Action | Südkorea 2022 | 132 Minuten

Regie: Jung Byung-gil

Ein koreanischer Agent erwacht ohne Gedächtnis, umzingelt von CIA-Agenten und mit einer Stimme im Kopf, die ihm Befehle erteilt. Auf der Suche nach seiner Identität und einem Serum für ein tödliches Virus rettet er die Tochter des Wissenschaftlers, der angeblich ein Heilmittel entwickelt hat. Der ebenso haarsträubende wie belanglose Plot entrollt sich ohne sichtbaren Schnitt, wobei das virtuos-strapaziöse Actionspektakel sukzessive seine narrative Kontinuität, die Hauptfiguren und alle angedeuteten thematischen Motive aus den Augen verliert. Als ästhetisch überformte Stilübung ist der Film in seiner Konsequenz aber ein singulärer Beitrag zum Genrekino. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
CARTER
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2022
Regie
Jung Byung-gil
Buch
Jung Byeong-sik · Jung Byung-gil
Darsteller
Joo Won (Carter) · Lee Sung-jae (Jong-hyuk Kim) · Camilla Belle (Agnes) · Kim Bo-Min (Ha-na Jung) · Foster Burden (CIA-Agent)
Länge
132 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Action | Thriller

Haarsträubendes, in seiner ästhetischen Überformung singuläres Actionspektakel um einen koreanischen Agenten ohne Gedächtnis.

Diskussion

Carter (Joo Won) weiß nicht, wer er ist. Bevor er es erfährt, sind ein Dutzend Waffen auf ihn gerichtet. Doch ehe die CIA-Agent:innen die Situation klären können, reißt eine Explosionen der einen den halben Schädel weg. Eine Stimme in Carters Kopf befiehlt ihm, die Verwirrung zu nutzen. Carter springt aus dem Fenster und schlägt im Pool des Nebengebäudes auf. Der Arm eines CIA-Agenten, die Pistole noch fest umklammert, klatscht hinter ihm in das Wasser.

Die Gäste im Badehaus, die zunächst noch mit einer an den Füßen von der Decke hängenden Geisel beschäftigt sind, widmen ihre Aufmerksamkeit bald dem unbekannten Neuankömmling. Das Muster aus dem Nebengebäude setzt sich fort: Bevor Carter mehr über seine Identität oder die Stimme in seinem Kopf erfährt, muss er das Bade- in ein Schlachthaus verwandeln. Das Wasser ist bald rot, die Fliesen sind mit tätowierten Leichen bedeckt. Carter entkommt derweil, indem er einen seiner Widersacher als Sprungpolster benutzt. Kaum ist er auf dem leblosen Körper eines anderen auf die Straße geprallt, beginnt die nächste Verfolgungsjagd. Ein Muster, das der Film ohne sichtbaren Schnitt über mehr als zwei strapaziöse Stunden fortsetzt.

Ein Virus, ein Wissenschaftler und viele Agenten

Was Carter inmitten des permanenten Überlebenskampfes über sich und die Welt erfährt, ist so wahnwitzig, wie es letztlich belanglos ist. Ein Virus, dessen Ursprung in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea vermutet wird, hat das Land befallen. Dem Norden droht der vollständige Kollaps, der Süden gilt als weitgehend virusfreie Zone. Beide machen jagt auf den Wissenschaftler, der angeblich ein Serum entwickelt hat. Carter ist derjenige, der seine Tochter befreit.

Die Weltmächte, deren Agenten und Soldaten Carter zu Hunderten eliminiert, buhlen in den wenigen Momenten, in denen nicht geschossen wird, um die Gunst des gedächtnislosen Superagenten. Die Stimme in seinem Ohr erklärt ihm, er sei nordkoreanischer Agent mit gelöschtem Gedächtnis, die CIA raunt ihn in einem stillen Moment zu, er sei US-amerikanischer Agent mit falscher Identität und reicht zwischen den Schusswechseln die dazugehörigen Beweise nach. Die Story bläht sich Volte um Volte weiter auf, ohne je Einfluss auf das zu nehmen, was eigentlich passiert.

Für eine präzise Beschreibung von „Carter“ braucht weder das Virus noch das sicherheitspolitische Umfeld erwähnt zu werden. Der Film ist ein durch verschiedene Eskalationsstufen getriebenes „Einer gegen eine Million“-Experiment. Regisseur Jung Byung-gil führt damit konsequent den Stil fort, der bereits seinen Actionfilm „The Villainess“ prägte. Wo in „The Villiainess“ die aus dem Rudel laufende Action-Fingerübung mit weiblicher Hauptfigur noch stellenweise vom Melodrama geerdet wurde, regiert in „Carter“ der bloße Wille zur Virtuosität: keine einzige Sekunde steht die Kamera still, jeder einzelne Schnitt ist kaschiert, nie gibt es Zeit zum Durchatmen. Ob auf dem Boden, auf der Straße, in der Luft, auf der Schiene oder wie im Showdown überall gleichzeitig schwirrt die Kamera wie bei der Drohnen-Kunstflug-Weltmeisterschaft ums Geschehen.

Die Hauptfigur: ein Dummy für Stunts

Als weitgehend auf Reflexe und Funktionalität reduzierter Agent ist Carter die perfekte filmische Entsprechung des stillen Protagonisten der Videospielwelt. Von gelegentlichen Willensandeutungen und ein paar Sätzen abgesehen, dient er allein als Dummy für die zu vollführenden Stunts. Die dazugehörigen Handlungsorte sind sukzessive eskalierender Wahnsinn; eine Film gewordene Abfolge von Levels, gefüllt mit Unbeteiligten, die sich dem Skript nach auf den Protagonisten werfen, um spektakulär das Zeitliche zu segnen.

Die permanent zur Schau gestellte Virtuosität ließe sich zurecht als Gimmick abtun, das dem Film mehr schadet als ihm zu nutzen. Die erstaunlichen Verbiegungen, die der Film anstellt, um seine Schnitte zu verbergen, scheren sich nicht im Geringsten um den Orientierungssinn des Zuschauers, geschweige denn um den Verbleib der beteiligten Figuren. Eine Schleudertrauma-Optik, die man Camp nennen könnte, wenn Regisseur Jung Byung-gil sie dem Film nicht mit heiligem Ernst und der dazugehörigen Konsequenz aufzwingen würde. Das ist weder schön anzusehen noch gut verdaulich, aber eben doch so etwas wie der Versuch, eine Form von Action-Ästhetik fortzusetzen. „Carter“ mag daran scheitern, aber zumindest ist es ein grandioses Scheitern.

 

Kommentar verfassen

Kommentieren