Science-Fiction | USA 2022 | 440 (9 Folgen) Minuten

Regie: Ben Stiller

Ein mächtiger Konzern bietet seinen Mitarbeitern eine radikale Prozedur zur Trennung ihres Privat- und Berufslebens an: einen chirurgischen Eingriff, der im Gehirn zwei voneinander unabhängige Ichs erzeugt. Was scheinbar der Work-Life-Balance zuträglich ist, entpuppt sich indes als Strategie, um die private Seite der Angestellten zu umgehen und sie zu allzeit verfügbaren Arbeitsdrohnen zu machen. Gegen die Machenschaften der Firma richtet sich bald schon innerer und äußerer Widerstand. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein vierköpfiges Team, das mit der Ankunft einer neuen Mitarbeiterin seine aufrührerischen Potenziale entdeckt. Die Thriller-Serie rechnet ebenso spannend wie treffend-satirisch mit Auswüchsen der modernen Arbeitskultur ab, indem sie diese zum kafkaesken Horrorszenario überspitzt. Eine furiose Gesellschaftskritik, serviert mit jeder Menge trockenem Humor, und eine Hommage aufs das subversive menschliche Freiheitspotenzial, das sich gegen die Durchökonomisierung des Lebens behauptet. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SEVERANCE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Ben Stiller · Aoife McArdle
Buch
Mohamad el Masri · Dan Erickson · Dan Erickson
Kamera
Jessica Lee Gagné
Schnitt
Erica Freed Marker
Darsteller
Adam Scott · Patricia Arquette · John Turturro · Christopher Walken · Zach Cherry
Länge
440 (9 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Science-Fiction | Serie | Thriller

Eine Science-Fiction-Serie um einen dubiosen Konzern, der seine Angestellten einem futuristischen Eingriff unterzieht, bei dem ihre Persönlichkeit in ein Arbeits- und ein Privat-Ich aufgespalten wird.

Diskussion

Die ideale Work-Life-Balance zu finden, gilt als eine der Herausforderungen unseres Alltags. Unabhängig davon, ob die Suche nach ihr am Ende von Erfolg gekrönt ist oder nicht, bringt sie jede Menge zusätzliche Arbeit mit sich. Da scheint es verlockend, diesen individuellen Prozess soweit es geht auszulagern. Oder wie es so schön heißt, eine technologische Lösung dafür zu finden.

In der Serie „Severance“ ist es ein mächtiger Konzern namens Lumon Industries, der eine solche Erleichterung verspricht. Das Unternehmen bietet eine radikale, aber atemberaubend simple Lösung für seine stressgeplagten Mitarbeiter an. Mittels eines scheinbar geringfügigen neurochirurgischen Eingriffs verspricht Lumon seinen Angestellten ein Ende des ewigen Konflikts zwischen Privatleben und Büroalltag. Eine Sonde im Gehirn macht dies möglich. Am Ende der Lumon-patentierten Operation steht eine zweigeteilte Persönlichkeit, die sich in ein Arbeits-Ich und in ein privates Ich aufteilt. Der erweiterte Clou der „Severance-Prozedur“: Der eine Bewusstseinsteil weiß nach dem Eingriff nichts vom anderen, so dass die Arbeitnehmer ihren stressigen Berufsalltag nicht mehr mit nach Hause nehmen müssen und sich andersherum im Office eine verdiente Auszeit von den Querelen ihrer Privatexistenz gönnen können.

Ein trauernder Mann und eine dubiose Firma

Den Lumon-Mitarbeiter Mark (Adam Scott) hat in seinem Privatleben besonders schweres Los getroffen. Bei einem Verkehrsunfall ist seine Frau ums Leben gekommen. Da der ehemalige Geschichtslehrer mit seinem Schmerz nicht zurechtkommt, beschließt er, sein Universitätsdasein aufzugeben und bei Lumon anzuheuern, um dort vor seinen zunehmend dunklen Gedanken eine Auszeit zu nehmen.

Der Leumund des Unternehmens ist allerdings nicht der beste. Die Praxis der Bewusstseinsspaltung findet in der Bevölkerung so wenig Beifall wie der Umstand, dass niemand so recht zu wissen scheint, was Lumon eigentlich produziert. Auch die Mitarbeiter sind sich darüber nicht im Klaren; hin und wieder spekulieren sie über ihren Daseinszweck im Unternehmen.

