Drama | Taiwan 2022 | 122 Minuten

Regie: CJ Wang

Eine Kunstlehrerin, die einst davon träumte, selbst Künstlerin zu werden, dann aber einen konventionellen Lebensweg einschlug und sich um ihre Familie kümmerte, sucht kurz vor dem Ruhestand eine neue Wohnung, auch um wieder selbst zu malen. Doch im hochmodernen Taipeh ist es nicht leicht, etwas zu finden, zumal mit einem geringen Gehalt. Ihre Familie ist keine große Hilfe, sondern bringt nur noch mehr Sorgen und Probleme. Ein Drama, das mit seiner Geschichte um die Entsagungen eines Frauenlebens, alte Träume und neue Gier durchaus ambitionierte Themen angeht, sich aber in schlecht inszenierten Traumsequenzen und Abschweifungen verliert, die allzu beliebig aufeinanderfolgen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
RECLAIM
Produktionsland
Taiwan
Produktionsjahr
2022
Regie
CJ Wang
Buch
CJ Wang
Darsteller
Paw Hee Ching (Yeh Lan-hsin) · Kou Shih-Hsun (David) · Lu Yi-ching · Ko Chia-Yen · Alice Ko
Länge
122 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Ein taiwanesisches Drama um eine Frau kurz vor dem Ruhestand, in der noch einmal die einst aufgegebenen Träume ihrer Jugend wach werden. Der Wunsch, in dieser Situation eine größere Wohnung zu finanzieren, bringt Turbulenzen mit sich.

Diskussion

Frau Yeh schaut aus dem Zugfenster und ihre Spiegelung schaut von außen hinein. Zwei Leben fahren gemeinsam durch die Jahre, ein echtes und ein geisterhaft durchscheinendes. Im Voiceover ein Streitgespräch mit ihrer Mutter. Wir erfahren, was hätte sein können: Ein Kunststudium in Paris, eine Karriere, Ruhm, Weltruhm gar. Stattdessen: Heirat, zwei Kinder, Kunstunterricht geben. Ein kleines Appartement und ein Ehemann, der kaum seinen Sessel verlässt. Das Langfilmdebüt „Reclaim“ der Taiwanesin CJ Wang erzählt von Träumen und Wirklichkeit, und trifft dabei eine einzige interessante Entscheidung - immerhin.

Nichts kommt so wie geplant

Denn eigentlich bringt die Sehnsuchtsmaschine Kino für alte Menschen viel zu oft dieselbe Dramaturgie in Stellung. Das Gewicht des langen Lebens wird abgeworfen, man bricht aus und flieht in die unerfüllten Jugendträume. Man reist noch mal ans Meer oder tanzt wie früher. Das Leben war doch keine Falle, nur ein langer Anlauf. Man wird, wer man nie war. Nicht so in der Geschichte von Yeh Lan-hsin, verkörpert von Nina Paw. Ihre Paris-Postkarte bleibt ein Traum aus dünner Pappe. Sie wird von der Regisseurin unter Alltag begraben, umgeben mit ärgerlicher Normalität. Ihre Tochter wird arbeitslos und zieht zurück zu den Eltern. Dabei will Lan-hsin das freie Zimmer eigentlich für die Pflege ihrer fünfundachtzigjährigen Mutter verwenden. Und der älteste Sohn, der im Ausland studiert hat, will plötzlich doch Landwirt in Taiwan werden. Nichts kommt so wie geplant.

Ein Bild dafür früh im Film: Yeh baut Miniaturen, richtet liebevoll und detailgetreu eine winzige Wohnung ein. Wie alle Kunst ein Reich, über das man herrscht, wie über sonst keinen Ort. Doch die Pinzette will gerade ein winziges Objekt an den richtigen Ort bewegen, da stößt jemand grob von außen gegen das Diorama. Selbst was sie von eigener Hand erbaut, wird von fremder Macht durcheinandergewirbelt.

Die Kamera hält nie still

Natürlich sind viele der späteren Bilder aufgebaut und gerahmt wie kleine Schaukästen, raumgreifende Totalen, der Zuschauer blickt von außen hinein in diese Puppenwelten. Ein unruhiger Zuschauer, will man meinen, denn die Kamera hält nie still. Sie wirkt der starren Miniaturwelt-Logik entgegen, gleitet fast ein bisschen geistesabwesend mal hier- oder dorthin. Für ein Küchengespräch zwischen Mutter und Tochter steigt sie aus der Spüle auf, als hätte man dort einen winzigen Kran aufgestellt, und findet nach diesem Bogen die Zweiereinstellung. CJ Wang kommt vom Theater und ist Autodidaktin. Bisweilen scheint es, als wäre die Bewegung eine pflichtschuldige Ergänzung zu den starren Bühnenräumen. Theater plus Bewegung gleich Kino? Die Rechnung geht nicht auf.

