Drama | USA 2021 | 97 Minuten

Regie: Alanna Brown

Während des Völkermords in Ruanda 1994 finden vier sehr unterschiedliche Frauen in einem Kellerverlies Schutz vor der Gewalt in den Straßen. Zunächst rechnen die Frauen noch mit schneller Rettung, doch dann müssen sie immer länger in dem kleinen Raum ausharren, während Hunderttausende Tutsi und moderate Hutu brutal ermordet werden. Ein klaustrophobisches Drama um eine Überlebensgeschichte, die auf Zeugenaussagen von Überlebenden des Genozids beruht. Die Angst, das Leiden der Frauen und ihre Konflikte untereinander weichen allmählich der Beschwörung eines Schwesternbundes, der Versöhnung symbolisieren soll, dabei aber so überhöht wird, dass die Komplexität von Geschichte auf der Strecke bleibt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
TREES OF PEACE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Alanna Brown
Buch
Alanna Brown
Kamera
Michael Rizzi
Musik
David Buckley
Schnitt
Gabriel Fleming · Kiran Pallegadda
Darsteller
Eliane Umuhire (Annick) · Charmaine Bingwa (Jeanette) · Ella Cannon (Peyton) · Bola Koleosho (Mutesi) · Tongayi Chirisa (Francois)
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Während des Völkermords in Ruanda im Jahr 1994 verstecken sich in einem kleinen Kellerverlies vier sehr unterschiedliche Frauen, um dem Horror draußen zu entkommen, und halten trotz Meinungsverschiedenheiten und diverser Herkunft zusammen.

Diskussion

Der Genozid, der 1994 in Ruanda stattfand und bei dem eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu von fanatischen Hutu-Milizen auf brutalste Weise ermordet wurden, hat bereits ein Dutzend Filme beschäftigt, darunter größere englischsprachige Produktionen wie „Hotel Ruanda“ (2004) oder „Shooting Dogs“ (2005). Während diese beiden Filme die Rettungsaktion eines Hotelmanagers und das Versagen der UNO-Blauhelme thematisierten, konzentriert sich das Kammerspiel „Trees of Peace“ der US-Regisseurin Alanna Brown auf vier Frauen, deren Leben akut bedroht ist und die die Ausnahmesituation zusammenschweißt. Annick Irakoze (Eliane Umuhire), eine junge Frau, hat ein schönes Haus, einen liebevollen Ehemann und ist im fünften Monat schwanger. Doch als im April 1994 das Morden in Ruanda beginnt, räumen Annick und ihr Mann François ein kleines Kellerdepot unter einem Teppich in ihrer Küche frei und versorgen sich mit Lebensmitteln. Beide sind gemäßigte Hutu, und nach außen hin darf nichts den Anschein erwecken, dass sie mit Tutsi sympathisieren könnten. Dabei ist François (Tongayi Chirisa) Lehrer und unterrichtet in seiner Schule sowohl Hutu- als auch Tutsi-Schüler. Er muss so tun, als ob alles beim Alten wäre, während Annick offiziell zu Verwandten gefahren ist, in Wirklichkeit aber durch die Luke in das kleine Versteck hinabsteigt, in dem sie bald nicht mehr allein ist. Die Nonne Jeannette (Charmaine Bingwa), die US-amerikanische Entwicklungshelferin Peyton (Ella Cannon) und die junge Tutsi-Frau Mutesi (Bola Koleosho) nimmt Annick dort ebenfalls auf.

Das Morden wird von Tag zu Tag schlimmer

Die Frauen glauben, dass sie lediglich ein paar Tage ausharren müssen und hoffen auf Rettung. Doch François, ihr einziger Kontakt nach draußen, bringt immer schlechtere Nachrichten. Die UN-Truppen sind abgezogen, und das Morden wird von Tag zu Tag schlimmer. Die vier Frauen müssen sich also auf einen längeren Aufenthalt einstellen, und das in der Enge ihres Verstecks, das außer kargen Betonwänden und einem harten Holzboden nichts zu bieten hat. Immerhin können sie durch eine lose Diele eine provisorische Toilette einrichten und erhalten durch eine kleine Luke Luft. Das vergitterte Rechteck fungiert als ihr Fenster zur Welt, doch dort lauert auch der Horror, den sie zum Teil hautnah erleben müssen. Jugendliche werden gezwungen, sich den Mördern anzuschließen, und einmal erleben die vier Zwangsinsassinnen die Vergewaltigung und Ermordung einer Tutsi-Frau nur wenige Meter von ihrem Versteck entfernt mit. Ständig patrouillieren fanatische Hutu-Mörder mit blutigen Macheten vor ihrem Fenster hin und her, während die vier Frauen im Keller nicht wissen, wie sie ihre Angst bändigen sollen.

