Mein fremdes Land (2020)

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 94 Minuten

Regie: Marius Brüning

Ein Filmstudent, der in einem gutbürgerlichen Elternhaus im Südwesten Deutschlands aufgewachsen ist, begibt sich auf die Suche nach seiner leiblichen Mutter in Bolivien. Und findet sie in einem abgelegenen Bergdorf als Ziegenhirtin wieder, die unter einfachsten Bedingungen lebt. Aus einer Reise mit zahlreichen emotionalen Wechselbädern filtert der Film ein Road Movie heraus, das behutsam dem Wechselspiel von Glück und Trauer, Zärtlichkeit und Distanz folgt, ohne effekthascherisch oder larmoyant zu werden. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Marius Brüning · Johannes Preuss
Buch
Johannes Preuss · Marius Brüning
Kamera
Johannes Preuss
Musik
Chiara Strickland
Schnitt
Tobias Wilhelmer
Länge
94 Minuten
Kinostart
23.06.2022
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarisches Road Movie über die Reise eines Filmstudenten, der in Baden aufwuchs und in Begleitung eines Filmteams zum ersten Mal nach Bolivien reist, um seine leibliche Mutter kennenzulernen.

Diskussion

Dies ist die Geschichte eines verlorenen Sohnes und gleichzeitig die einer verlorenen Mutter. Es ist ein Film über die Begegnung von Welten, die vorher nichts voneinander wussten. Eine Abenteuerreise, ein Road Movie, ein Melodram, eine Legende mit offenem Ausgang.

Manuel, die Hauptfigur, lebt in einem wohlbehüteten, gutbürgerlichen Elternhaus im Südwesten Deutschlands. Aber er sieht anders aus als die Menschen in seiner Umgebung. Wenn er durch die Straßen läuft, schauen sich viele nach ihm, dem „Fremden“, um. Tatsächlich wurde er als José Noé Estrada in einem abgelegenen Bergdorf in Bolivien geboren, auf dem Boden einer Lehmhütte, als viertes Kind einer Ziegenhirtin, die von ihrer Familie gezwungen wurde, das Baby in ein Waisenhaus zu geben. Manuels Erzeuger machte sich bald aus dem Staub. Und aus dem Heim wurde das Kind zur Adoption nach Deutschland vermittelt. Dass der Junge zum Zeitpunkt seiner Übergabe an die deutsche Familie nicht mehr lachte und nicht mehr schrie, sondern schlicht resigniert hatte, stellte für alle eine immense Herausforderung dar. Dass er überlebte, war nicht zuletzt der Liebe seiner „neuen“ Eltern geschuldet.

Ein emotionaler Schutzschirm

Jetzt studiert Manuel an der Filmakademie; er arbeitete als Editor mit den Regisseuren Johannes Preuss und Marius Brüning zusammen. Die erfuhren von seiner Geschichte und dass er sich lange dagegen gewehrt hatte, seiner Herkunft nachzuspüren. Die Möglichkeit, sich von ihnen mit der Kamera zu einer Welt- und Zeitreise begleiten zu lassen, bot dem eher introvertierten, auch im Film eher verschlossenen 31-Jährigen die Chance eines emotionalen Schutzschirms. Als Protagonist seiner selbst fühlte er sich auf eine Weise geborgen, die ihm diese Reise überhaupt erst denkbar werden ließ.

Dass er dabei in emotionale Wechselbäder geworfen werden würde, die ihn immer wieder zu Tränen rühren, muss ihm bewusst gewesen sein. Dass daraus kein voyeuristischer Gefühlskitsch wird, ist der Kunst der Regisseure geschuldet, die Kamera und Musik nicht effekthascherisch einsetzen, sondern den Figuren behutsam folgen und sie in keinem Moment ihrer Würde berauben. Auf diese Weise gelang der Balanceakt, das Wechselspiel von Glück und Trauer, Zärtlichkeit und Distanz zu erfassen, ohne in Larmoyanz abzudriften.

Aus der schmucken westdeutschen Siedlung geht es nach La Paz in Bolivien, wo sich niemand nach ihm umdreht, wie Manuel bemerkt, weil alle so aussehen wie er. Eine Verbindungsfrau begleitet ihn und das Kamerateam zuerst ins Kinderheim, in dem er abgegeben wurde, dann in die Berge, wo sich schließlich die Tür einer Hütte öffnet und Mutter und Sohn sich in die Arme nehmen, schüchtern und ungelenk.

Noch mehr Geheimnisse

Die Einfachheit, in der die alte Frau lebt, macht Manuel betroffen – auch im Vergleich mit dem Wohlstand seiner Adoptiveltern. Zum Glück ist da noch ein kleiner Neffe im Haus, der die emotionale Wucht des Wiederfindens mit seiner Fröhlichkeit begleitet und bricht. Später ist die Kamera mit dabei, wenn Manuel seiner in der Stadt lebenden Schwester begegnet. Die erzählt dann davon, wie die Mutter ihren Schmerz oft in Alkohol ertränkte. Und lüftet noch ein weiteres Geheimnis: Manuel soll einen Zwillingsbruder haben. Die Mutter will davon am Telefon nichts wissen, und auch der Film muss die Frage nach ihm unbeantwortet lassen.

Einmal lässt sich Manuel auf ein Gedankenspiel ein: Was wäre, wenn er bei seiner Mutter in Bolivien aufgewachsen wäre? Wäre er dann, wie so viele Gleichaltrige, als Minenarbeiter in der Stadt Potosi gelandet? Er fährt, begleitet von der Kamera, mit einigen Arbeitern in den Schacht ein. Sie kauen Kokablätter als ihre wichtigste Nahrung. Und erzählen, dass niemand hier besonders alt werde: „In der Mine kommt der Tod schnell.“ Hatte er also Glück? Was ist Glück? Lässt es sich überhaupt definieren? Von wie vielen Zufällen hängt es ab? Kann man es festhalten, so wie in jenem Moment, als er seine Mutter zum ersten Mal in die Arme nahm? „Ich trage Glück in meinem Herzen“, sagt danach die alte Frau.

Das Glück wohnt im Herzen

Die Sehnsucht nach dem Glück im Herzen ist das eigentliche philosophische Thema von „Meine fremde Heimat“. Manuel hat fortan zwei Heimaten – und zwei Mütter. Er wird zu seiner leiblichen Mutter zurückkehren, besuchsweise, einmal im Jahr. Und sie aus der Ferne unterstützen. Doch seine Hoffnung, mit der Reise nach Bolivien endlich zur Ruhe zu kommen, war trügerisch. Vielleicht, so heißt es am Ende des Films, steht er am Anfang einer neuen Reise.

Kommentar verfassen

Kommentieren