Teamleiter Mark erhält täglich neue Instruktionen, die seine vierköpfige Abteilung namens „Macrodata Refinement“ in zermürbender Bildschirmarbeit abzuleisten hat. Die Aufgaben des Bürokraten-Trupps haben die Anmutung komplexer Rätsel der Mengenlehre, mit dem Unterschied, dass Marks Mitarbeiter Irving (John Turturro) und Dylan (Zach Cherry) die Lösung nicht mittels Logik herausfinden, sondern sich zur Problembewältigung ihrem Gefühl hingeben müssen, um einen Blick für die „unheimlichen Zahlen“ zu entwickeln, die es auszusortieren gilt. Was diese Zahlen repräsentieren, wurde den Mitarbeitern nicht eröffnet. Die neue Mitarbeiterin Helly (Britt Lower) macht sich jedoch mit einigem Eifer daran, Firmenprotokolle wie dieses zu hinterfragen.

Ein High-Tech-Straflager

Ihre Ankunft bedeutet für Mark Ärger vom ersten Tag an. Bereits beim Aufwachen nach ihrem Severance-Eingriff zeigt sich Helly widerspenstig und unternimmt einen ersten Fluchtversuch, der krachend scheitert. Als Zuschauer gewinnt man dadurch schnell einen vielsagenden Eindruck von der Firma, die sich im Laufe der Handlung immer mehr als High-Tech-Straflager für die Angestellten herausstellt. Aufwieglerische Umtriebe innerhalb der Belegschaft weiß Lumon im eigens für solche Anlässe eingerichteten „Break Room“ zu behandeln und mittels Psychoterror niederzuschlagen. Auch der nette und total engagierte Mark vermag Helly vor dieser Erfahrung nicht zu bewahren. Wie sich herausstellt, hat das ganze Team schon mal in der ein oder anderen Form Bekanntschaft mit jener berüchtigten Einrichtung gemacht. Von den traumatisierenden Ereignissen wissen die Angestellten in ihrem „wahren“ Leben dann aber nichts mehr. Die Persönlichkeitsspaltung der Mitarbeitenden in „Innies“ und „Outies“ scheint vollkommen, ist in Wirklichkeit jedoch nicht so präzise, wie der Konzern es sich ausgemalt hat.

Dem Kreativduo Dan Erickson (Creator und Producer) und Ben Stiller (Regie) gelingt es mit „Severance“, einen tiefsitzenden Nerv unserer Zeit zu treffen. Autoritär und übermäßig straff geführte Büros müssen heute zwar tatsächlich die wenigsten fürchten, aber die brave und meist völlig freiwillige Hingabe an den ökonomische Flexibilitätsimperativ – und damit das Vordringen der Arbeitszeit und -welt in sämtliche Lebensbereiche – ist nicht weniger schauerlich. „Severance“ ist so durchaus als Kritik an der modernen Arbeitskultur zu verstehen, nicht zuletzt in die Welt gesetzt von diversen Silicon-Valley-Unternehmen.

Hinter der vermeintlich sauberen Trennung von Arbeitszeit und Privatleben steht in „Severance“ tatsächlich der Wunsch des Überkonzerns Lumon, jederzeit auf seine Mitarbeiter Zugriff zu haben, denn der sogenannte Innie lässt sich auch aus der Ferne aktivieren, nicht nur innerhalb des Lumon-Gebäudes.

Die erzählerische Welt, die Erickson und Stiller hierbei entwerfen, lässt sich ganz gut mit der Formel „Charlie Kaufman trifft Kafka“ auf den Punkt bringen. Die Filmemacher geben sich dabei nicht damit zufrieden, die Serie als unentrinnbares Horrorszenario anzulegen. Es existiert stattdessen jede Menge subversives Freiheitspotenzial. Dem leergeräumten Lumon-Interieur stehen Zeiten des Aufruhrs bevor!

Gesellschaftskritik in Thrillerform

Geweckt durch eine gesunde Portion Anarchismus, den Mark bei einem Punkkonzert aufschnappt und schließlich auch durch die Liebe (ein unerwartetes Traumpaar: John Turturro und Christopher Walken). Denn den natürlichen Seelenkräften hält auf Dauer auch kein Lumon-Konzern und kein noch so fieser Unternehmensaufseher stand. Patricia Arquette spielt mit hinreißender Niedertracht ein Paradebeispiel dieser Spezies. Die mit trockenem Humor servierte Gesellschaftskritik in Thrillerform beschränkt sich glücklicherweise nicht auf einen Rundumschlag gegen die heutige Tech-Industrie, sondern untersucht mit satirischen Scharfsinn die psychologischen Voraussetzungen für eine Arbeitskultur, der immer größere Teile des Privatlebens zum Opfer fallen. Dem Schauspiel-Ensemble bei seinem Aufbegehren gegen die Konzernknechtschaft zuzusehen, ist ein Hochgenuss. Selten wurde Ideologiekritik komischer und smarter arikuliert als in "Severance".

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