Post Mortem (2020)

Horror | Ungarn 2020 | 111 Minuten

Regie: Péter Bergendy

Ein deutscher Soldat arbeitet nach einer schweren Verletzung im Ersten Weltkrieg als Totenfotograf. In einem von Geistern heimgesuchten Dorf in Ungarn stößt er auf unerklärliche Phänomene und beginnt, mit fototechnischen Hilfsmitteln die Rätsel des Jenseits zu erforschen, die aggressiv in die Welt der Lebenden dringen. Mit dem Thema der Totenfotografie und der Hinwendung zum Spiritismus im Gefolge der Kriegstraumata und der Verheerungen der Spanischen Grippe besitzt der Horrorfilm ein spannendes Sujet. Doch dessen Reiz verliert sich durch eine grobschlächtige Inszenierung und inhaltliche Einfallslosigkeit zunehmend in einem drögen Effektgewitter. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
POST MORTEM
Produktionsland
Ungarn
Produktionsjahr
2020
Regie
Péter Bergendy
Buch
Piros Zánkay
Kamera
András Nagy
Musik
Atti Pacsay
Schnitt
István Király
Darsteller
Viktor Klem (Tomás) · Fruzsina Hais (Anna) · Judit Schell (Marcsa) · Andrea Ladányi (Tante) · Zsolt Anger (Imre)
Länge
111 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Horror

Heimkino

Verleih DVD
I-On New Media
Verleih Blu-ray
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Horrorfilm um einen ehemaligen Soldaten, der die Gräuel des Ersten Weltkriegs überlebt hat, als Totenfotograf in einem Dorf in Ungarn aber auf neue Schrecken stößt.

Diskussion

Fotografiert werden bedeutet in gewisser Weise auch Überleben, ein in der eigenen Lebendigkeit Erstarren, ein Festgehaltenwerden für die Nachwelt. Wobei es aber eher ein Un-Tod ist, eine Verwandlung in ein unheimliches Erinnerungsobjekt. Davon erzählt die Kulturgeschichte seit der Erfindung der Daguerreotypie immer wieder. Der Filmtheoretiker André Bazin sprach vom „Mumienkomplex“ der Kunst. „Die fleischliche Erscheinung eines Wesens künstlich festzuhalten hieß, es dem Strom der Zeit zu entreißen: es am Leben zu vertäuen.“

Für den Horrorfilm „Post Mortem“ hat der ungarische Regisseur Péter Bergendy ein bemerkenswertes Thema gefunden: Die Totenfotografie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gerade im viktorianischen Zeitalter war es nicht unüblich, verstorbene Angehörige noch ein allerletztes Mal vor die Kamera zu setzten. Nicht das lebende, sondern das tote Wesen wird mit dem Leben vertäut. So verwandelt sich die Kamera in ein Instrument der Wiederauferstehung. Die Illusion dieser Bilder vereint Tod und Leben, eröffnet ihnen einen gemeinsamen Raum.

Genau davon handelt „Post Mortem“, die Geschichte eines Wiedergeborenen. Der deutsche Soldat Tomás (Viktor Klem) hat wie durch ein Wunder die Schützengräben des Ersten Weltkriegs überlebt. Er lag schon im Massengrab, als ein Wegbegleiter seine schwachen Atemzüge entdeckt. Eine Vision hebt ihn aus dem Jenseits: im Delirium sieht er ein junges Mädchen, das ihm die Hand reicht. Als er genau diesem Mädchen mit dem Namen Anna (Fruzsina Hais) sechs Monate später auf einem Jahrmarkt in Ungarn begegnet, muss er ihr folgen. Tomás ist mittlerweile als Totenfotograf aktiv, und weil nach dem Krieg jetzt auch noch die Spanische Grippe wütet, ist Annas Heimatdorf voll von potenziellen Kunden. Doch bald bemerkt der Fotograf, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht: In der Nacht sind auf den Dächern Schritte ohne Körper zu hören. Es geschehen unerklärliche Unfälle. Menschen sterben unter mysteriösen Umständen, und die Dorfbewohner erzählen sich Geschichten von wütenden Geistern, die die Lebenden attackieren.

Zwischen Diesseits und Jenseits

Das verschneite Dorf ist eine hinreichend karge, verlorene Kulisse für die Begegnung zwischen Dies- und Jenseits. Eine Zwischenwelt. In der Winterkälte behalten die Toten ihre „fleischliche Erscheinung“ länger als anderswo; in den Mythen und Erzählungen ist der namenlose Ort fest im gerade vergangenen Jahrhundert verhaftet. Die Darsteller agieren dabei allesamt etwas hölzern; mit Wohlwollen könnte man sagen, ihr gesamtes Wesen ist ob der Kälte erstarrt.

