Das Ende des Schweigens

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 82 Minuten

Regie: Van-Tien Hoang

In den sogenannten „Frankfurter Homosexuellenprozesse“ der Jahre 1950/1951 standen schwule Männer vor Gericht, denen insbesondere „Unzucht mit Jugendlichen“ vorgeworfen wurde. Als Grundlage diente der berüchtigte Paragraf 175. Das gut recherchierte Doku-Drama arbeitet eindringlich heraus, dass es vor allem ehemalige NS-Juristen waren, die die Verfolgung von Homosexuellen in der Adenauer-Ära forcierten. Schlecht inszenierte Spielszenen konterkarieren die Intentionen des inhaltlich sehenswerten, formal aber verunglückten Films. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Van-Tien Hoang
Buch
Holger Heckmann · Van-Tien Hoang
Kamera
Dennis Dudda · Tim Lota
Musik
Frank Moesner
Schnitt
Tim Lota
Länge
82 Minuten
Kinostart
02.12.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokudrama über die sogenannten „Frankfurter Homosexuellenprozesse“, mit denen ehemalige NS-Juristen die Verfolgung schwuler Männer in der Adenauer-Ära forcierten.

Diskussion

Die sogenannten „Frankfurter Homosexuellenprozesse“, eine Reihe von Strafprozessen in den Jahren 1950/1951, markierten das Ende einer Phase relativer Zurückhaltung der Justiz gegen die nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs verbotenen homosexuellen Handlungen in der Öffentlichkeit. Der berüchtigte Paragraf stammte aus der Kaiserzeit und wurde von den Nazis erheblich verschärft. Sie erhöhten vor allem das Strafmaß; die bloße Vermutung, dass ein Mann homosexuell sein könnte, reichte für eine Strafverfolgung aus.

Nach dem Sieg der Alliierten gab es nur kurzzeitig Überlegungen, den Paragraf 175 auszusetzen. Für eine Weile wurde Homosexuelle nicht verfolgt. In Frankfurt etablierte sich sogar wieder eine aktive Schwulenszene. Das war einigen ehemaligen Nazi-Juristen in der Adenauer-Ära anscheinend zu viel. Es folgten Razzien und Verhaftungen. Die „Frankfurter Homosexuellenprozesse“ lösten eine neue Verfolgung von Homosexuellen in der Bundesrepublik aus.

Als Kronzeuge für die Staatsanwaltschaft diente der damals 17-jährige Otto Blankenstein. Er kannte sich als „Strichjunge“ in der Frankfurter Schwulenszene aus und denunzierte viele homosexuelle Männer, die dann juristisch verfolgt wurden.

NS-Juristen zettelten die neuerliche Verfolgung an

Das Doku-Drama „Das Ende des Schweigens“ von Regisseur Van-Tien Hoang greift die in Vergessenheit geratenen Prozesse gegen Homosexuelle wieder auf. Gesprächspartner sind unter anderem Historiker und Autoren wie Gottfried Lorenz, Christian Setzepfandt und Marcus Velke sowie der damals betroffenen Zeitzeuge Wolfgang Lauinger.

Der formal eher fürs Fernsehen inszenierte Dokumentarfilm hätte angesichts seines Informationsgrades ein sehr wichtiger und sehenswerter Film werden können. So weist das gut recherchierte Werk nach, dass vor allem NS-Juristen, Staatsanwälte und Richter, die schon vor 1945 Homosexuelle verfolgt hatten, nahtlos an ihre Untaten aus der Nazizeit anknüpften. Unter dem Deckmantel des Jugendschutzes versuchten sie, die Angeklagten vor allem für „Unzucht mit Jugendlichen“ zu verurteilen. Als Erwachsener galt man damals erst mit 21 Jahren. Aus heutiger Sicht geradezu empörend ist es, dass ein berüchtigter „Rasse-Hygieniker“, der schon den Nazis diente, erneut als „Sachverständiger“ ein Gutachten über den Kronzeugen Otto Blankenstein anfertigte, das dem Denunzianten am Ende eine Jugendstrafe bescherte.

Der Filmemacher Van-Tien Hoang vertraut allerdings nicht der dokumentarischen Kraft der Geschichte, sondern fühlte sich bemüßigt, zwischendurch mit Spielszenen „nachzuhelfen“. Die sind allerdings völlig misslungen. Man fühlt sich an peinliche Szenen aus billig produzierten Vorabendserien erinnert, da die Darsteller weder schauspielern noch sprechen können. Unterlegt werden diese immer länger werdenden fiktionalen Einschübe mit bedeutungsschwangerer Musik, und auch unnötige Zeitlupen verärgern zusehend. Man fühlt sich an die letzte LP von John Lennon und Yoko Ono, „Double Fantasy“ erinnert, wo man zu Vinylzeiten nach jedem Song von Lennon den Tonarm anhob, um dem folgenden Song von Yoko Ono zu entgehen.

Ein dunkles Kapitel

„Das Ende des Schweigens“ ist ein Film mit hohem Potenzial, aber erheblichen inszenatorischen Schwächen. Wer es schafft, sich rein auf die Informations- und Dokumentarebene zu konzentrieren, sieht vor allem inhaltlich einen wichtigen Film, der an ein sehr dunkles Kapitel westdeutscher Nachkriegsgeschichte erinnert.

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