Denn sie können nicht nur nach draußen gucken, sondern man kann, wenn man sich bückt, auch zu ihnen hineinschauen. Einmal fliegen die vier verängstigten Frauen fast auf, als ein kleiner Junge, dessen Ball vor das Versteck gekullert ist, sie neugierig durch das kleine Fenster mustert. Noch wissen die vier Frauen nicht, welche schier nicht enden wollenden Qualen auf sie zukommen, denn ihr Aufenthalt wird mehrere Monate dauern.

Zeugenberichte über den Genozid als Basis

Alanna Brown hat ihren Film, der nun auf Netflix zu sehen ist, acht Jahre lang vorbereitet. Sie hat Zeugenberichte von Überlebenden des Genozids gelesen, die auch viel Zeit in Verstecken zugebracht haben, und sie zu einem Drehbuch kondensiert. In der Enge des Verlieses prallen nicht nur unterschiedliche Charaktere aufeinander, sondern auch Frauen sehr verschiedener sozialer und ethnischer Herkunft. Das wirkt zuweilen plakativ, denn so erscheinen die Frauen eher als Stellvertreterinnen einer Minderheit oder Weltanschauung denn als Individuen mit Stärken und Schwächen. Andererseits müssen in der Enge und der extrem angespannten physischen und psychischen Situation Konflikte entstehen. Die Frauen machen sich gegenseitig Vorwürfe, offenbaren Vorurteile und stehen alle kurz davor, sich und ihre drei Leidensgenossinnen gewollt oder ungewollt den Mördern buchstäblich ans Messer zu liefern.

Dabei muss das Drama den Spagat vollführen, die Zuschauer in einen der schlimmsten Völkermorde des 20. Jahrhunderts eintauchen zu lassen, ohne dabei zu verharmlosen oder zu sehr zu schockieren. Die Gratwanderung gelingt meistens, da sich der Film auf seinen klar definierten klaustrophobischen Schauplatz konzentriert und die Gefahr von draußen meist akustisch nachstellt. Anfangs streiten sich die vier Frauen heftig, offenbaren Verfehlungen, für die sie sich schuldig fühlen, und machen sich dadurch angreifbar. Doch je aussichtsloser und trister ihre Situation wird, desto mehr halten sie zusammen. Der Film optiert schließlich dafür, die Verbundenheit der Frauen weniger als Einsicht in die Notwendigkeit darzustellen denn als die allmähliche Entstehung eines Schwesternbundes, in dem sich alle gegenseitig beistehen. Die drei anderen helfen der bildungsfernen Annick, das Schreiben wieder zu erlernen, und das ergibt ein paar schöne Bilder: Allmählich füllen sich die leeren Betonwände des Verstecks mit unzähligen Inschriften der Frauen, die wie Graffiti aussehen.

Ein etwas naives Geschichtsbild

Schließlich lesen sich die vier gegenseitig aus einem Buch mit dem symbolischen Titel „Seeds of Love“ vor, das für den Film erfunden wurde und die Solidarität der vier Heldinnen beflügeln soll. So beschwört der Film einen Zusammenhalt von Frauen, dessen Überhöhung am Ende eine naive Vorstellung von Geschichte offenbart. Im Abspann wird über die von Frauen initiierten Versöhnungsprozesse nach dem Völkermord, die Gacaca, berichtet und dass sie dazu beigetragen hätten, dass die Überlebenden ihren Peinigern verziehen hätten. Dass jedoch in einem Land, in dem die Mehrheit der unzähligen Täter sich heute ungestraft bewegen kann, selbst nach Jahrzehnten kaum unbeschwerter Frieden einkehren wird, zeigen die Erfahrungen aus anderen Ländern wie Spanien, wo sich Opfer der Franco-Diktatur bis heute nicht vollkommen sicher fühlen und die Traumata fortbestehen.

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