Gipfel der Götter

Animation | Luxemburg/Frankreich 2021 | 90 Minuten

Regie: Patrick Imbert

Ein Fotoreporter sucht nach der Kamera des siebzig Jahre zuvor auf dem Mount Everest verschwundenen Bergsteigers George Mallory (1886 -1924). Die Suche führt ihn zusammen mit einem von einem Trauma gezeichneten Bergsteiger, dessen Risikobereitschaft den Fotografen zunehmend fasziniert. Die Manga-Adaption schafft vorzüglich den Transfer von der Bilderzählung ins Medium des Animationsfilms, weil die Vorzüge beider Medien kunstvoll zusammengeführt werden. Die bildgewaltige Abenteuergeschichte wird zu einer Reflexion über die paradoxe Faszination des Hochgebirges, das nicht trotz, sondern wegen seiner Lebensfeindlichkeit zum Fluchtpunkt menschlicher Sehnsüchte und Ambitionen wird. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LE SOMMET DES DIEUX
Produktionsland
Luxemburg/Frankreich
Produktionsjahr
2021
Regie
Patrick Imbert
Buch
Patrick Imbert · Magali Pouzol
Musik
Amin Bouhafa
Schnitt
Benjamin Massoubre · Camillelvis Théry
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Animation | Comicverfilmung | Drama | Sportfilm

Eine bildgewaltige Manga-Verfilmung um einen Fotografen und einen Bergsteiger, die auf den Spuren des Everest-Besteigers George Mallory dem Ruf des Hochgebirges folgen.

Diskussion

Kameras von verstorbenen Menschen haben etwas Faszinierendes. Wo sind die Toten zuletzt gewesen und was haben sie noch gesehen? Die Bilder im (analogen) Fotoapparat sind Zeugen der letzten Stunden von George Mallory, einem Bergsteiger, der 1924 zusammen mit Andrew Irvine den Mount Everest bestieg. Beide kehrten nie zurück, und die Legende von Mallorys Kamera zieht siebzig Jahre später einen jungen japanischen Fotojournalisten namens Makoto Fukamachi in den Bann. Sein leitender Redakteur ist dagegen weniger begeistert. Die Ereignisse liegen schon zu lange in der Vergangenheit. Die Erfolgsaussichten sind gering. Fukamachi gibt nicht nach, er recherchiert und glaubt gesehen zu haben, wie sich der Bergsteiger Habu Joji um die Kamera in einer Straßengasse geprügelt hat.

Todeserfahrung am Abgrund

Habu ist ein Außenseiter unter den Kletterprofis. Er hat keine Sponsoren, wenig Geld, arbeitet bei einem Lastwagenunternehmen und trainiert am liebsten allein. Nur mit einem ebenso ambitionierten Jungen wandert er in die Berge und klettert steile Wände hinauf. Beide üben für die anspruchsvollen Gebirge wie die Alpen oder den Himalaya. Eines Tages stürzt der Junge in die Tiefe. Zwar ist er angeseilt, aber sein Bein bricht und sein Kreislauf lässt, während er hundert Meter über dem Boden hängt, mit der Zeit nach. Die Nacht bricht an. Habu weiß nicht weiter. Handys scheinen noch nicht allgegenwärtig zu sein. Er kann weder helfen noch Hilfe rufen. Der Junge schneidet aus Not das Seil ab.

Den sich danach schuldig fühlenden, traumatisierten Habu sucht Fukamachi auf. Als er ihn in einer Einsiedlerhütte mitten in den Bergen findet, weist dieser den Fotoreporter ab. Er will keine Reportage. Doch sein bisher unerreichtes Lebensziel, den Mount Everest zu erklimmen, lässt Habu immer noch keine Ruhe. Im Laufe des Films tritt Fukamachis Suche nach der verschwundenen Kamera von Mallory zunehmend in den Hintergrund. Der MacGuffin hat die hauptsächliche Funktion, die beiden Männer zusammenzubringen. Beide sind vernarrt in ihr Unternehmen: Fukamachi in Bilder, Habu in Berge.

Die Kunst des Malens und des Montierens

Das unerklärbare Faszinosum der eigenen Berufung ist das Hauptthema des Animationsfilms „Gipfel der Götter“ von Patrick Imbert. Der französische Film basiert auf einem Manga von Jiro Taniguchi und Baku Yumemakura. Regisseur Imbert gelingt der Transfer von der Graphic Novel zum Film, ohne dessen Herkunft zu verschleiern. Die Einstellungen sind meistens statisch. Höchstens arbeitet Imbert mit leichten Kameraschwenks. In der Regel schneidet er zwischen Supertotalen von Landschaften und Nahen von Menschen hin und her, wie Panels im Medium Comic. Der Kontrast zwischen der engen japanischen Großstadt und den weiten Bergpanoramen wirkt beeindruckend. Wenn Gewitterwolken oder Schneestürme aufziehen, ist das ein Rausch der Mal-, Zeichen- und Animationstechniken. 

Vor den Gipfelketten sehen die Menschen klein und kümmerlich aus. „Der Gipfel der Götter“ spielt auf die Idee des Erhabenen an, das im Menschen ein Schauern, einen „delightful horror“ errege, wie es der Philosophen Edmund Burke im 18. Jahrhundert formulierte. Wie viele Bergsteiger-Filme reibt sich auch dieser an der paradoxen Faszinationskraft, die das Hochgebirge nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Lebensfeindlichkeit auf Menschen ausübt. In lebensfeindlichen Situationen finden sich auch die beiden Protagonisten Fukamachi und Habu wieder. Sie klettern oder fotografieren unter extremen Bedingungen: in der Kälte, in der Höhe und ohne viel Sauerstoff. Ihr Leben hängt wortwörtlich an einem Seil. Was die beiden antreibt, mag nicht zuletzt banaler Ehrgeiz sein, erschöpft sich aber nicht gänzlich darin. Welche Ambitionen, welche diffusen Sehnsüchte können stärker sein als der eigene Überlebensinstinkt? Der Film gibt darauf keine Antwort, sondern feiert die Schönheit des Risikos.

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