Gerade in der ersten Hälfte könnte „Post Mortem“ auch eine Art Kriminalgeschichte sein. Tomás wird vom Fotografen zum Detektiv, sammelt Hinweise und spricht mit den Dorfbewohnern, die Fremden gegenüber abweisend sind. Durch Obduktionen hat er viel über menschliche Körper und die Verwesung gelernt und wendet sein Wissen an. Er kommt als Außenseiter in eine Gemeinde, die lange eingeschworen und in sich geschlossen war, bis Katastrophen Lücken in ihre engen Reihen rissen. Mit dem neuen technischen Sensorium, von Lochkamera bis Phonographen, versucht Tomás das sichtbar zu machen, was für den Menschen bislang unsichtbar war. In einer längeren Sequenz, die stark an „Poltergeist“ von Tobe Hooper erinnert, füllt er das ganze Dorf mit Glocken und Messgeräten, um mit den Geistern in Kontakt zu treten.

Brachial werden spektrale Schneisen geschlagen

Dann aber folgt nur noch eine kontinuierliche Eskalation, die den Film in eine Geisterbahn voller gruseliger Schattengestalten und schrill kreischender Opfer verwandelt. Brachial werden spektrale Schneisen in Gebäude und den gefrorenen Boden gerissen. Auch hier ist man bei „Poltergeist“, aber auch bei aktuellen Action-Horror-Filmen wie „The Conjuring“ oder den „Es“-Adaptionen. Der Film zehrt dabei noch lange von seiner spannenden Prämisse. Sie eröffnet Deutungsräume und Querverbindungen, die dem Horrorspektakel sonst wohl verwehrt geblieben wären.

Denn gerade das viktorianische Zeitalter (das in der Welt des Films nachhallt) ist wohl auch deshalb so faszinierend, weil rasanter technologischer Fortschritt mit einer neuen Faszination für das Spirituelle zusammenfällt. Man sieht eine Beziehung zwischen diesen Welten - nicht unähnlich der Gegenwart, in der zunehmend komplexere und eigenständigere Technologien die Frage nach dem „Geist in der Maschine“ neu formulieren. Der französische Regisseur Olivier Assayas hat mit „Personal Shopper“ (2016) dazu einen klugen Geisterfilm gedreht. Doch wo Assayas seine Kerngedanken weiterführt und variiert, also Fragen stellt zu Erinnerung, Digitalität, Spiritualität und Computerbildern, gibt „Post Mortem“ einfach auf. Oder offenbart, wie wenig ambitioniert das Horror-Allerlei von Anfang an war.

So wird viel Lärm um Nichts gemacht, der dann handwerklich auch nur mäßig überzeugend umgesetzt ist. Schier endlos werden Menschen von unsichtbaren Kräften durch die Luft gezerrt oder über den Boden geschleift. Die repetitiven „Jump-Scares“ mit fauchenden Schattenwesen und plötzlich zuckenden Leichen verlieren schnell ihre Wirkung. Die Grundmotive verkommen zum Katalog austauschbarer Symbole. Irgendwann ist es egal, ob ein Dorfbewohner vor Angst schreit, oder ein Toter auf einem Foto, um die Zuschauer zu ängstigen. Horror wird Terror wird Überwältigung wird Langeweile.

Das Kino und der Lazarus-Komplex

Dabei sollte sich das Kino den Fragen stellen, die aus seiner Beziehung zu Tod und Leben erwachsen. Filme haben keine vorgeschriebene Mission, doch wie jede Kunst sollten sie sich berufen fühlen, in ihren Gegenwelten das zu hinterfragen, was sie hervorbringt. Spätestens jetzt, wo in Blockbustern verstorbene Darsteller kurzerhand virtuell zurückkehren und beliebig verjüngt und gealtert werden. Welcher Horror lauert in einer Kunstform, der nicht mehr ein Mumien-, sondern gleich ein Lazarus-Komplex zugrunde liegt? Die den Menschen seines Bildes und seiner selbst beraubt, weil sie an eine Industrie gekoppelt ist, die den Tod ikonischer Stars nicht ertragen kann? Das wäre eine Angst, von der es sich zu erzählen lohnt.

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