran), in zu gutem Licht erscheinen, sondern zeigt auch erste Risse im Freundschaftsgefüge von Juri und Carsten allzu deutlich auf. Juri glaubt sich zum ersten Mal wirklich unter seinesgleichen und will bleiben; Carsten denkt an die Firma in Berlin, die er weiter entwickeln möchte.

Dies wird ihm schwergemacht durch allerlei Widerstände technischer wie zwischenmenschlicher Natur, ART+COM hat Abgänge zu verkraften, und eines Tages annonciert Google ein neues Produkt – Google Earth –, das nach verdächtig ähnlichen Prinzipien funktioniert wie Terravision; verantwortlicher Entwickler: Brian Anderson. Nach einem fruchtlosen Besuch Brians in Berlin (man kann sich weder auf Patentzahlungen noch auf eine Kooperation einigen) bricht seine schmeichelhafte Kommunikation gänzlich ab, und ein langwieriger Rechtsstreit vor einem US-Gericht nimmt seinen Anfang. Die Freundschaft von Carsten und Juri zerbricht daran vollends, letzterer zieht sich in seinen Geburtsort Budapest zurück.

Ein Prozess als Therapie

Nahezu die Hälfte der Serie (weite Strecken der Episoden 3 und 4) ist nun als kammerspielartiges Justizdrama aufgebaut, in welchem beide Protagonisten mithilfe gewiefter Anwälte (Lavinia Wilson, Seumas F. Sargent) versuchen, zu ihrem Recht, zur Anerkennung ihrer Lebensleistung sowie zu einer angemessenen finanziellen Kompensation zu gelangen. Gleichzeitig lässt sich dieser Teil aber auch als Studie der verschiedenen professionellen Mentalitäten in Deutschland und den USA auffassen und der Prozess als Therapie, insbesondere für den tief verletzten Juri, der noch einmal Brian Anderson gegenüberstehen muss.

Der Ausgang des Falls ist Geschichte – leider, möchte man hinzufügen. „The Billion Dollar Code“ beginnt stark mit einem innovativen, komplexen Sujet, integriert gut die historischen Rückblicke und die sehr nostalgischen Aufnahmen aus dem Berlin der frühen 1990er-Jahre (ein paar Einblendungen zur Chronologie hätten noch gutgetan), doch sind die Dialoge vor allem der jüngeren Zeitebene, das allzu karge Setting in Gerichtssälen und in der Folge auch das Spiel der beiden Topdarsteller Waschke und Maticevic allzu bemüht und fast hölzern, um vollends überzeugen zu können. Insbesondere Waschkes ziemlich onkelhafte Erzählerstimme aus dem Off fängt an, ein wenig zu nerven. Dennoch: ein involvierendes Spiel um zwei sympathische Typen und ihren großen Traum, der die Welt ein wenig nahbarer und, vielleicht, besser gemacht hätte. Wer sieht derlei nicht gerne?

 

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