Horror | Südkorea 2021 | 311 (6 Folgen) Minuten

Regie: Yeon Sang-ho

Unerklärliche Engelserscheinungen prophezeien unbescholtenen Bürgern ihren bevorstehenden Tod. Ein Sektenanführer versucht, die übernatürlichen Phänomene für sich zu nutzen., während die Medien zum Schlachtfeld eines Bilderkrieges zwischen religiösen Fanatikern und ihren Gegnern werden. Hoffnungslos überfrachtete und unstrukturierte Action-Serie, die ihre religions- und medienkritischen Ansätze in selten mitreißenden Verfolgungsjagden und Gefechten ertränkt. Nicht ohne inszenatorische Glanzmomente und eine gewisse Atmosphäre, aber auf Dauer zu repetitiv und emotional zu schlicht. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
JIOK
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2021
Regie
Yeon Sang-ho
Buch
Choi Kyu-Seok · Yeon Sang-ho
Kamera
Byun Bong-sun
Musik
Kim Dong-wook
Schnitt
Han Meeyeon · Yang Jinmo
Darsteller
Yang Ik-june (Jin Gyeong-hun) · Yoo Ah-in (Jeong Jin-su) · Kim Hyun-joo (Min Hye-jin) · Won Jin-ah (Song So-hyun) · Park Jung-min (Bae Young-jae)
Länge
311 (6 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Horror | Mystery | Serie

Das jüngste Gericht als Medienspektakel: Eine südkoreanische Horror-Serie, in der höllische Wesen strafend über angebliche "Sünder" kommen, was zu grassierender Fanatisierung, aber auch aufklärerischem Widerstand führt.

Diskussion

Wäre das Jüngste Gericht heute nur ein Medienspektakel? Eine Sammlung von Bildern, Videos und Social-Media-Diskussionen, kurz: Content? Wahrscheinlich würde man lange nicht glauben, was man im Fernsehen und Internet sieht, es für eine Computeranimation halten. Der Heiland ist ein Deepfake, der Teufel ein Hologramm. Die südkoreanische Serie „Hellbound“ von Regisseur Yeon Sang-ho imaginiert eine Art Apokalypse, in der Engel und Dämonen vor allem Teil eines großen Events sind. Untergang auf allen Kanälen, auf Youtube und in den sozialen Medien. Eine Serie über das Wunder im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Ist Gott am Werk, eine höhere Macht, Aliens, Menschen?

Es ist 2022. Unerklärliche Engelserscheinungen prophezeien einfachen Bürgern ihren nahenden Tod und nennen sogar einen konkreten Termin, auf die Minute genau. Ist der Countdown abgelaufen, tauchen wie aus dem Nichts hünenhafte Höllendiener auf, die sie grausam töten. Anschließend verbrennen sie den Körper des Opfers und verschwinden wieder. Stets zugegen: Handy- und Fernseh-Kameras. Propheten predigen das Ende, nicht von Kanzeln, sondern über Livestreaming-Portale. Und ein hysterischer Mob attackiert jeden, der an ihren Worten zweifelt. So stellen sich heute wohl viele die Internet-Öffentlichkeit vor.

Zum ersten Protagonisten wird Polizist Jin Gyeong-hun (Yang Ik-june), der als Teil eines größeren Teams die übernatürlichen Gewalttaten aufklären soll. Bei seinen Ermittlungen stößt er schnell auf die Sekte „Die neue Wahrheit“, angeführt von dem enigmatischen Jeong Jin-su (Yoo Ah-in). Der behauptet, die Angriffe träfen nur Sünder und bezeichnet sie als göttliche „Machtdemonstrationen“. Schockiert muss der Polizist erkennen, dass auch seine Tochter dem Charme des Gurus erliegt. Eine Verbündete findet er in der Anwältin Min Hye-jin, die gegen die „Neue Wahrheit“ und vor allem die fanatische Splittergruppe „Speerspitze“ juristisch vorgeht. Es entbrennt ein Kampf um die Deutungshoheit über die unerklärlichen Phänomene. Ein Bilderkrieg. Viel wichtiger als die Ereignisse selbst ist ihre Interpretation: Ist Gott am Werk, eine höhere Macht, Aliens, Menschen?

Bis zuletzt regiert der Voyeurismus

Die Prämisse erinnert entfernt an die Mystery-Serie „The Leftovers“, in der zwei Prozent der Weltbevölkerung einfach verschwinden. Zuletzt erzählte auch „Messiah“ auf Netflix die Geschichte eines angeblichen Propheten, der vom Nahen Osten ausgehend die Welt missionieren will und schnell zum Medienstar aufsteigt. Zum großen Serien-Hype „Squid Game“ lassen sich ebenfalls Querverbindungen entdecken. Als etwa „Die Neue Wahrheit“ live überträgt, wie eine Mutter von zwei Kindern zur Hölle fährt, nehmen in der ersten Reihe maskierte VIPs Platz. Bis zuletzt regiert der Voyeurismus.

