Moleküle der Erinnerung - Venedig, wie es niemand kennt

Dokumentarfilm | Italien 2020 | 71 Minuten

Regie: Andrea Segre

Während des Lockdowns im Frühjahr 2020 filmte der Regisseur Andrea Segre das gespenstisch leere Venedig und forschte der fragilen Beziehung zwischen der Stadt und dem Wasser nach. Die melancholische Stimmung befördert außerdem persönliche Reflexionen über sein Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater. Der Film entwickelt sich darüber zum polyphon-poetischen Essay über die Erfahrung von Verunsicherung und Verletzlichkeit, das in der Pandemie nicht nur Ohnmacht erkennt, sondern auch die Ermöglichung neuer Erfahrungen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MOLECOLE
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2020
Regie
Andrea Segre
Buch
Andrea Segre
Kamera
Matteo Calore · Andrea Segre
Musik
Teho Teardo
Schnitt
Chiara Russo
Länge
71 Minuten
Kinostart
30.12.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Melancholischer Dokumentarfilm über das menschenleere Venedig während der Pandemie, in die sich persönliche Reflexionen des Filmemachers über die Beziehung zu seinem verstorbenen Vater mischen.

Diskussion

Ende Februar 2020 reiste der Filmemacher Andrea Segre nach Venedig, um einen Film über jene Faktoren zu drehen, die der Stadt stets neue Wunden reißen: die Klimakatastrophe mit dem immer stärker steigenden Hochwasser sowie der fürchterliche Massentourismus, der die alteingesessenen Bewohner aus ihrer Stadt vertreibt. Dieser Film wäre allerdings kaum originell gewesen, da 2012 ja schon die Dokumentation „Das Venedig Prinzip“ von Andreas Pichler in die Kinos kam, eine Art Requiem auf eine Stadt, die ihre Gegenwart und Zukunft dem neoliberalen Immobilien- und Tourismusmarkt überlassen hat.

58.000 verbliebenen Venezianern standen damals einem täglichen Durchlauf von etwa 60.000 Touristen gegenüber. Das Credo der Profitmaximierung entfremdete die Einwohner von ihrer eigenen Stadt; die Folgen der Gentrifizierung waren mit Händen zu greifen. „Das Venedig Prinzip“ verglich den Massentourismus mit der großen Pest von 1438 und fand dafür erstaunlich stimmige Bildkompositionen, die eine Stadtentwicklung hin zum reinen Museum ohne Einwohner als Menetekel an die Wand malte.

Im Dialog mit dem Vater

Diesem Film hätte Segre wohl nicht viel hinzufügen können. Doch dann machte ihm Covid-19 einen Strich durch die Planung. Im Februar 2020 begann er damit, Impressionen in der Geburtsstadt seines schweigsamen und längst verstorbenen Vaters zu sammeln, wobei es die Entwicklung weniger Wochen ermöglichte, einen Dialog mit dem Vater zu führen.

„Moleküle der Erinnerung“ ist folglich eine biografische Recherche durch eine Stadtbeschreibung hindurch, verknüpft mit der These, dass die Herzkrankheit des Vaters und die Fragilität der Lagunenstadt irgendwie miteinander korrespondieren. „Vulnerabilität“ wäre dafür das aktuelle Modewort.

Nun drehte sich der Film wie von selbst und muss vom Filmemacher im Nachgang reflexiv eingeholt werden, weil er Erkenntnisse und Einsichten produziert, mit denen nicht zu rechnen war. Während also die Pandemie die Stadt auf eine erstaunliche Zeitreise in die Vergangenheit schickt, nutzt der Filmemacher genau diese Atmosphäre, um mit seinem Vater ins Gespräch zu kommen. Ist die Lagunenstadt doch seit jeher ein Ort zwischen Tod und Leben.

Ein morbides Flair

Während sich die Plätze und Kanäle der Stadt zu leeren beginnen, denkt Segre, inspiriert von alten Fotografien, über die Einsamkeit und Sprachlosigkeit des Vaters nach. Er findet nach und nach Spuren, dass das morbide Flair des alten Venedigs, das jetzt plötzlich wieder sichtbar wird, etwas über die psychische Disposition des todgeweihten Vaters plausibel macht: indem man neu lernt, die eigene Schwäche zu respektieren.

Man staunt nicht schlecht über das Staunen der Venezianer, ihre Stadt unter veränderten Bedingungen neu zu erinnern. Plötzlich werden Dinge sichtbar, wenn sich die Wellen der Wasserstraßen glätten, bis sie der großen Marmorplatte in der Mitte des Markusdoms ähneln, die „la mare“ genannt wird, weil sie die Instabilität des Lebens dokumentiert.

Was während der Dreharbeiten vom Februar bis April 2020 noch nicht absehbar war, erweist sich aus heutiger Perspektive als polyphoner, poetisch-essayistischer Diskurs zwischen Stadt, Vater, Sohn und Publikum über die Erfahrung von Verunsicherung und Verletzbarkeit, die auf erstaunlich aktuelle Weise die Pandemie nicht nur als Ohnmacht, sondern auch als Ermöglichung neuer Erfahrungen begreift. Und sei es nur in der Gestalt, dass ein Gespräch mit Toten über alte Bilder möglich wird, zusammengehalten und unterfüttert mit der beeindruckenden Filmmusik von Teho Teardo. Eine filmische Reflexion auf der Höhe der Zeit.

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