Wir sind dann wohl die Angehörigen

Drama | Deutschland 2022 | 118 Minuten

Regie: Hans-Christian Schmid

Am Abend vor der Entführung des Hamburger Sozialforschers Jan Philipp Reemtsma im März 1996 gerät der mit seinem 13-jährigen Sohn Johann wegen einer Klassenarbeit aneinander. Das Verbrechen löst in dem Jugendlichen widersprüchliche Gefühle aus und lässt ihn die distanzierte Beziehung zu seinem Vater neu bewerten. Nach den autobiografischen Erinnerungen des Sohnes setzt der intensive Film die beklemmende Ohnmacht der Angehörigen eindringlich in Szene. Ihre permanente Anspannung angesichts der Willkür der Täter wird in eine quälende Form der Spannungsdramaturgie übersetzt, die ohne viele Worte eine große emotionale Dichte erschafft. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Hans-Christian Schmid
Buch
Hans-Christian Schmid · Michael Gutmann
Kamera
Julian Krubasik
Musik
The Notwist
Schnitt
Hansjörg Weissbrich
Darsteller
Claude Heinrich (Johann Scheerer) · Adina Vetter (Ann Kathrin Scheerer) · Justus von Dohnányi (Johann Schwenn) · Hans Löw (Christian Schneider) · Yorck Dippe (Vera)
Länge
118 Minuten
Kinostart
03.11.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Intensives Drama über die Perspektive der Angehörigen während der Entführung des Hamburger Sozialforschers Jan Philipp Reemtsma im März 1996.

Diskussion

Der 13-jährige Johann vergräbt den Kopf in seinem Kapuzen-Pullover, um dem Blitzlichtgewitter der Journalisten auszuweichen, als er mit seiner Mutter Ann Kathrin losfährt, um seinen Vater wiederzusehen. 33 Tage lang existierte eine Stillhalte-Vereinbarung mit der Presse, als der Hamburger Sozialforscher und Mäzen Jan Philipp Reemtsma am 25. März 1996 aus seinem Haus in Blankenese entführt worden war.

Nach seiner Freilassung überschlagen sich die Medien in der Berichterstattung über den Kriminalfall mit einem spektakulär hohen Lösegeld von 30 Millionen Mark. Doch hinter den Kulissen des Verbrechens sieht es anders aus; es herrscht grausame Ruhe und eine ohnmächtige Lähmung bei den Angehörigen. In diesen unerträglich langen viereinhalb Wochen spürte Johann das erste Mal eine existenzielle Angst. Als er im Auto sitzt, kommt ihm ein Satz seines Vaters in den Sinn: „Zwischen uns drei passt keine Briefmarke.“ Doch das Beziehungsgefüge der Familie wird durch den traumatischen Vorfall erschüttert und ordnet sich neu an den vorher unmerklichen Bruchlinien.

Kaum ein anderer deutscher Regisseur vermag es so wie Hans-Christian Schmid, die Komplexität von Familienkonstellationen mit so viel zurückgenommener Feinfühligkeit zu entfalten. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit, Sprachlosigkeit szenisch einzufangen, die in festgefahrenen Konflikten gipfelt, und sie in genau beobachtete Erkenntnis- und Entwicklungsmomente zu überführen. „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ basiert auf den gleichnamigen autobiografischen Erinnerungen von Johann Scheerer und zeigt eine ungewöhnliche Perspektive auf das Ereignis der Entführung, die sich auch auf andere Kontexte übertragen lässt: die schwer fassbaren und oft widersprüchlichen Empfindungen der indirekt durch die Gewalt Betroffenen. Ihre seelischen Verwundungen sind durch die enge Verbundenheit mit den Opfern kaum weniger intensiv.

Irrationale Schuldgefühle

Und so kann eine banale Alltagsszene wie das trotzige Ende eines Gesprächs sich plötzlich lösen und in der Erinnerung eine quälende Eigendynamik annehmen, wenn es der letzte Moment war, den man mit dem Opfer teilte. Für Johann ist das ein Streit mit seinem Vater um eine Lateinarbeit am Abend vor seinem Verschwinden. Der Junge, der gerade von der Bandprobe mit seinen Freunden nach Hause zurückgekehrt ist, will am liebsten seine Ruhe haben. Reemtsma bittet ihn jedoch hinüber in sein Studienzimmer, um ihn ein paar lateinische Verse übersetzen zu lassen. Durch den Garten führt ein Weg zu einem weiteren Haus auf dem Grundstück, das sich im Besitz der Familie befindet.

Als ein Polizist später irritiert fragt, ob die Eltern getrennt leben, verneint Johann mit großer Selbstverständlichkeit und fügt hinzu, dass all die Bücher des Vaters doch unmöglich in einem Haus untergebracht werden könnten. Es sind solche beiläufigen Bemerkungen, die das schwierige Verhältnis zwischen Reemtsma und seinem einzigen Sohn konturieren. So wie die Tatsache, dass die Eltern, ganz in 1968er-Manier, von Johann mit Vornamen angeredet werden möchten, anstatt mit „Mama“ und „Papa“. Und dennoch sieht man Johann erstarrt im professoralen Arbeitszimmer von Jan Philipp, das ganz eindeutig eine andere Welt darstellt als seine jugendliche, die sich hauptsächlich um Post-Punk, Gitarren und Kumpels dreht.

