Krimi | USA 2022 | (sieben Folgen) Minuten

Regie: Jon Watts

Ein Ex-CIA-Agent, der seit Jahrzehnten in der Abgeschiedenheit des Ruhestands lebt, wird von einem Attentäter aufgesucht. Er überlebt den Anschlag, wird aber bald von einer Einsatzgruppe gejagt, die von einem früheren Weggefährten, dem stellvertretenden FBI-Direktor für Spionageabwehr, geleitet wird. Die aus der geopolitischen Vergangenheit des sowjetischen Kriegs in Afghanistan bis in die private Gegenwart greifende Thriller-Serie lebt von hervorragenden Darstellern. Sie ist dort am besten, wo die Vertraulichkeit des Familienlebens das tiefe Misstrauen des Agentendaseins überlagert und Klischees und Pathos auf die Seite gedrängt werden. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE OLD MAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Jon Watts · Greg Yaitanes · Zetna Fuentes · Jet Wilkinson
Buch
Jonathan E. Steinberg · Robert Levine
Kamera
Jules O'Loughlin · Armando Salas · Sean Porter
Schnitt
John M. Valerio · Matthew Colonna · Maria Gonzales · Scott Turner · Amy M. Fleming
Darsteller
Jeff Bridges (Dan Chase) · John Lithgow (Harold Harper) · Amy Brenneman (Zoe) · Alia Shawkat (Angela Adams) · E.J. Bonilla (Raymond Waters)
Länge
(sieben Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Krimi | Literaturverfilmung | Serie | Spionagefilm

Eine Thriller-Serie um einen früheren Geheimagenten und Auftragsmörder, der aufgespürt wird und früheren Weggefährten wie alten Feinden zu entkommen versucht.

Diskussion

Ein bisschen tattrig wirkt Dan Chase nach der unruhigen Nacht. Das Alter beziehungsweise die Blase macht Probleme. Wieder und wieder wälzt sich der Rentner aus dem Bett, in dem allein liegt, wenn er es nicht mit seinen Rottweilern teilt. Der Frau, die früher neben ihm lag, begegnet er nur noch in seinen Träumen. Diese Nacht sind es Albträume. Er findet sie im Badezimmer: durchgefroren und orientierungslos. Es sind Erinnerungen an das Endstadium ihrer Demenz.

Sichtlich mitgenommen von der Nacht steht Dan dann in der Küche. Die Tochter am Telefon versichert ihm noch, er solle sich keine Sorgen machen. Er wiederholt ihren Rat laut für sich, legt das Handy in die Mikrowelle und drückt „Start“. Etwas stimmt nicht mit ihm. Der Arztbesuch bestätigt das nicht; alle Tests zeugen von bester Gesundheit. Schon auf dem Heimweg starrt er einen Mann im Coffee-Shop an. Zuhause durchwühlt er seinen Hausmüll. Aus den Hundefutterdosen, die er dort findet, bastelt er einen Stolperdraht. Der alte Mann scheint den Verstand verloren zu haben.

Dann scheppert es. Die Rottweiler finden den nächtlichen Eindringling zuerst. Dan folgt, eine Pistole im Anschlag. Er zögert keine Sekunde, um den Abzug zu betätigen. Die schallgedämpfte Pistole des getöteten Angreifers wird für das Notwehr-Szenario noch zweimal in die Richtung abgefeuert, aus der er kam. Dann spielt er wieder den senilen Rentner für die kurz darauf eintreffende Polizei. Bevor der Morgen graut, flieht der Mann, den man kurz darauf als einen Ex-CIA-Agent kennenlernt.

Was ist die ursprüngliche Identität?

Die Frage, was aus einem Mann wird, der entgegen aller Wahrscheinlichkeiten, die ein Leben als Soldat und Agent an den Frontlinien internationaler Konflikte mit sich bringt, ein hohes Alter erreicht, eine Familie gründet und sich an einem „normalen“ Aussteigerleben versucht, wird in „The Old Man“ direkt übersprungen, um auf die nächste Frage überzuleiten: Wie findet ein Mann, der seinen Ruhestand und damit sein halbes Leben unter falscher Identität gelebt habt, wieder zu seiner ursprünglichen Identität zurück? Und: Welche der Identitäten, die er im Laufe seines Agentenlebens angenommen hat, ist diese ursprüngliche Identität? Wie viel von dem Mann, der vermutlich Dan Chase heißt, ist im Zuge der ständigen Verschleierung und Täuschung in der brutalen Realität der geheimen geopolitischen Fronten noch übriggeblieben und steht ihm zur Verfügung?

Das Spiel von Jeff Bridges hält die Spannung zwischen dem Rentner und dem todbringenden Spezialisten aufrecht; er schafft es, den Mann, der so unbarmherzig, routiniert und effizient mordet, immer wieder hinter der scheinbaren Harmlosigkeit des Greises zu verbergen. John Lithgow ist als sein ehemaliger Wegbegleiter Harold Harper, der den Ex-CIA-Mann jetzt einfangen soll, nicht weniger faszinierend. Gejagt wird Chase nicht allein von den US-Behörden, sondern auch vom afghanischen Warlord Faraz Hamzad. Zahllose Rückblenden erzählen von der gemeinsamen Vergangenheit der Hauptfiguren, die im Krieg der Sowjetunion in Afghanistan beginnt und von dort aus ihren zunehmend dramatischen und tragischen Verlauf nimmt.

Parabelhafte Monologe

Bridges und Lithgow geben diesem aus der geopolitischen Vergangenheit ins private Jetzt greifenden Spionagethriller eine Gravitas, die ohne ihre Beteiligung mitunter zum antiquierten, auf der Tonspur vom klagenden Cello begleiteten Pathos verkommt. Oft sind es parabelhafte, allegorische Monologe, die die Verbindung zwischen damals und heute herstellen und die Mechanik des Katz-und-Maus-Spiels mit Leben füllen, das die Ex-Agenten miteinander wie gegeneinander spielen.

Tatsächlich sind genau die Szenen die besten, in denen Lithgow und Bridges aus der fein geschliffenen Spannungsdynamik herausgehoben werden, um das von ihrer Berufung in Trümmern gerissene Privatleben zu leben. „The Old Man“ ist dort am effektvollsten, wo aus dem FBI-Assistant-Director Harper ein alter Mann wird, der seine Tränen zurückhält, um mit seinem Enkel das Lego-Haus zu bauen, das dieser eigentlich mit seinem verstorbenen Vater, Harpers Sohn, bauen sollte, und dort am eindringlichsten, wo Dan Chase eine Auszeit nimmt, um seine Tochter (Alia Shawkat) anzurufen. Jene Tochter, die für Chase, ihren leiblichen Vater, Emily Chase ist und für Harper, den Ziehvater, Angela Adams, steht zwischen den ehemaligen Verbündeten und heutigen Rivalen.

Mehr noch als die für das Genre unverzichtbaren (und mit E.J. Bonilla und Gbenga Akinnagbe überzeugend besetzten) Doppelagenten und gedungenen Mörder sind es die Familienmitglieder, die den Leben-oder-Tod-Szenarien ihren Stempel aufdrücken. Was wiegt der Konflikt zweier Agenten der gleichen Behörde gegen den Konflikt zweier Väter der gleichen Tochter?

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