Operation Hyakinthos

Drama | Polen 2021 | 112 Minuten

Regie: Piotr Domalewski

Ein junger Polizist soll in den 1980er-Jahren in Warschau einen Mord in der schwulen Szene in Warschau aufklären. Als der Fall aus offensichtlich politischen Gründen ad acta gelegt wird, ermittelt der idealistisch gesinnte Mann heimlich weiter und entwickelt Sympathien für das Milieu. Ein vor dem Hintergrund der staatlichen Verfolgung Homosexueller in Polen entwickelter Thriller, der in düsterer Noir-Atmosphäre äußerst spannend von Wahrheitssuche und Identitätsfindung in einer politisch wie moralisch repressiven Gesellschaft handelt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HIACYNT
Produktionsland
Polen
Produktionsjahr
2021
Regie
Piotr Domalewski
Buch
Marcin Ciaston
Kamera
Piotr Sobocinski Jr.
Musik
Wojciech Urbanski
Schnitt
Agnieszka Glinska
Darsteller
Tomasz Ziętek (Robert) · Hubert Miłkowski (Arek) · Marek Kalita (Edward) · Adrianna Chlebicka (Halinka) · Tomasz Schuchardt (Wojtek)
Länge
112 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Historienfilm | Krimi

Thriller um einen jungen polnischen Polizisten, der in den 1980er-Jahren in Warschau gegen den Widerstand der Staatsmacht eine Mordserie im schwulen Milieu aufklären will.

Diskussion

Warschau im Jahre 1985. Der junge Ermittler Robert (Tomasz Ziętek) ist noch nicht lange im Polizeidienst, erfährt den Beruf aber schon in all seiner Härte, wenn auf der Straße mit Verdächtigen wenig zimperlich umgegangen wird. Die Methoden der Staatsorgane sind sakrosankt, und auch innerhalb der Polizei sollte man nicht allzu viele Fragen stellen. Denn die untersteht dem Geheimdienst, und der diktierte während des Kriegsrechts von 1981 bis 1983 seine eigenen Gesetze.

„Operation Hyakinthos“ spielt in einer Zeit, in der der Widerstand der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność vorerst niedergeschlagen ist, staatliche Repressionen gegenüber der politischen Opposition, der katholischen Kirche oder alternativen Lebensweisen aber nicht nachgelassen haben.

Der Fall soll ad acta gelegt werden

Das erlebt der Neuling am eigenen Leib. Ein hochrangiges Mitglied der Sozialistischen Partei ist erstochen worden. Offensichtlich pflegte das Opfer Kontakte in die schwule Szene und bezahlte junge Männer für Sex. Prompt führt die Polizei eine Razzia in einer öffentlichen Männertoilette durch, die als Treffpunkt der Szene bekannt ist. Die verhafteten Männer, die meist nicht offen schwul leben, werden auf der Wache verhöhnt, misshandelt und erpresst. Doch Robert, der sich mit rabiaten Methoden zurückhält, findet heraus, dass jüngst ein weiterer schwuler Mann erstochen wurde und will der Sache auf den Grund gehen.

Bereits bei der Razzia hatte er inkognito die schwule Szene infiltriert und dem Studenten Arek (Hubert Milkowski) wichtige Informationen entlockt. Doch dann eskaliert die Lage: Ein zu Unrecht Verdächtigter, mit Gewalt zu einem Schuldbekenntnis gezwungener Mann begeht Selbstmord und wird zum Täter erklärt. Der Befehl von oben lautet, den Fall ad acta zu legen. Doch die Morde hören nicht auf. Robert wittert eine politisch motivierte Vertuschung und recherchiert heimlich weiter. Dabei muss er sich nicht nur vor seinen Vorgesetzten in Acht nehmen, sondern auch seine Enttarnung in der schwulen Szene befürchten. Außerdem stellt er angesichts seiner immer inniger werdenden Freundschaft zu Arek seine (Hetero-)Sexualität zunehmend in Frage.