In schmerzhafte Nähe gerissen

Reemtsma sehnt sich sichtlich danach, all seine Gedanken und sein Wissen mit dem Sohn zu teilen, doch die vorgetragenen Anekdoten über das antike Rom kippen schnell ins Oberlehrerhafte. „Du willst doch nur zeigen, was du alles weißt“, bricht es aus dem gekränkten Jungen hervor, den Vergils „Aeneis“ herzlich wenig interessiert. Wütend und enttäuscht geht man auseinander. Nebenan sitzt die Mutter in ihrem Arbeitszimmer, das noch ein anderer Kosmos ist, dient es der Psychoanalytikerin doch auch als Praxisraum für ihre Patienten.

Als sie Johann in der folgenden Nacht weckt, ist nichts mehr wie zuvor. Eine Handgranate liegt auf der Treppe am Hauseingang, darunter ein Schreiben der Entführer mit der Forderung nach Lösegeld. Erst später werden Mutter und Sohn die Blutspur daneben realisieren und was sie bedeutet. Ann Kathrin versucht lange die grausamen Details für sich zu behalten, die ihr von den Tätern zugespielt werden. Sie bittet einen Freund der Familie, ihrem Sohn Gesellschaft zu leisten und ihn abzulenken, während die Polizei im Haus Einzug hält und Abhörgeräte installiert. Zunächst fühlt sich der Junge wie betäubt, doch schon bald realisiert auch er, wie ernst die Lage wirklich ist.

Die beiden Beamten, die fortan Tag und Nacht mit ihnen leben, gelten als Betreuer, tragen aber Decknamen. Und so ist auch das Verhältnis zu ihnen von einer seltsamen Ambivalenz geprägt. Einerseits sollen sie die Familie auffangen und beim Kontakt mit den Entführern unterstützen, andererseits sind sie primär den Interessen der Ermittler verpflichtet, die auf korrekten Abläufen bestehen. Dazu gehört auch, dass die Angehörigen in viele Vorgänge nicht eingeweiht werden.

Immer mehr zeichnet sich ein grundsätzlicher Konflikt ums gemeinsame Vorgehen ab. Ann Kathrin will die Geldübergabe mit Hilfe eines Anwalts so schnell wie möglich hinter sich bringen und alle Forderungen der Täter erfüllen. Die Polizei dagegen beharrt darauf, erst so viele Beweise wie möglich zu sammeln, womit sie das Opfer zunehmend in Gefahr bringt.

Mitmenschen oder Gegenmenschen

Zu den eindringlichsten Szenen des Films gehört eine Konfrontation der Mutter mit dem Leiter der Ermittlungen im Polizeipräsidium. Immer wieder hat man sie vertröstet und die Suche nach einem persönlichen Gespräch abgewiesen. Als sie von dem Beamten verlangt, dass die Polizei sich, wie von den Tätern gewünscht, zurückzieht, verneint er das mit dem Verweis darauf, dass die Täter anders dächten und die Situation aus einer völlig anderen Perspektive sähen. Reemtsma sei für sie ein potentieller Zeuge, dessen Leben nur so lange einen Wert habe, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Man könnte mit den Worten von Jean Améry hinzufügen, sie seien den Opfern gegenüber nicht mehr Mitmenschen, sondern „Gegenmenschen“.

Reemtsma selbst hat in seinem Überlebendenbericht „Im Keller“ auf diese zerstörerische Negation der sozialen Resonanz und Amérys eigene Schilderungen von Folter Bezug genommen. Hans-Christian Schmid übersetzt diese erdrückende Erfahrung in ebenso reduzierte wie eindringliche Szenen. Wenn am Telefon die mechanisch verzerrte Stimme der Entführer kaum zu verstehen ist und jeder Versuch, ins Gespräch zu kommen, brutal abgeblockt wird, überträgt sich das Ohnmachtsgefühl wie eine eigene Form des Suspense. Die permanente Anspannung, die sich aus der Willkür der Täter ergibt, jederzeit das Leben des Opfers beenden zu können, lässt die wohlgeordnete Distanz innerhalb der Familie zusammenbrechen, was unerwartete Verschiebungen zur Folge hat. So sieht Johann seine sonst so gefasste Mutter das erste Mal bei einem psychischen Zusammenbruch und muss für sie die Rolle eines Erwachsenen einnehmen. Und auch die Emotionalität seines Vaters, die sich in gefaxten Briefen zeigt, wirft ein völlig neues Licht auf die gemeinsame Beziehung. Unter Tränen sucht er nach seiner Reclam-Ausgabe von Vergil in der Mülltonne.

Emotionale Dichte ohne viele Worte

Schmid gelingt es zusammen mit dem Drehbuchautor Michael Gutmann, den Zwischentönen einer Eltern-Kind-Beziehung Raum zu geben und einen ganzen Generationenkonflikt über beiläufige Worte und Gesten zu erzählen. Da weite Teile von „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ im Haus spielen, erreicht die Inszenierung eine große emotionale Dichte. Auch im Wissen um den Ausgang der Entführung überträgt sich die Situation der Unvorhersehbarkeit für die Protagonisten und ihr Ausgesetztsein an die Gewalt mit fast schon körperlicher Intensität auf die Zuschauer.

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