Die Kamera sucht die Räume und findet sie, und ist damit ihrem Gegenstand ein Stück voraus. Um wieder zu malen bräuchte Frau Yeh eine größere Wohnung, und die ist in Taipeh nicht so leicht zu bekommen. Der Immobilienmarkt ist umkämpft. Für ihre Malstunden für Grundschüler wird sie so schlecht bezahlt wie für alle schönen, kleinen Dinge, die die Welt ein wenig besser machen. Ihr Ehemann David (Kou Shih-Hsun) ist schon in Rente, außerdem wirft er für allerlei „Investitionen“ Geld aus dem Fenster: Teekannen, Taubenzucht; als seine Tochter (Lu Yi-Ching) ihm per VR-Brille einen Entwurf aus ihrem Architekturbüro zeigt, will er sogar eine Virtual-Reality-Lounge eröffnen. Niemand in der Familie scheint Geschäftssinn zu besitzen, jeder scheitert auf seine Weise.

Jede Geschichte über Träume ist eine Geschichte über Geld

Frau Yeh gerät an einen eigentlich vertrauenserweckenden jungen Anlageberater, der ihr ein Vielfaches ihrer Investition verspricht. Alles scheint so einfach. Die einladenden Glasfassaden dieses modernen, ein wenig zu gleichmäßig beleuchteten Taipehs, erweisen sich immer wieder als transparente Lüge. Jede Geschichte über Träume ist, so zeigt es der Film, eigentlich eine Geschichte über Geld. So ist die Welt eingerichtet. Seltsam nur, wie „Reclaim“ mit dieser vielleicht bitteren, vielleicht einfach realistischen Erkenntnis umgeht: Der Film betäubt den Schmerz mit albernen Stilblüten. Allen voran der Soundtrack, eine blödklimpernde Hölle von Xylophonen und Windspielen, zu abgeschmackt für eine dieser inspirierenden Supermarkt-Werbungen. Auch das ewig glitzernde Licht und die Vorabendserien-Kamerafahrten erzeugen ein Gefühl von taubem, sterilem Pathos. Als würde die Form wie Vaseline auf die Linse geschmiert, um den banalen Schrecken konsumierbar zu machen. Ein klarer Blick sieht anders aus.

Wenn Frau Yeh durch die Straßen ihrer Kindheit schlendert und dabei mit ihrer alternden Mutter über verlorene Träume spricht, dann fühlt man sich wie in einer Parodie auf Hirokazu Kore-edas Dramen. Es fehlt die Würde, die Eleganz, die simple Präzision. Große Wirkung aus kleinen Verschiebungen. Stattdessen wirr aufeinanderfolgende Traumsequenzen und Handlungs-Umwege. Gleich zweimal begegnet sich unsere Protagonistin auf einem Markt selbst, als Kind an der Hand ihrer Mutter. Die Kamera nimmt kurz den Blick der jungen Lan-hsin an. Eine etwas aufwändigere Paraphrase der Kernthematik, die ins Nichts läuft.

Halbherzige Alltagstrümmerromantik

Später erhält sie in ihren Träumen bunte Blumen, in einer Welt, in der sich alle Sehnsüchte erfüllt haben und wirklich alle Bilder starre Schaukästen geworden sind. Emphasen, die ein Gefühl von Erkenntnis und Fortschritt behaupten, das sich aus den Ereignissen schwerlich ablesen lässt. Dann, zuletzt: Die Großmutter geht am Flughafen verloren. Frau Yeh wartet, die Menschen ziehen im Zeitraffer an ihr vorbei. Eine Art Finale. Spoiler: Sie findet sie. Man verspürt die zornige Originalitätssucht eines Films, der gerne mehr wäre, als er ist, und dadurch noch weniger wird.

„Reclaim“ heißt zurückfordern, je nach Kontext sogar zurückerobern. Ein kämpferischer, emanzipatorischer Titel. Doch genau das passiert im Film nicht. Eher stellt sich eine neue Genügsamkeit ein, die immer dezent verzweifelte Freude an den kleinen Dingen, am Bestehenden. In den Dialogen geht es immer wieder um den Widerspruch zwischen Individuum und Gemeinde. Doch Antworten, Haltung, Ideen zu solchen Fragen – Fehlanzeige. „Reclaim“ ist halbherzig romantisch, ein konfuser Film, der sich selbst und seine Zuschauer verwirrt. Der Film glaubt seinen falschen Glanz, liebt seine halbherzige Alltagstrümmerromantik. Zumindest in der Sehnsucht nach mehr ist man bei der Hauptfigur, doch in ihrer milden Enttäuschung muss man sie alleinlassen. Sie hat ja noch ihre Spieglung.

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