Die Operation Hyakinthos

Wenn die Polizisten in diesem düsteren Thriller von Homosexuellen sprechen, bezeichnen sie diese abfällig als „Hyazinthen“. Über viele von ihnen existieren längst Akten. Regisseur Piotr Domalewski erzählt damit neben dem Krimiplot gleichzeitig von einer wenig bekannten Episode gesellschaftlicher Verfolgung während der 1980er-Jahre in Polen. Unter dem Vorwand, AIDS und Prostitution zu bekämpfen, führten die Sicherheitsorgane von 1985 bis 1987 eine geheime Massenoperation namens „Оperation Hyakinthos“ durch, mit der eine landesweite Datenbank über Homosexuelle erstellt werden sollte. Etwa 11.000 Menschen wurden erfasst und konnten dadurch von der Geheimpolizei erpresst und zur Zusammenarbeit gezwungen werden.

Der Film „Operation Hyakinthos“ leiht den Opfern dieser menschenverachtenden Aktion ein (fiktives) Gesicht und schildert zudem den hohen gesellschaftlichen und moralischen Druck, den Staat und Bürgerschaft auf ihre Mitglieder ausübten. Jede Form von Individualität war suspekt, politisch, gedanklich, modisch oder sexuell; wer kein beruflich fleißiger Familienmensch war, galt nicht als integer.

Gesellschaftskritik im Gewand eines Thrillers

Zu Beginn entspricht der Protagonist allen Erwartungen. Er ist ein erfolgreicher Jungpolizist, verlobt mit einer schönen Frau, und hat außerdem einen Ausbildungsplatz an der Militärakademie ergattert. Dort werde man ihn zum Mann machen, meint sein Vater, der bei der Geheimpolizei in leitender Stellung arbeitet.

Doch je mehr sich Robert in der schwulen Szene aufhält, desto deutlicher wird ihm das gesellschaftliche und politische Korsett, das ihn als Menschen und Ermittler einschränkt. Im mehrfachen Sinne verliert er seine Unschuld. Auf Partys und in Gesprächen lernt er Lebenswelten und Denkweisen kennen, die nicht den offiziellen Vorgaben entsprechen; er solidarisiert sich immer mehr mit Arek und seinen Freunden und identifiziert sich schließlich sogar mit ihnen.

Auf der anderen Seite ist er aber auch ein engagierter Polizist, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt und nicht der Autorität politisch motivierter Befehle. Doch sobald sich Robert dem blinden Gehorsam entzieht, gerät er in gefährliches Fahrwasser.

Auf diese Weise übt „Operation Hyakinthos“ deutlich Gesellschaftskritik – man kann sie durchaus auch auf die homophoben Auswüchse im heutigen Polen beziehen – und dekliniert gleichzeitig und meist überzeugend alle klassischen Elemente des Thrillers durch. „Оperation Hyakinthos“ ist ein Film noir im wahrsten Sinne des Wortes, denn Tageslicht erblickt man kaum. Alles scheint abends, nachts oder in dunklen Räumen zu spielen. So transportiert der Film metaphorisch eine Atmosphäre der Verheimlichung, Vertuschung und der verborgenen Aktionen, die schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.

Spannende Verfolgungsjagden und Schießereien fehlen nicht, doch sie sind kein Selbstzweck, sondern werden in den Dienst der Geschichte gestellt. Auch die sehenswerten Leistungen der Schauspieler, allen voran die des talentierten Tomasz Ziętek, tragen zum Gelingen des Thrillers bei.

Auf der Suche nach der eigenen Wahrheit

„Оperation Hyakinthos“ ist nicht der erste und auch nicht der letzte Film, in dem sich polnische Regisseure mit der sozialistischen Vergangenheit ihres Landes auseinandersetzen. Filmemacher wie Wojciech Smarzowski haben ihre Geschichten aus diesem 40 Jahre währenden Kapitel teilweise um einiges drastischer inszeniert. Doch Regisseur Piotr Domalewski kommt es weder auf Schockeffekte noch darauf an, dem Publikum eine Geschichtslektion zu erteilen. Ohne sich als moralisch überlegener Spätgeborener zu gerieren, schildert er den Weg des Protagonisten zu seiner eigenen Wahrheit in einem von Gehorsam, Tabus und falscher Tugend geprägten Umfeld.

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