Historienfilm | Südkorea 2019 | 106 Minuten

Regie: Ko Myoung-Sung

In einer Herbstnacht im Jahr 1953 wird ein berühmter koreanischer Dichter ermordet. Ein vom Militär beauftragter Kommissar ermittelt in einem orientalischen Teehaus, das den Künstlern, Dichtern und Denkern Seouls als Treffpunkt dient. Seine anfangs freundlichen Befragungen wandeln sich bald zum brutalen Verhör, in dem die Intellektuellen von Zeugen zu Verdächtigen werden. Das Kammerspiel vermag als überkonstruierter Krimi im Zuge seiner zahllosen Volten kaum die Spannung zu halten, ist als Mikrokosmos einer gerade erst in zwei Teile zerrissenen Nation aber durchaus interessant und aufschlussreich. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE 12TH SUSPECT | YEOLDU BEONJJAE YONGUIJAA
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2019
Regie
Ko Myoung-Sung
Buch
Ko Myoung-Sung
Kamera
Park Jong-chul
Musik
Koo Ja-wan
Schnitt
Kim Soo-beom
Darsteller
Kim Sang-kyung (Kim Gi-Chae) · Heo Sung-tae (No Seok-Hyun) · Kim Dong-Young (Park In-Seong) · Jung Ji-Soon (Woo Byung-Hong) · Park Seon-yeong (Jang Seon-Hwa)
Länge
106 Minuten
Kinostart
23.06.2022
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Historienfilm | Krimi

Kammerspielartiger Krimi um den Tod eines koreanischen Dichters kurz nach dem Ende des Bürgerkrieges 1953, in dem die Zerrissenheit des zweigeteilten Landes aufgedeckt wird.

Diskussion

Korea liegt am Boden. Wenige Monate nach Ende des Krieges im Sommer 1953 ist das Leben zwar auf die Straßen, aber die Farbe noch nicht in das Leben zurückgekehrt. Das orientalische Teehaus, in das die Kamera gemeinsam mit einem ihrer Besucher, dem Dichter Baek Doo-Hwan, einkehrt, ist ein entsprechend fahler Ort: nackte Wände, fades Licht und kein Farbton, der sich über ein Grau oder Braun hinauswagen würde. Allein das rote Abendkleid der Gastgeberin sticht als die verbotene Farbe der verfeindeten Kommunisten aus der Nachkriegstristesse hervor, in der die Künstler, Dichter und Denker, die das Teehaus anzieht, Gespräche über ihre Werke, den Tod und immer wieder den 38. Breitengrad führen; jene Demarkationslinie, die viele von ihnen im Krieg überschreiten mussten und die Korea noch heute in zwei verfeindete Staaten trennt.

Bald fällt die freundliche Fassade

Nach dem Tod des berühmten Poeten taucht Inspektor Kim Gi-Chae im Teehaus auf, ein Ermittler des Militärs. Der Treffpunkt der Intellektuellen wird alsbald zum Verhörraum. Kim Sang-kyung verkörpert den perfekt gestriegelten Unteroffizier, dessen freundliche Fassade bald fällt, um den glühenden Diensteifer zu offenbaren, mit dem er nicht nur im Falle eines ermordeten Dichters ermittelt, sondern Jagd auf die Feinde der Nation macht, magisch angezogen vom roten Schimmer der angeblichen kommunistischen Kollaborateure, die er überall wittert. Bald hält er das Teehaus, unterstützt von zwei bewaffneten Infanteristen, in Schach.

Die anfangs noch vom diffusen Licht und dem geteilten Schicksal zusammengehaltene Gruppe der Intellektuellen wird bald von der Brutalität der Befragung und den persönlichen Geheimnissen entzweit, die dabei zu Tage treten. Die Dunkelheit wird sichtbarer, die Kontraste schärfer, das Teehaus in einzelne Lichtinseln zerteilt. Plötzlich steht jeder in Verdacht, entweder Täter, Kollaborateur oder schlicht ein Kommunist zu sein. Eine Anschuldigung, die schon im Kalten Krieg schwere Folgen nach sich zog, und die im direkten Anschluss an einen heißen Krieg, der erst nach heftigem Blutzoll zu einem brüchigen Waffenstillstand fand, nach umso härteren Konsequenzen verlangt.

Ein Abbild des zerrissenen Landes

Das Teehaus ist für Regisseur Ko Myoung-Sung dabei der Mikrokosmos, der eine von Ideologie und Waffengewalt auseinandergerissene Nation spiegelt. Das Whodunit, das sich hier als Kammerspiel entfaltet, ist alles andere als subtil und mit seinen zahlreichen Volten derart überkonstruiert, dass der Spannungsbogen die Last der koreanischen Geschichte kaum zu tragen vermag. Dennoch ist der Debütfilm gelungen, weil er eine auf winzigen Raum ausgebreitete Darstellung einer Nation entfaltet, die aus dem Trauma ihrer Teilung in eine von Schmerz und Armut geprägte Autokratie hineinwuchs.

Der untersuchte Mordfall ist so tief in die junge koreanische Historie verstrickt wie die Anwesenden in den Mordfall. „The 12th Suspect“ führt diese Prämissen, den Regeln der Logik folgend, zum Abbild eines jungen Nachkriegs-Koreas zusammen. Alle, gleichgültig ob Zivilisten, Soldaten, Dichter oder Denker, sind in den Krieg verstrickt gewesen. Ihre Erinnerungen aber ergeben ein zunehmend widersprüchliches Bild, das die mit einem freundlichen Lächeln begonnene Ermittlung schnell als das Begleichen alter Rechnungen und das Ersticken freiheitlicher Stimmen entlarvt.

Der Weg in Richtung eines demokratischen Koreas scheint in diesem spezifischen Moment, um den das Kammerspiel kreist, in weiter Ferne; die Idee eines vereinten Volkes gänzlich undenkbar. Zu blutig war der Krieg, zu laut sind die Stimmen, die den Hass beider Völker, die eigentlich ein Volk sind, mit nationalistischem Pathos und dem darin verpackten Hass füttern.

„12th Suspect“ ist ein Film über diese Stimmen, aber vielleicht noch eher ein Film über jene, die mit der Geburtsstunde Südkoreas zum Schweigen gebracht wurden.

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