Wo in Yeon Sang-hos Filmen gestochen wird, blutet es Pathos und Familienkitsch. So wie viele harte Actionregisseure neigt auch Yeon Sang-ho zur Sentimentalität. Schon sein großer Hit „Train to Busan“ und der wenig geliebte Nachfolger „Peninsula“ waren voll von melodramatisch ausgeschlachteten Todesfällen. Die vielen göttlichen Strafen sind für ihn vor allem Anlass, rührselige Familienabschiede und grausige Exekutionen zu inszenieren – eine Strategie, die sich schnell abnutzt. Blut und Tränen fließen im Übermaß.

Blutiges Bügelfernsehen

Schweiß natürlich auch. Die Protagonisten sind eigentlich immer auf der Flucht vor den Schlägertrupps von „Speerspitze“ und „Neuer Wahrheit“. Yeon behandelt die Fanatiker kaum anders als die Zombies seiner früheren Filme. Die resultierenden Verfolgungsjagden und Gefechte inszeniert er in starken Momenten mit elaborierten Kamera-Choreographien, leider aber auch oft mit irritierenden Schnittgewittern und altbackenen Wackel-Aufnahmen. Gerade das viele Bindegewebe zwischen den großen Momenten und Cliffhangern wird etwas nachlässig und gedankenlos gefilmt. Die vielen disparaten Elemente der Serie wirken oft etwas willkürlich arrangiert. Als hätte man sich auch hier gedacht: Viel hilft viel.

„Hellbound“ ist blutiges Bügelfernsehen. Für unaufmerksame Zuschauer werden unentwegt Dialogzeilen wiederholt, Zusammenhänge doppelt und dreifach erklärt. Mit Farbfiltern gekennzeichnete Rückblenden erzählen die Vergangenheit von Figuren, die man längst erahnt hat. Manche Satzfetzen kehren nur wenige Minuten, nachdem sie formuliert wurden, als Erinnerung zurück. Die Serie ist so ausufernd wie kurzatmig.

Ein Land bewegt sich Richtung Theokratie

Am interessantesten ist sie zweifellos zu Beginn ihrer zweiten Hälfte. Nach der dritten Episode folgt ein Zeitsprung von vier Jahren. Die Bilder von Engeln und Dämonen haben Spuren hinterlassen, die Gesellschaft ist eine andere geworden. „Die neue Wahrheit“ hat an Macht gewonnen und verfügt über eine eigene Geheimpolizei. Das Land bewegt sich in Richtung Theokratie, aus Angst vor den Dämonen beichten viele Bürger jede einzelne Sünde vor der breiten Öffentlichkeit.

Im Mittelpunkt steht nun Bae Young-jae (Park Jung-min), der als Produzent einen Image-Film für die Sekte kreieren soll. Er gerät an die neue Untergrundorganisation Sodo, die sich darum bemüht, von Engeln verdammten Menschen einen anonymen Tod abseits der Öffentlichkeit zu ermöglichen. Ein Kampf gegen die terroristische Transparenz der neuen Weltordnung.

Leben und Tod als Spezialeffekte fürs Spektakel

Hier gefällt sich die Serie an der Schnittstelle zwischen theologischen und medientheoretischen Fragen. Der freie Willen des Menschen etwa könnte sowohl durch einen allsehenden Gott als auch durch prädiktive Analyse negiert werden. Und mit der Produzentenfigur reflektiert sich Yeon Sang-hos Bildermaschinerie selbst. Wenn Young-jae vorgeworfen wird, seine Aufnahme zeige „zu viele Emotionen im Gesicht“ einer „Sünderin“, dann befragt der Regisseur auch seine eigene Ästhetik. In der Serie gebrauchen verfeindete Fraktionen die Bilder von Sterbenden jeweils für ihre eigene Zwecke.

Doch im Laufe der sechs Episoden wird klar: „Hellbound“ sieht in Leben und Tod selbst nur Spezialeffekte, aus denen es Emotionen und Spektakel zu wringen gilt. Was immer die Serie an organisierter Religion oder der modernen Medienlandschaft kritisieren will, gilt doppelt und dreifach für sie. Man könnte das alles vielleicht als Beichte verstehen. Doch wie ernst kann man den Büßer nehmen, der seine Fehltritte noch im Beichtstuhl wiederholt?

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